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28.1.2005
Ivan Turgenev: "Aufzeichnungen eines Jägers"
Manesse
Rezensent: Wolfgang Schneider

Turgenevs "Aufzeichnungen eines Jägers", Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, waren ein ästhetisches und zugleich auch politisches Ereignis. Das Buch, mit dem der Autor zu seinem Stil fand, verbindet stilistische Virtuosität mit humanistischer Emphase, Sozialkritik mit großer Kunst.

Der Zyklus von 25 Erzählungen beschreibt das russische "Landleben" in der Zeit der finsteren Reaktion unter Zar Nikolaus I., dem "Gendarm Europas". Leibeigenschaft und Gewalt bestimmen das Leben der meisten Menschen; ökonomischer und moralischer Verfall kennzeichnet die Situation des Adels.

Turgenev schildert das mit dokumentarischer Genauigkeit, seine Klage über die Degradierung des Menschen ist deutlich, und trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, als feinsinniger Beobachter von Natur und Landschaft aufzutreten.

Der unpolitisch klingende Titel führte die Zensurbehörde des Zaren allerdings nicht in die Irre. Das Buch wurde noch im Erscheinungsjahr verboten. Inzwischen gilt es längst als "Jahrhundertbuch der russischen Literatur" (Hugo v. Hofmannsthal).
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