Literatur Live
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4.3.2005
Gila Lustiger: So sind wir
Berlin
Rezensent: Carsten Hueck

Literarisierte Familiengeschichten sind nie bloße Darstellung von Sachverhalten. Oftmals sind sie Recherche, Klärung, autobiografische Suche. Gila Lustigers neuer Roman "So sind wir" ist dafür exemplarisch. Die jüdische Ich- Erzählerin vergewissert sich ihrer Wurzeln. Sich frei zu machen von unbewussten Prägungen und überlieferten Bildern, die Eigenheit im familiären und historischen Kontext zu behaupten, ist ein Ziel. Das andere: den Vorgang der Erinnerungsarbeit selbst sichtbar zu machen.

Gila Lustiger, 1963 in Frankfurt am Main geborene Tochter des Historikers Arno Lustiger, hat in Jerusalem studiert und lebt in Paris. Widersprüchlich sind ihre Empfindungen gegenüber dem Vater, der Auschwitz überlebte und den sie als Menschen, nicht als Opfer und nicht als Überlebenden, beschreibt. Widersprüchlich auch die Beziehung zu Deutschland und Israel, zu stereotypen Bildern des Juden hier wie dort.

Gila Lustigers Roman vermittelt intensiv, zärtlich und mit Humor, anhand vieler kleiner Details und persönlicher Reflexionen, die generationsübergreifenden Nachwirkungen des Holocaust. Die Autorin widerspricht leidenschaftlich bequemen Klischees. Mithilfe von Fakten, Legenden und Fantasie präsentiert sie das Porträt ihrer Familie als Kaleidoskop, nicht als gerahmtes Bild.
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