Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
19.10.2002
Brokkoli – grüne Pflanzenmedizin

Wo Antibiotika versagen, erweisen sich manchmal Pflanzen als gute Helfer des Menschen. So wird dem Brokkoli neuerdings enorme Heilungskraft zugeschrieben: nachdem das Gemüse genossen wurde, kämpft es eine Etage tiefer sogleich gegen Magengeschwüre und wenn es richtig aufgespalten worden ist, sogar gegen Alzheimer.

Die Ernährungselite Deutschlands steckt sich von Jahr zu Jahr immer höhere Ziele. Jetzt gilts dem Kampf gegen den Krebs. Durch den täglichen Verzehr von 400 bis 800 Gramm Gemüse und Obst soll nach Meinung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) die Krebsrate um bis zu 40 Prozent gesenkt werden. Wer möchte da schon abseits stehen, umso mehr als die DGE unter dem Titel "Gesund macht munter - '5 am Tag' Kampagne" ihren Lesern versicherte: "Aus wissenschaftlicher Sicht ist der gesundheitliche Nutzen eines hohen Gemüse- und Obstkonsums ... unbestritten." Sie sei "ideal insbesondere zur Prävention von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen ernährungsmitbedingten Gesundheitsstörungen." (DGE-Info 10/99)

Kritik an den euphorischen Versprechungen blieb zwar die Ausnahme, aber sie kam: Da es trotz dicker Reports und aufwendiger Kongresse an harten Daten mangelte, warnte beispielsweise das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften vor übertriebenen Erwartungen: "Eine Überprüfung der Fachliteratur zeigt, dass die Ernährungsempfehlungen zur Krebs-prophylaxe eher Wunschdenken sind als wissenschaftliche Wirklichkeit." Dennoch rollt die Kampagne unaufhaltsam durch Kantinen, Schulen und Medien.

Woher bezieht die DGE ihr Wissen? Wie vertrauenswürdig ist die hochdotierte Arbeit unserer wissenschaftlichen Elite, der es gelang, große Portionen an Obst und Gemüse zum diätetischen Leitbild unserer Gesellschaft zu machen? Wie so vieles hat der Eifer, uns zum Verzehr von Obst und Gemüse zu bekehren, seine Wurzeln in Amerika. Der dort erschienene "World Cancer Report" verwies nämlich als erster auf die segensreichen Genüsse von Feld, Wald und Wiese. Er behauptete, dass 78 Prozent aller Studien eine vorteilhafte Korrelation zwischen irgendeiner Obst- bzw. Gemüsesorte und irgendeinem Krebs gefunden hätten.

Doch eine Korrelation ist alles andere als ein Beweis für ursächliche Zusammenhänge. Sie ist nur ein Hinweis darauf, dass zwei Ereignisse gleichzeitig beobachtet werden können. Ein Beispiel gefällig? In Norddeutschland korreliert die Geburtenrate deutlich mit der Zahl der Störche. Als die Zahl der Störche abnahm, sank gleichzeitig die Zahl der Geburten. Bringt also doch der Klapperstorch die kleinen Kinder? Könnte man durch Beseitigung der Nistplätze ungewollten Schwangerschaften vorbeugen? Oder - was schließen wir, wenn Statistiker herausfinden, dass das Einkommen mit der Schuhgröße wächst? Man könnte ja die längst fällige Gehalts- oder Lohnerhöhung durch den Kauf ein paar größerer Latschen herbeiführen. Nein, die Erklärung ist eher banal: Männer verdienen meist besser als Frauen und sie haben in der Regel größere Füße.

Zurück zur Küche. Nach dem World Cancer Report (auf den sich die DGE bezieht) schützen wahlweise rohes Gemüse, gekochte Gemüse, grün-gelbe Gemüse, nicht grüne Gemüse, rohe grün-gelbe Gemüse, rohe grüne Gemüse, Brokkoli, Tomaten, Chinakohl, Kohl, Spinat, Karotten oder Lauch vor irgendeinem Krebs. Das ist wenig überraschend. Berechnet man von der Avocado bis zur Zwiebel alle denkbaren Kombinationen, dann gibt es nach den Gesetzen der Statistik rein zufällig auch immer ein paar Treffer. Je häufiger man würfelt, desto mehr "Sechser" gibt es. Hätte man statt der Obstarten unsere Wurstsorten berechnet, wäre das Ergebnis ebenso günstig für eine Schlachtplatte ausgefallen.

Es gibt eine einfache Methode die Zuverlässigkeit dieser Ergebnisse zu überprüfen: Würde ein Lebensmittel tatsächlich vor einem bestimmten Krebs schützen, dann müssten mehrere der Studien zum gleichen Ergebnis kommen. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keine zwei Studien, bei denen das gleiche Obst oder Gemüse vor demselben Krebs schützt. Wer "Spinat" oder "gelbgrünes Gemüse" als "Schutzfaktor" präsentiert, hat natürlich gleichzeitig errechnet, dass alle anderen Gemüse seiner Studie, gleichgültig in welcher Kombination, wirkungslos sind. Jede "Schutzbehauptung" wird demnach von den anderen Studien widerlegt.

Nun ist diese höchst banale Erkenntnis offenbar auch bei der DGE angekommen. Zwei Jahre nach ihrer Ankündigung der "5 am Tag"-Kampagne lieferte die DGE sogar eine "wissenschaftliche Begründung" für ihre Idee nach. Im DGE-Info 7/01 lesen wir mit Erstaunen, dass sich die eindrucksvollen Beweise offenbar in Luft aufgelöst haben müssen: "Einen unmittelbaren Nachweis, dass eine Intervention mit Gemüse und Obst das Risiko für Krebs oder auch andere chronische Erkrankungen senkt, gibt es derzeit nicht." Ja es gibt nicht einmal indirekte Belege, gesteht Professor H. K. Biesalski von der Uni Stuttgart-Hohenheim: "Ebenso fehlen beobachtende epdemiologische Daten, die belegen, dass eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten im Sinne einer Erhöhung des Gemüse- und Obstverzehrs im Erwachsenenalter das Erkrankungsrisiko für Krebs und andere chronische Erkrankungen zu senken vermag."

Doch das muss die Experten nicht bekümmern. Schließlich können Päpste kraft ihres Amtes ja gar nicht irren: "Nach Expertenmeinung", so Biesalski weiter, "reicht die bisher vorgelegte Evidenz aber aus, um eine '5 am Tag‘-Kampgane zu rechtfertigen." Wenn die Beweise fehlen, dann tut es zur Not auch die eigene Meinung. Dann stören wenigstens die wissenschaftlichen Fakten nicht mehr...

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p-20021019.ram

Aus: progusto September 2002, S.88-89; Udo Pollmer: Vegetarische Irrwege
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