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3.1.2005
Miklós Vámos:"Buch der Väter"
btb
Rezensent: Jörg Magenau

Der historische Bogen reicht vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 20. In zwölf Kapiteln, über zwölf Generationen hinweg, verfolgt der ungarische Schriftsteller Miklós Vámos das Schicksal einer jüdisch-ungarischen Familiendynastie. Der Erstgeborene jeder Generation hat die merkwürdige Fähigkeit, die Geschicke seiner Vorfahren und die eigene Zukunft vor dem inneren Auge zu sehen.

Doch dieses Wissen, das sie im sogenannten "Buch der Väter" aufschreiben und weitergeben, nützt ihnen wenig, um den drohenden Schicksalsschlägen zu entgehen. Denn die Geschichte läuft ab wie ein Film, der schon lange fertig ist, und in der jeder nur die Rolle zu spielen hat, die das Drehbuch für ihn vorschreibt.

Von wirtschaftlichen und künstlerischen Erfolgen handelt diese Familiengeschichte, aber auch von Taugenichtsen und Geldverschwendern, Frauenhelden und Spielern. Einzige, der Erzählkonstruktion geschuldete Pflicht: Ein jeder muss einen Sohn zeugen, um an ihn das Buch der Väter weiterzureichen. Familiengeschichten sind nun mal auf Fortpflanzung fixiert.

Am eindrücklichsten wird Vámos‘ Erzählung in den Kapiteln über die Zeit des Nationalsozialismus, als fast die ganze Familie deportiert und vernichtet wird. Nur einer überlebt in russischer Gefangenschaft und garantiert den Neuanfang nach dem Krieg in einer ungarischen Gesellschaft, die jede Erinnerung an ihren Antisemitismus gerne verdrängen möchte und gerade dadurch konserviert.
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