Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
21.12.2002
Rotweinkapseln und Fruchtfasertabs – Nahrungsergänzungsmittel

Die alt bekannten Knoblauchpillen bekommen immer mehr Geschwister: Apfelessigdragees, Grapefruitextrakt, Carotintabletten, Rotweinweinkapseln, Fruchtfasertabs - und alle zusammen sollen Nahrungsergänzungsmittel sein.

Wollen Sie auch zur Welt der Schönen, Reichen und Erfolgreichen gehören? Natürlich weiß ich, dass es Ihnen, verehrte Leserin, und Ihnen, mein geschätzter Leser, nicht an Attraktivität mangelt. War ja nur ein Scherz. Bei Ihren Gästen sieht das schon anders aus. Große Teile der Bevölkerung scheinen wild entschlossen, endlich etwas gegen Unsportlichkeit, Haarspitzenkatarrh, Bierbauch und Cellulitis zu unternehmen. Durch Pillenschlucken, versteht sich.

Übertrieben? Egal ob im Internet, beim Heilpraktiker oder in Sportstudios, der Markt für Nahrungsergänzungsmittel brummt. Es gibt für alle Wehwehchen und jedwede Seelenpein ein sündteures Wundermittel. Betrachtet man die zahlreichen Präparate, die in Discos von pubertierenden Jugendlichen, in Büros von essgestörten Sekretärinnen und in Fitnessräumen von schmächtigen Möchtegern-Olympioniken geschluckt werden, so wird deutlich was bei der Kundschaft im Überfluss vorhanden ist: Geld. Da fällt der Mangel an gesundem Menschenverstand nicht mehr ins Gewicht.

Wie wärs mit "Proteinkonzentraten" aus Molke oder Knorpeln? Letzteres nennt man auch Gelatine. Die "Konzentrate" helfen angeblich Haut, Haare und Nägel zu regenerieren. Bisher war die bevorzugte Anwendungsform von Gelatine das Gummibärchen. Für einen gesundheitsbewussten Jogger wirkt eine bunte Tüte labberiger Weingummi wenig vertrauenserweckend. Und vor allem viel zu billig, um an eine Wirkung glauben zu können. Da greift er lieber zur teuren "2-Monats-Kur" mit Schokogeschmack aus der Dose.

Mangelt es an Eiweiß, so belehrt eine Broschüre, "beginnt der Körper seine eigene Eiweißsubstanz aufzuzehren". Der Vorgang lässt sich trefflich bei Hungerkatastrophen in der Sahelzone beobachten. Aber in Deutschland? Zum Aufpäppeln halbverhungerter Freizeitkicker gibt es sogar ein Präparat, dass "die eindrucksvolle Menge, 4600 mg, an Aminosäuren", d.h. Eiweiß liefert. Dieser "mega-anabolische Aminokomplex garantiert maximale Muskelzunahme". Die genannten 4.600 Milligramm Aminosäuren entsprechen dem Gehalt einer Tasse Bohnensuppe im Schnellimbiss. Doch die Anbieter denken weiter: "Um den Körper von unnötiger Verdauungsarbeit zu entlasten", wurde das Eiweiß "enzymatisch aufbereitet." Voilá - es ist bereits vorverdaut. Lediglich auf's Klo muss der angehende Kraftmeier noch selbst.

Damit er es schafft, schafft eine ganze Industrie. Die Branche setzt bereits Milliarden um - mit Softgels, Pillen und Pülverchen. Darin ist einiges enthalten, was ehrbare Kaufleute weniger dem Gaumen als der Sondermülldeponie zumuten würden: Angefangen von Abfällen der Lebensmittelwirtschaft, Zwischenprodukten der Chemieindustrie über Vormischungen aus Schweinemast und Madenzucht bis hin zu illegalen Drogen.

Der Renner der Saison ist Chitosan, ein Abfallprodukt der Shrimpsverarbeitung: Aus den Schalen entsteht der "Fettbinder" Chitosan. "Egal wie reichhaltig ihre Mahlzeit ist", verspricht die Werbung, "Chitosan macht daraus eine bekömmliche, magere Speise". Ärzte sehen das anders: "Ein weiterer Meilenstein in der Verdummung der Übergewichtigen". Ein Tipp für alle, die sich die Shrimpsabfälle zum Kaviarpreis nicht leisten können: Fangen Sie sich einfach ein paar Fliegen. Die bestehen auch aus Chitosan und enthalten zusätzlich hochwertiges Eiweiß! Die Bewegung wird Ihrem Körper sicher gut tun.

Wer in dem hartumkämpften Markt die Nase vorn haben will, etabliert neue Wunderstoffe. L-Carnitin ist auch so eine Substanz. Das angebliche Supermittel für mageres Muskelfleisch ist tatsächlich super für allerlei Getier: nämlich Insekten. Die Fachsprache verlieh dem Carnitin den verräterischen Namen "Mehlwurmfaktor", weil die Larven des Mehlkäfers damit besser gedeihen. Der Mensch reagiert leider anders: In höheren Dosen gibts Durchfall und manche riechen nach der Einnahme nach verfaultem Fisch. Heute schlucken es Body Builder, Manager und Verkäuferinnen im festen Glauben ihren Körper zu stählen - auch wenn sie damit bestenfalls Bandwürmer züchten und Filzläuse bei der Stange halten.

Für Einsteiger unter den Kids gibts coffeinhaltige Energydrinks, die den magischen Stoff "Taurin" enthalten. Laut Etikett bekämpft die Mixtur "Schadstoffe - entstanden durch körperliche Anstrengungen". Ein köstlicher Mythos: Arbeit verschmutzt den Körper innerlich. Da kommt der Wirkstoff Taurin gerade recht: Wirken tut vor allem der Name, der vom griechischen Wort für Stier abgeleitet ist, weil der Entdecker die Substanz in Ochsengalle aufgespürt hatte. Heute ist Taurin ein Zwischenprodukt der Waschmittelindustrie - und damit eine preiswerte Gelegenheit die Phantasie Pubertierender anzuregen, bis ihnen in Gedanken statt der Pickel endlich die Stierhoden schwellen...

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''Pollmers Perspektiven'', Entnommen aus Catering Management Magazin 1998/H.11
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