Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
1.2.2003
Gemüsefahndung: die Suche nach Knoblauchstoffen in Lauchpflanzen

Knoblauch ist nicht nur ein viel gepriesenes oder gescholtenes Gewürz, sondern gilt auch als pflanzliches Heilmittel. Deshalb wird nach diesen günstigen medizinischen Knoblauchstoffen nun auch in anderen Lauchpflanzen gefahndet. Deutsche Wissenschaftler aus dem Forschungszentrum Jülich entwickelten einen kleinen Chip, der die Schnüffelarbeit übernimmt und in drei Jahren als Knoblauchchip anwendungsreif sein soll.

Die eigenartigste Wirkung, die dem Knoblauch zugeschrieben wird, ist zweifelsohne sein Ruf, sogar Vampire zu verjagen. In finstrer Nacht beißen sie in die Hälse schöner Frauen und saufen gierig das Blut ihrer schlummernden Opfer. Nur der intensive Duft der Knolle verdirbt den Unholden den Appetit. Was wie die phantasievolle Ausgeburt eines Horrorfilm-Szenarios wirkt, könnte im Kern eine Wahrheit enthalten. Vampire und Werwölfe wirken wie überzogene Darstellungen eines bestimmten Krankheitsbildes - der erblichen Porphyrie.

Bei der Porphyrie ist die Bildung des roten Blutfarbstoffes gestört. Sichtbare Folge sind eine bleiche oder fleckige Haut, aufgesprungene blutige Lippen, Verstümmelungen an Nase, Ohren und Fingern und eine starke Behaarung. Da sich Lippen und Gaumen zurückbilden, treten die Zähne hervor, die noch dazu rot verfärbt sind und fluoreszieren können. Zu allem Überfluss sind die Betroffenen extrem lichtempfindlich. Nur wenige Strahlen genügen, um ihnen neue Schmerzen zu bereiten. So werden einst die Kranken wohl in finsteren Gewölben gehaust haben, die sie nur nachts verlassen konnten. Als es noch nicht möglich war, den fehlenden Blutfaktor zu spritzen, suchten sie im Trinken von Blut Linderung. Kein Wunder, dass ihnen ihre Mitmenschen Böses andichteten. Manchmal erkannten sie in ihnen sogar einen Werwolf: Dann, wenn der ganze Körper behaart war.

Vielleicht kam in der Abgeschiedenheit Transsilvaniens die Erbkrankheit besonders häufig zum Tragen, weshalb hier der Ursprung aller Vampir-Geschichten zu suchen ist. Und womöglich hat auch die Tollwut ihren Teil zur Ausschmückung beigetragen: Denn der Biss verwandelte die Opfer ihrerseits in Vampire, ein Übertragungsweg, der bei Erbkrankheiten ausscheidet. Mit blutsaugenden Fledermäusen kann die Story schwerlich zu tun haben. Sie gibt es nur in Mittel- und Südamerika, die viel zu weit weg waren, um einen solchen Mythos fernab in den Tälern der Karpaten zu begründen.

Warum soll ausgerechnet Knoblauch gegen Vampire gut sein? Nun, er hemmt mit seinen Schwefelverbindungen jenes Enzym für die Blutbildung, das Cytochrom P 450, das für einen Porphyrie-Kranken besonders wichtig ist. Knoblauch verschlimmert sein Leiden. Allerdings reichen weder Anblick noch Geruch, um einen Effekt zu erzielen. Aber die Speisen des Kranken sollten tunlichst frei davon sein. Wer Knoblauch nicht vertrug, fiel in einem Landstrich sicherlich auf, in dem die Knolle so wichtig wie das tägliche Brot war.

Den wohl aus unserer Sicht absonderlichsten Verwendungszweck hatte der Knoblauch im Alten Ägypten. Dort stand er in so hohem Ansehen, dass die Bürger ihre Eide beim heiligen Knoblauch schworen. Ansonsten hatte er es den Völkern des Orients als Aphrodisiakum angetan -und mit ihm der aus unserer Sicht eher unerotische Knoblauchatem. Sein Ruf übertraf den der Trüffel bei weitem. Knoblauch war das Viagra der Antike.

