Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
8.2.2003
Der Schrei nach dem Brei - Internationale Standards für Säuglingskost

Wer bestimmt eigentlich, was kleinen Kindern zu schmecken hat? Die Eltern? Die Hersteller von Babykost? Die EU? Oder gar Udo Pollmer?

Uberfüttert: Empfehlungen zu hoch

Das gehäufte Auftreten von Übergewicht bei ehemaligen Flaschenkindern liegt sicher nicht nur an der leichteren Verfügbarkeit der Nahrung aus dem Fläschchen. Neben dem häufig beobachteten und gutgemeinten "Überdosieren" des Instantpulvers beim Anrühren tragen auch überhöhte Zufuhrempfehlungen dazu bei: Bei der Formulierung ihrer Produkte halten sich die Hersteller an die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die sich wiederum auf die Energieempfehlungen der FAO/WHO von 1985 beruft. Neuere Studien zeigen, dass Säuglinge bis zu 25% weniger Kalorien benötigen als die Empfehlungen fordern. Bestätigt wurden diese Ergebnisse bei der Auswertung von Ernährungsprotokollen, die Eltern von 354 gesunden Kindern im Alter von drei Monaten bis drei Jahren führten: Selbst die flaschengefütterten Kinder schafften es nicht, die empfohlene Kalorienzahl zu verspeisen. Die gestillten Kinder nahmen nochmals weniger Energie auf. Davies PSW et al: Total energy expenditure in 9 month and 12 month infants. European Journal of Clinical Nutrition 1997/51/S. 249﷓252 ; Alexy U et al: Energy intake and growth of 3﷓ to 36﷓month﷓old German infants and children. Annals of Nutrition & Metabolism 1998/42/S.68﷓74

Flaschennahrung: schwerwiegende Folgen

Im Rahmen der Einschulungstests wurde der Body﷓Mass﷓Index (BMI) von 9.357 bayerischen Erstklässlern bestimmt. Die Eltern gaben Auskunft über die Ernährung ihrer Kinder in den ersten Lebensmona-ten. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem aktuellen Körpergewicht und der ersten Nahrung: Je länger die Kinder gestillt worden waren, desto seltener wurden sie übergewichtig: Bei einer Stilldauer von über einem Jahr waren nur 0,8% zu schwer. Kinder, die von Anfang an mit Säuglingsnahrung gefüttert wurden, hatten fünfmal häufiger (4,2%) zuviel Speck auf den Rippen. Bereits bei drei﷓ bis fünfmonatigem Stillen sank die Rate auf 2,3%. Da flaschengefütterte Säuglinge höhere Plasma﷓Insulinspiegel aufweisen, vermuten die Autoren, dass durch überschüssiges Insulin mehr Fettzellen gebildet werden. Außerdem nehmen Säuglinge mit fertiger Säuglingsnahrung mehr Energie und vor allem mehr Eiweiß als mit der Muttermilch auf. Kries v R et al: Breast feeding and obesity: cross sectional study. British Medical Journal 1999/319/S. 147﷓150 Anmerkung: Flaschenkinder scheinen zudem nicht rechtzeitig zu merken, wann sie satt sind. Mit Muttermilch hingegen wird der Sättigungsmechanismus trainiert: Die Milch ist zu Beginn des Stillens etwas wässriger, damit das Baby seinen Durst stillen kann, dann wird sie dicker. Da das Trinken für das Kind mit kräftiger Saugarbeit verbunden ist, lernt es, energetische Unterschiede zu erkennen und zu bewerten (Handbook of the Psychophysiology of Human Eating. Chichester 1989/S.157﷓178). Auch bei Jugendlichen bleibt der Zusammenhang zwischen der Ernährung im Säuglingsalter und Übergewicht erhalten. Mit steigendem Bildungsstand nimmt der Einfluß der frühkindlichen Ernährung jedoch ab (Obesity Research 1997/5/S.538﷓541).

Stillen: klüger durch Cholesterin?

