Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
25.1.2003
Warum die Liebe durch den Magen geht

In der Triebhierarchie liegen Hunger und Durst gleich hinter dem Atmen, noch vor dem Sex. Damit auch niemand durch Faulheit zu Schaden kommt, hat die Natur an die arterhaltenden Triebe eine unmittelbare Lusterfüllung gekoppelt. Ist es dieser Lustfaktor, der dem alten Spruch von der Liebe, die durch den Magen geht, zugrunde liegt?

Trüffel statt Viagra

Wer regelmäßig die Zeitgeistmagazine verfolgt, weiß, dass mit jedem Frühlingserwachen ein uralter Menschheitstraum von neuem in Erfüllung geht: Es gibt sie endlich, den Liebestrank, der zuverlässig die Angebete verzaubert; das Geheimrezept, das verbrauchte Manneskraft sofort zurückbringt. Experten haben das "uralte Wissen" angeblich in verschollenen geglaubten Kräuterbüchern aufgespürt, findige Journalisten das wohlgehütete Geheimnis tibetanischen Mönchen abgelauscht. Aphrodisiaka aus der Küche liegen im Trend, denn was beschäftigt einen braven Christenmenschen mehr als Essen und Sex?

Auch wenn stets ein anderes Mittel "wiederentdeckt" wird, herrscht in einem Punkte Einigkeit: Wer anderen an die Wäsche will, sollte zumindest auf eines verzichten: auf Knoblauch. Der unerotische Atem hat schon manch eine hochgesteckte Ambition gesundgeschrumpft. Das war nicht immer und überall so. Den Völkern der Antike diente Knoblauch zur Steigerung der Lust. Der römische Dichter Vergil empfiehlt ihn als Potenzmittel und sein Kollege Martial preist ihn unumwunden als Stärkungsmittel für "müde Glieder".

Im arabischen Raum konstatierte der berühmte Arzt Ibn al-Baitar, dass gekochter Knoblauch "den Samen vermehret und für die gut (sei), die wegen zu häufigem Beischlaf nur wenig Samen besitzen". In Indien pflegte man die kühleren Nächte auf den Flachdächern zuzubringen und bei Mondlicht Liebesspiele zu veranstalten, was als "Fest des Knoblauchs" bezeichnet wurde. Bis zum ausgehenden Mittelalter war Knoblauch als Aphrodisiakum in Gebrauch. Noch Leonhart Fuchs schreibt in seinem Kräuterbuch: "Knoblauch macht Neygung zum Schlaff und Lust zu den ehelichen Wercken".

Offenbar haben die Knollen im Verlaufe der letzten Jahrhunderte etwas von ihrem sagenhaften Ruf eingebüßt. Ob dies ein Ergebnis der Züchtung ist oder nur die Folge seiner sparsamen Verwendung als Gewürz statt als Gemüse, muss offenbleiben. Doch auch heute noch kann der Feinschmecker bei Tisch unerwartet "erotische Abenteuer" erleben. So erging es unlängst einer Gruppe französischer Fremdenlegionäre: Nach dem Genuss von Froschschenkeln erlitten sie tagelange Dauererektionen. Der Truppenarzt fand heraus, dass die fraglichen Frösche vor ihrem unrühmlichen Ende "Spanische Fliegen” vertilgt hatten. Eigentlich ist die berüchtigte "Spanische Fliege” ja ein Käfer. Er steigert zwar nicht die Potenz, doch hemmt das in ihm enthaltene Gift Cantharidin den Blutabfluß aus dem Glied. Das Resultat ist eine langanhaltende, ziemlich schmerzhafte Erektion.

Unverfänglicher als Frösche sind Trüffel. Je höher ihr Preis, desto größer die Erwartung des Essers, ein Aphrodisiakum gespeist zu haben. Die Wissenschaft fand sogar eine Substanz namens Androstenol, die diesen Ruf begründen könnte. Das Androstenol ist zugleich der Grund, warum man Schweinedamen so erfolgreich auf Trüffelsuche schicken kann. Was die Sau so furchtbar anturnt, ist nicht das Ringelschwänzchen, sondern der Speichel des Ebers. Darin befindet sich besonders viel Androstenol. Deshalb erschnuppern Schweine auch zielsicher die in der Erde verborgenen Knollen, weil sie so schön nach Eber riechen.

