Literatur Live
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16.12.2004
Philippe Claudel: "Die grauen Seelen"
Rowohlt
Rezensent: Tilman Krause

"Liebling der Buchhändler in Frankreich. Prix Renaudot 2003": so bewirbt der Rowohlt Verlag einen Roman aus Frankreich, der allen unseren Vorstellungen von der Literatur unseres Nachbarlandes Hohn spricht. "Die grauen Seelen" ist ein Buch, so düster und schwermütig, so regenschwer und nebelverhangen, dass man es jedem Autor hier zu Lande als "typisch deutsch" um die Ohren hauen würde.

Sein Anspruch ist es, zu zeigen, dass der Erste Weltkrieg nicht nur jenes furchtbare serienmäßige Abschlachten in den Schützengräben hervorbrachte, das man gemeinhin mit dem Stellungskrieg von 1914/18 assoziiert. Auch an der "Heimatfront", auch im Zivilleben wurde getötet und malträtiert, was das Zeug hielt.

Philippe Claudel entführt uns in eine Zeit, in der die untersten Instinkte zuoberst gekehrt werden. Zu seinem Lobe muss man sagen, dass er sein Kleinstadtpanorama im Norden Frankreichs mit sehr glaubhaft gezeichneten Figuren bevölkert. Aber dass der depressive Polizist, der hier einem mysteriösen Mord an der zehnjährigen Gastwirtstochter Belle nachspürt, sich am Ende auf die Ungewissheit des Lebens hinausredet, um sich plausibel zu machen, dass letzte Aufklärung in dem Mordfall nicht gegeben werden kann, das erscheint einem denn doch als allzu große Verliebtheit in den Weltschmerz.
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