Literatur Live
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7.2.2005
Per Olov Enquist: "Das Buch von Blanche und Marie"
Hanser
Rezensentin: Gertrud Lehnert

Per Olov Enquists neuer Roman ist ein kurzes aber intensives Buch über Liebe, Krankheit und Wissenschaft. Was sich wie eine merkwürdige Zusammenstellung von Themen anhört, gewinnt seine Evidenz im Erzählen. Marie Curie, zweifache Nobelpreisträgerin, und Blanche Wittman, die hysterische Lieblingspatientin des berühmten Nervenarztes Jean Charcot Ende des 19. Jahrhunderts - auch dies eine unerwartete Zusammenstellung -, sind beide auf der Suche nach der Wahrheit über die Liebe, einer Wahrheit, die sich entzieht, die - vielleicht - gelebt, aber niemals erklärt werden kann. Aber, so heißt es im Roman, wer wären wir, wenn wir es nicht immer wieder versuchten?

Blanche Wittman arbeitet nach ihrer Zeit als Patientin in der Pariser Salpêtrière als Assistentin Marie Curies und bekommt in Folge der radioaktiven Strahlung beide Beine und einen Arm amputiert. Sie schreibt: über ihre Liebe zu Charcot, über Maries Liebe zu deren Kollegen Langevin. Und über das ästhetische Wunder Radioaktivität, die blau leuchtet wie eine Erscheinung und zur Metapher für das Faszinosum der Liebe wird, die nichts Gefälliges hat. Per Olov Enquist reflektiert erzählend über Blanches Aufzeichnungen, über das enge persönliche Verhältnis der beiden Frauen zueinander, zu den Männern, die sie lieben, und zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit.
Heraus kommt ein Buch, das keine Antworten gibt, sondern Möglichkeiten entwirft, widerständig, heterogen und von großer Konsequenz: ein besonderes Buch über die Liebe.
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