Der Römer Ovid (43 v.Chr - 17 n.Chr.), literarischer Spezialist in Liebesdingen, empfahl ihn als Potenzmittel. Er "reize zum Beischlaf", pflichtete ihm der Wissenschaftsenzyklopädist Plinius der Ältere bei. Bei den Griechen waren Hahnenkämpfe ein beliebter Volkssport. Die Gockel wurden reichlich mit Knoblauch gefüttert, um sie sexuell zu erregen und aggressiv zu machen. In Indien empfiehlt das "Knoblauchlied" aus dem 5. Jahrhundert die Knolle als "Mittel zur Gewinnung der Männer durch die Frauen für die Vergnügungen auf den Dächern der Häuser". In den heißen Ländern pflegte man die kühleren Nächte auf den Flachdächern zuzubringen und bei Mondlicht Liebesspiele zu veranstalten, was als "Fest des Knoblauchs" bezeichnet wurde. Das gleiche Bild im arabischen Raum: "Er ist gut für die, die wegen zu häufigem Beischlaf nur wenig Samen besitzen" riet im 12. Jahrhundert der Arzt Ibn al-Baitar. Die Europäer konnten Ähnliches ihren berühmten Kräuterbüchern entnehmen: "Knoblauch macht ... Lust zu den ehelichen Wercken", lasen sie bei Leonhart Fuchs.

Vom frühen Altertum bis zum ausgehenden Mittelalter diente Knoblauch als Aphrodisiakum, als Wehenmittel und zur Behandlung von Menstruationsstörungen. Die Berichte sind so zahlreich und eindeutig, daß nach Ansicht von Professor Heinrich Koch von der Uni Wien an der hormonellen Wirkung nicht zu zweifeln ist - auch wenn unsere moderne Pharmakologie so gut wie nichts darüber weiß. Fasziniert von den schwefelhaltigen und intensiv reichenden Substanzen, hat die Forschung die zahlreichen geruchlosen Wirkstoffe sträflich vernachlässigt. Koch vermutet, dass vor allem die Saponine für die hormonellen Effekte verantwortlich sind. Ein Studium dieser Substanzen wäre umso lohnender, als sich die Hinweise mehren, dass sie auch gegen Prostatakrebs wirksam sind.

Populär aber auch umstritten ist in der Medizin der oft beschriebene Schutzeffekt auf das Herz-Kreislauf-System. Auch hier dürften in erster Linie geruchlose Stoffe wie das Adenosin verantwortlich sein. Weniger bekannt ist seine Blutzucker-senkende Wirkung, die man früher zur Behandlung des Diabetes nutzte. Da bis heute immer noch keine Klarheit darüber herrscht, welche Stoffe tatsächlich wirksam sind, fallen die Ergebnisse klinischer Studien recht unterschiedlich aus - je nachdem welche Knoblauchzubereitung die Patienten eingenommen haben. Und womöglich enthält der Knoblauch als Naturprodukt nicht immer die gleichen Substanzen. Klar ist nur: Die alte Auffassung, dass Knoblauchpräparate "riechen" müssen, damit sie wirken, ist falsch.

Mit den intensiven Geruchsstoffen hat es aber durchaus etwas auf sich. Mit ihnen schützt sich der Knoblauch vor Bakterien, Pilze und Parasiten. Sie werden erst frei, wenn die Zelle z.B. durch Biss verletzt wird. Dann reagiert das geruchsneutrale Alliin mit einem Enzym, das die Kaskade der Bildung scharfer Duftstoffe auslöst. Manche von ihnen töten die Erreger von Pflanzenkrankheiten ab. Medizinisch wird dies bei Fußpilz oder Candida-Mykosen genutzt. Andere sind für Schnecken giftig, so dass man in der 3.Welt versucht, damit die Bilharziose und die Leberegelseuche zu bekämpfen, die von Schnecken übertragen werden.

In Küche und Volksmedizin weiß man diese Reaktion gezielt zu nutzen: Die Knoblauchpresse sorgt durch komplette Zerstörung der Zellstruktur für maximale Aromaentwicklung. Wenn es nicht auf den Geruch ankommt, dann werden die Zehen als Ganzes in den Topf gegeben. Das Einlegen in Alkohol ändert sein Wirkungsspektrum erneut. Die Volksmedizin kannte sogar den Einfluss des Lichts bei eingelegten Zehen: Es verstärkt die antithrombotische Wirkung. Aber bis die Pharmakologie endlich die Geheimnisse der Erfahrungsheilkunde entschlüsselt hat, muss sich der Genießer weiterhin auf sein feines Näschen und seinen Appetit verlassen.

Erschienen in ''Natur & Kosmos'' Juni 1999
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