Literatur Live
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4.1.2005
Christine Wolter: "Marianne oder die Unsterblichkeit“
Faber&Faber
Rezensentin: Dunja Welke

Christiane Mariana von Ziegler, Tochter des Leipziger Bürgermeisters Romanus, war schon als Mädchen aus so genanntem guten Hause ungebändigt und eigenständig. Die Liebe hat sie zwei Mal unglücklich und zur jungen Witwe gemacht. Nachdem auch ihre beiden Kinder starben, begann sie in der Messe- und Buchstadt Leipzig einen literarischen Salon zu führen. Sie dichtete emotionsbetont und emanzipatorisch, durchbrach die konventionellen und metrischen Vorgaben der Barockzeit.

Der Großkritiker Gottsched förderte sie und ließ sie in der "Deutschen Gesellschaft" zur Poeta laureata krönen. Johann Sebastian Bach vertonte einige ihrer Kantaten. In Frau von Zieglers Salon gab man sich aufgeschlossen und modern und doch blühten Neid und Missgunst nicht nur der Männer, sondern auch der Salongefährtinnen. Eine späte Liebe zu einem jüngeren Geschichtsassessor führte Mariane - nun Frau von Steinwehr - in die Provinzstadt Frankfurt an der Oder, wo ihr Gatte Kariere macht und sie sich zurückzieht, vereinsamt und als Dichterin verstummt.

Ihrem Tod 1760 sowie ihrem ungewöhnlichen Frauenleben hat Christine Wolter, die in der DDR mit ihren Büchern "Wie ich meine Unschuld verlor" und "Die Alleinseglerin" ein vor allem weibliches Publikum ansprach, einfühlsam und originell nachgeforscht. Und sie zieht in einer zweiten Handlungsebene Parallelen zum Heute, denn die Männer genügen nach wie vor allzu oft nur den gesellschaftlichen Konventionen, sie verlieren sich selbst dabei und auch die Frauen. Christine Wolters Buch ist kein huldigendes Denkmal, sondern ein anschauliches Lebensbild ist entstanden, das die wenigen überlieferten Fakten phantasievoll und spannend ausdeutet.
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