Literatur Live
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12.1.2005
Patrick Neate: "Twelve Bar Blues"
Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins
Rezensent: Johannes Kaiser

Aus dem Englischen von Bernhard Schmid

Ein bekiffter Medizinmann, der durch die Zeiten eilt, wie unsereins in den Urlaub reist; ein naiver schwarzer Kornettspieler, der sich die Seele aus dem Leib bläst, bis selbst den abgebrühtesten Gaunern in Lousiana das Wasser in den Augen steht; eine hellhäutige Schwarze, die den Blues im Blut hat, sich aber als Italienerin ausgibt; eine schwarze Archäologin, die sich mitten im afrikanischen Busch eines frustrierten Häuptlings erwehrt; eine wunderschöne milchkaffeefarbene englische Hure, die in den USA ihrer Vergangenheit nachjagt zusammen mit einem spillrigen weißen Knaben, der im Alkohol Erlösung sucht - was haben die bloß alle gemeinsam?

Irgendetwas muss ihre Schicksale miteinander verbinden, sonst hätte sie der englische Schriftsteller Patrick Neate nicht in seinen Roman gepackt. Der lässt sich allerdings alle Zeit der Welt, bis er uns eine Auflösung zugesteht. In der Zwischenzeit erzählt er Geschichten über Geschichten, die angeblich das Schicksal schrieb, dieser Schelm, der alle zum Narren hält und eine prima Entschuldigung für die verrücktesten Wendungen der Lebensgeschichten des Romanspersonal bietet.

Und wir schlucken sie anstandslos, weil wir süchtig sind nach guten tragischen, magischen, komischen und traurigen Geschichten. Die aber bietet Neate in solcher Hülle und Fülle, dass man ihm wie dem Rattenfänger von Hameln folgt und zwar durch das ganze letzten Jahrhundert. Amerika, Afrika, London - das ist das magische Dreieck dieser schwarzen Geschichten über schwarze Geschichte im zwölftaktigen Rhythmus des Blues - in angemessenen schnoddrigem Ton aufs Papier gespuckt, herzergreifend, traurig-melancholisch, einfach, drastisch, schwelgerisch. In zwölf Takte passt eben die ganze Welt oder ein ganzer Roman. So schreibt der Blues. Und gleich noch mal von vorne.
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