Dass gestillte Kinder intelligenter werden, ist mittlerweile mehrfach belegt. Beispielhaft sei hier eine Langzeitstudie aus Neuseeland erwähnt, die den Einfluss der Muttermilch auf die Intelligenz von 1.000 Neugeborenen bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr untersuchte. Kinder, die mindestens acht Monate gestillt worden waren, hatten später die besseren Noten und die höheren Schulabschlüsse. Selbst bei Berücksichtigung der Tatsache, dass gestillte Kinder häufiger aus der gebildeten Oberschicht kamen, blieb der Einfluss des Stillens erkennbar. Da die Muttermilch einen hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren wie z.B. Docosahexaensäure (DHA) aufweist, die für die Entwicklung von Nerven und Gehirn wichtig sind, sehen die Autoren hierin den Grund für das bessere Abschneiden der Stillkinder. Besonders wichtig ist die Muttermilch für Frühgeborene, denen einige Wochen plazentare Versorgung zur Ausreifung des Nervensystems fehlen. Von 300 englischen Frühgeborenen wurden gut zwei Drittel gestillt. Diese Kinder hatten im Alter von 7,5 ﷓ 8 Jahren einen höheren Intelligenzquotienten als ihre mit fertiger Säuglingsnahrung gefütterten Altersgenossen. Horwood JL et al: Breastfeeding and later cognitive and academic outcomes. Pediatrics 1998/101/E9 Lucas A: Breast milk and subsequent inteffigence quotient in children born preterm. Lancet 1992/339/S.261﷓264 Anmerkung: Es ist sicher sinnvoll, Säuglingsmilchen in ihrem Fettsäuremuster der Muttermilch anzugleichen. Eine von Hersteller mitfinanzierte Studie mit Aptamil und dem Fettsupplement Milupan sollte die Vorteile langkettiger, mehrfach ungesättigter Fettsäuren für die intellektuelle Entwicklung belegen (Lancet 1998/352/S.688﷓691). Sie rückt jedoch einen ganz anderen Stoff in den Mittelpunkt, auf dessen Auslobung der Hersteller aus verständlichen Gründen verzichtete: Milupan wird aus Milchfett, Pflanzenölen und einem Eier﷓Extrakt hergestellt, so dass es neben den beworbenen Fettsäuren auch reichlich Cholesterin enthält. Das Cholesterin könnte die unterschiedliche Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten erklären helfen, schließlich macht es 10 ﷓ 20% der Trockenmasse des Gehirns aus. Der Säugling ist auf eine Zufuhr über die Muttermilch angewiesen, die doppelt soviel Cholesterin wie Kuhmilch enthält. Im Tierversuch zeigte sich bereits, dass für die Gehirnentwicklung eine ausreichende Versorgung mit Cholesterin nötig ist (Journal of Nutrition 1998/128/S.2498﷓2504). Unter diesen Umständen ist es unverantwortlich, zur Arteriosklerose﷓Prophylaxe eine cholesterinarme Ernährung für Säuglinge zu empfehlen (Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition 1996/23/S.413﷓414). Daneben bieten auch die Nukleotide der Muttermilch eine mögliche Erklärung. Sie spielen eine Schlüsselrolle im Stoffwechsel. Beispielsweise beeinflussen sie den Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren im Plasma von Frühgeborenen. Im Tierversuch erhöhte eine Supplementierung mit Nukleotiden den Gehalt an Docosahexaensäure im Gehirn und verbesserte die Lernfähigkeit (Bioscience, Biotechnology, and Biochemistry 1995/59/S.1267﷓1271). Demnach wären die spezifischen Fettsäuren nur ein Marker, aber nicht die Ursache der beobachteten Unterschiede zwischen Flaschen﷓ und Stillkindem.

Auszug aus dem Wissenschaftlichen Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften 1999/Heft 7; Schwerpunktthema Säuglingskost.

RealAudio

p-20030208.ram
-> Mahlzeit
-> weitere Beiträge