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5.1.2005
Soti Triantafillou: "Die Bleistiftfabrik"
Zsolnay
Rezensent: Klaus-Rüdiger Mai

Der Kreuzpunkt von Familien- und Weltgeschichte ist in Soti Triantafillous breit angelegtem Roman das Scheitern. Über drei Generationen folgen wir der Familiengeschichte der Assimakis, einer griechischen Familie der gehobenen Mittelklasse. Die Leidenschaft der Männer ist die Technik, die Ehe gehen sie ohne Liebe ein, fast gedankenlos, weil es sich so gehört.

So führen die Frauen ihr eigenes ereignisloses und ungeliebtes Leben, das im Zirkel des Hauses stattfindet. Dennoch wird niemand verschont vom Wechsel der Zeiten: vom Fortschrittsoptimismus der Belle Epoque über die Wirren des Ersten Weltkrieges bis zu den Anfängen des Metaxas-Regimes in Griechenland am Vorabend des Zweiten Weltkrieges wird der zeitliche Bogen gespannt.

Für Luisas Vater ist eine Bleistiftfabrik noch der Inbegriff des Fortschritts und Traum der Selbstverwirklichung, für Luisa wird der Traum zu einer allzu kurzen Realität, denn sie muss ihre Fabrik kurz nach Gründung liquidieren: Der Traum lässt sich nicht verwirklichen, er ist gescheitert.

Der Roman ist opulent, durchaus lesenswert und spannend, allerdings hätte sich der Leser mehr Sorgfalt im Umgang mit historischen Personen gewünscht. Lenins Rolle in der Revolution von 1905 wird leider völlig falsch geschildert, und es hat auch nichts mit dichterischer Freiheit zu tun, wenn eine Hauptfigur 1905 Verse von Jessenin zitiert, die der Dichter erst 1922 schrieb.

Die unbestrittene und lesenswerte Stärke des Romans liegt nicht in diesen Ab- und Ausschweifungen, sondern in der Familiengeschichte der Assimakis.
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