Androstenol wird in den Hoden hergestellt und mit dem Blutstrom in den Speichel transportiert. Damit die Sau davon auch ordentlich was mitbekommt, knirscht der Eber heftig mit den Zähnen und schäumt dabei seinen Speichel kräftig auf. Aus diesem Schaum kann das Androstenol nun ungehindert verdampfen. Ist eine Sau paarungsbereit, erstarrt sie, sobald genug Androstenol in der Luft liegt. Das nutzt man seit Jahren in der Ferkelproduktion. Mit synthetischem Eber-Duft lässt sich bei der Sau der Stillhaltereflex auslösen, so dass sie künstlich besamt werden kann. Ein Spraystoß auf den Rüssel und das Tier hält ruhig.

Da das pissig riechende Androstenol auch im menschlichen Schweiß vorkommt, kamen gewiefte Geschäftsleute auf die Idee, dies auch beim Menschen zu versuchen. Alsbald gelangte der Duft nach Schweinen und Trüffeln ins Parfum. Leider vergeblich. Er weist auch den vornehmsten Anwender weniger als Casanova sondern in erster Linie als ordinäre Wildsau aus.

Manch ein Trüffelliebhaber mag nun entsetzt sein: Schweißgerüche in seinen geliebten Knollen? Nicht nur da. Die teuersten Düfte der Welt - in den edelsten Parfums - sind Extrakte aus den Analdrüsen von allerlei Getier wie Moschushirschen oder Zibetkatzen. In höheren Konzentrationen riechen sie penetrant nach "Tier", unangenehm nach Fäkalien und Urin. Nur in hoher Verdünnung sind sie erträglich und verströmen eine warme, angenehme Note. Da die exotischen Tierarten immer seltener werden, greift der Parfümeur heute zum Skatol. Es riecht ganz typisch - mit Verlaub - nach "Scheiße".

Der österreichische Parfümeur Paul Jellinek liefert eine einleuchtende Erklärung für die Beliebtheit dieser "Duftmarken". Wir Menschen empfinden tierische Gerüche, in ganz geringer Konzentration versteht sich, als angenehm erotisierend. Sobald wir aber bemerken, dass so ein Parfum irgendwie nach "Raubtierkäfig" riecht, ist es mit der Liebe vorbei und macht den erlernten Ekelgefühlen Platz. Jellinek meint, dass diese tierischen Düfte unser Unterbewusstsein anregen und wir, ohne es zu merken, an stimulierende Düfte unserer eigenen Genitalregion erinnert werden. Über diese unbewusste Assoziation kam wohl auch die Trüffel zu ihrem Ruf als Liebesbote.

Assoziationen sind die Basis der meisten Aphrodisiaka. Sie wirken dank der Phantasie des Essers. So wird sogar profaner Spargel zum Liebesboten. Zumindest solange er frisch ist. Leider macht auch Gemüse während der Lagerung mal schlapp. Doch das muss nicht mehr sein. Australische und israelische Wissenschaftler fanden ein Mittel, das auch Pflanzen zu neuer Spannkraft verhilft: Viagra. Es verzögert Reifung und Weichwerden. Erste Versuche verliefen aus Sicht der Experten befriedigend: Erdbeeren, Broccoli und Sprossen blieben beim Härtetest länger in Form. Auch wenn eines Tages Viagra als Frischhaltemittel zum Einsatz gelangt, braucht sich trotzdem niemand auf den Verzehr von Broccoli versteifen. Denn Gemüse reagieren viel empfindlicher als Männer: Eine Pille Viagra verstärkt den Turgor von einem ganzen Zentner Salat. Aber mit ein wenig Phantasie könnte sich die erhoffte Wirkung trotzdem einstellen - egal ob mit oder ohne Viagra.

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Entommen aus: Top Star - Fachzeitschrift für das gastronomische Management 2000/H.1/S.98
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