Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
8.3.2003
Die Esslust der Schwangeren

Schwangere: Brechen fürs Baby In den ersten drei Schwangerschaftsmonaten haben 50-70 Prozent der Schwangeren mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen. Erstaunlich: Trotz der negativen Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden und die Nährstoffversorgung der werdenden Mütter haben diese Frauen viel seltener Fehlgeburten, Frühgeburten und untergewichtige Neugeborene. Jetzt gibt es dafür einen Erklärungsversuch auf hormoneller Ebene: Übelkeit und Erbrechen werden durch die Hormone Choriongonadotropin (HCG) und Thyroxin ausgelöst. HCG fördert gleichzeitig Entwicklung des Mutterkuchens. Zudem führt das Unwohlsein zu einer geringeren Kalorienaufnahme der Schwangeren. Dadurch bilden sie weniger Insulin und Wachstumsfaktor IGF1, so dass die verfügbaren Nährstoffe nicht vom mütterlichen Stoffwechsel verbraucht werden. Die damit verbundene bessere Versorgung der Embryonen senkt die Rate an Früh-, Fehl- und Mangelgeburten. Ein merklich erhöhtes Plazentagewicht bei den Frauen stützt diese Hypothese. (Quelle: Huxley RR: Nausea and vomiting in early pregnancy: Its role in placental development. Obstetrics & Gynecology 2000/95/S.779-782)

Schwangerschaftsübelkeit Seit Margret Profet (Berkely/Californien) die Theorie aufstellte, Schwangerschaftserbrechen sei eine evolutionäre Adaption, um das Ungeborene vor schädlichen Stoffen aus Nahrungs- oder Genussmitteln zu schützen, reißt die Diskussion nicht mehr ab. Einig ist man sich in zwei Punkten: NVP (Nausea and Vomiting in Pregnancy) wird durch das Hormon hCG (Humanchoriongonadotropin) ausgelöst. Ist der hCG-Spiegel im ersten Trimester zu niedrig, droht eine Fehlgeburt. Und: Schwangere mit NVP haben seltener Früh-, Fehl- oder Mangelgeburten. Uneinigkeit besteht jedoch darüber, was Ursache und Wirkung ist.

Für Profet sind NVP und Begleiterscheinungen wie die gesteigerte Geruchsempfindlichkeit Werkzeuge des Körpers um die Schwangere von der Aufnahme von Stoffen abzuhalten, die dem Embryo in der sehr empfindlichen Phase seiner Organentwicklung im ersten Trimester gefährlich werden könnten.

Scott Forbes (Winnipeg/Canada) sieht die Beziehungen nun ganz anders, nämlich im Interessenskonflikt zwischen Mutter und Embryo. Der Körper der Frau entscheidet normalerweise, ob er eine befruchtete Eizelle halten will, insbesondere wenn der momentane Zustand der Frau oder die Qualität des Embryos dagegen sprechen. Fehlgeburten sind nichts ungewöhnliches. 50-80 Prozent der untersuchten Abgänge weisen erkennbare Anomalien in den Chromosomen auf. Will der weibliche Körper die Schwangerschaft nicht aufrechterhalten, so senkt er die Produktion des hCG. Dagegen kann der Embryo durch eigene Synthese von hCG dieses zu erzwingen suchen.

Der Prozess kann sich zwischen mütterlichem und kindlichem Organismus aufschaukeln. Der mütterliche senkt die hCG-Ausschüttung immer weiter, der kindliche erhöht sie. Erst wenn für einen der beiden die Kosten dieses Wettbewerbs zu groß werden und er sich in sein Schicksal fügt, bzw. aufgibt, schwindet die Übelkeit. Für die Schwangere bedeutet das, dass sich durch die foetale hCG-Produktion auch ihre Symptome bis zu anhaltender Übelkeit und Erbrechen (Hyperemesis gravidarum) steigern können.

Forbes hält Profet's Toxinhypothese folgende Beobachtungen entgegen, die offenkundig wenig mit der Ernährung der Schwangeren zusammenhängen: Weibliche Embryos und Zwillingsschwangerschaften führen häufiger und zu stärkeren NVP als männliche, Rauchen hingegen senkt die Übelkeit. Übergewichtige Mütter leiden häufiger darunter als schlanke. Andererseits hat auch Forbes keine Erklärung dafür, warum gerade der häufigste Geburtsdefekt, die Trisomie 21 (Down-Syndrom) mit einer erhöhten hCG-Produktion des Fötus einhergeht. (Quellen: Forbes S.: Pregnancy sickness and embryo quality. Trends in Ecology & Evolution 2002/17/S.115-120; Profet M.: Pregnancy sickness as adaption. in: Barkow J.H.f et al (Eds): The Adapted Mind. Oxford University Press, New York 1992/S.327-365)

Anmerkung: Widersprechen sich somit die Thesen von Profet und Forbes? Wenn man Forbes folgt, dass der Embryo selbst um sein Überleben kämpft, warum sollte er dann nicht auch der Mutter den Appetit verderben, um sich vor Stoffen aus Nahrungs- oder Genussmitteln zu schützen, die für die Mutter zwar unschädlich, für ihn in der Zeit der Organentwicklung aber höchst gefährlich sein könnten? Wenn diese beendet ist und der Embryo hauptsächlich Energie zum Wachstum braucht, kehrt auch der mütterliche Appetit zurück. Vermutlich sind beide Thesen nur verschiedene Aspekte eines Systems, dass der Arterhaltung dient und in seiner Komplexität unser Vorstellungsvermögen herausfordert.

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p-20030308.ram

Entnommen aus: EU.L.E.N-SPIEGEL - Wissenschaftlicher Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. 2001/H.2/S.22 & 2002/H.2-3/S.32-33
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