Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
15.2.2003
BSE adé? Rindfleischkontrolle

Lebensmittelskandale aller Art haben schon immer das Vertrauen in die Ernährungsbranche gründlich erschüttert. Doch als der britische Rinderwahnsinn auf Kühe in Deutschland im November 2000 übergriff, da war die Krise perfekt, der Rindfleischmarkt brach zusammen, Minister gingen, der Verbraucher zeigte dem Handel die kalte Schulter. Heute scheint die Angst vor verseuchtem Fleisch verschwunden zu sein, obwohl auch hierzulande noch immer Rinder an BSE erkranken. Im vergangenen Jahr waren es 125! Wie sicher ist das Rindfleisch wirklich?

Natürlich nicht. Das ist schlimm für uns. Denn der Deutsche Michel wurde abrupt aus süßen Träumen geweckt. Umsorgte ihn nicht der beste Verbraucherschutz der Welt? Hatte er nicht eine Lebensmittelüberwachung, die mit Eifer kleinste Verstöße ahndete? Unbestechliche Gesundheitspolitiker, die sich unermüdlich für das Wohlbefinden ihres Volkes abrackerten? Hersteller, die ausschließlich Spitzenqualität aus ausgesuchten Rohstoffen produzierten? Einen Lebensmittelhandel, der seinen Lieferanten aus der Industrie jedes geforderte Eintrittsgeld bot, nur um das delikateste Sortiment sein eigen zu nennen?

Und nun das - ein Scherbenhaufen! Sogar der Liebling aller Kinder, das arglose Gummibärchen, avancierte zum kulinarischen Angstgegner, nur weil Gelatine aus Rindsknochen darin enthalten sein könnte. Als sich der hilflose Bürger 1995 während der ersten BSE-Krise vor Steaks oder Salami ängstigte, verlangte er folgerichtig das, was aus seiner Sicht den natürlichsten Ruf hatte: Lammkoteletts und Lammkeule. Dummerweise erkranken auch Schafe an einer Form des Wahnsinns, an Scrapie.

Ende 2000 kam erneut ein böses Erwachen: Nun machten die Experten auch noch Scrapie-verseuchtes Fleischmehl für BSE verantwortlich. Da fiel uns die Wahl nicht schwer: Wie wärs mit einem saftigen Schweinebraten? Wer weiß schon, dass Studien mit Creutzfeld-Jakob-Patienten ergaben, dass sie gewöhnlich wenig Rind aber reichlich Schweinernes gespeist hatten. Bekanntlich können auch Schweine an BSE erkranken. Aber diese Überlegungen wurden bald überflüssig. Die Arzneimittelmafia und ihre ehrenwerten Kunden aus der Landwirtschaft sorgten noch vor Weihnachten dafür, dass es den Verbrauchern erneut den Appetit verschlug. Hatten sie bis dato doch geglaubt, daß sie teure Medikamente gegen Lungenentzündung und Harnwegsinfektionen nur auf Rezept und gegen Zuzahlung - aber nicht gratis bei ihrem Metzger erhalten.

Nur gut, dass es in dieser misslichen Situation Experten und Verbraucherschützer gibt, denen guter Rat noch nie zu teuer war. Dank ihrer Tipps gab es nun abwechselnd Hähnchen-Cordon-Bleu und magere Putensteaks. Doch auch Huhn und Pute können krank werden. Und dann brauchen sie Medikamente, vor allem Kokzidiostatika. Ohne Kokzidiostatika ist eine Massengeflügelhaltung praktisch ausgeschlossen. Hier kommt der Branche der Umstand zugute, dass dieses Fremdwort als Zungenbrecher nicht mediengerecht ist und somit nicht für Schlagzeilen taugt.

Und wie steht es mit BSE bei Geflügel? Das erste Federvieh mit BSE-ähnlichen Veränderungen tauchte in deutschen Zoos um 1990 auf. Betroffen waren Strauße. Die Fachwelt reagierte prompt auf den schlimmen Verdacht. Sie stellte ihre Untersuchungen ein, so dass wir bis heute nicht einmal wissen, ob es sich tatsächlich um eine Form von Wahnsinn handelte.

Bleibt dem Konsumenten nur noch Wild, das in freier Wildbahn vor der Profitgier von Landwirten und Lebensmittelindustrie sowie ihrem versifften Tiermehl verschont bleibt. Leider gibt es auch in unberührter Wildnis diesen Krankheitstyp, wie die Chronic Wasting Disease der nordamerikanischen Hirsche. Da muss unser Gaumen wohl zu neuen Ufern aufbrechen, um seinen Appetit auf Fleisch zu stillen. So kommt der neue Shooting Star unter den fleischlichen Genüssen wiederum aus der Massentierhaltung: Der Sumpfbiber. Nach dem Abziehen seines edlen Fells kostet das Kilo 20 Mark. Mal abwarten, wann's Döner mit Nerzgeschnetzeltem gibt. Aber leider - Sie ahnen es schon - leider gibts auch bei diesen possierlichen Pelztieren einen infektiösen Wahnsinn, die sog. Nerz-Encephalopathie.

Skeptische Genießer entschlossen sich vorsichtshalber, nur noch Lachs, Muscheln und Hummer zu goutieren. Lachse sind im Gegensatz zu Kühen echte Raubtiere und werden logischerweise mit Fleisch- und Fischmehl gefüttert. Und bei Studien mit CJK-Patienten kam nicht nur eine ausgeprägte Vorliebe für Schweineres sondern auch für Austern und Krabben zutage.

Da hilft nur noch ein tiefer Einschnitt in den Ernährungsgewohnheiten. Wir entdecken angeekelt unser Gewissen gegenüber dem Tier und werden zu Vegetariern. Schon wartet die nächste Enttäuschung: Auch strikte Vegetarier blieben nicht von der CJK verschont. Bekanntlich gilt der Darm des Rindes als Risikomaterial. Damit ist auch der Dung der Tiere infektiös, denn die Darmschleimhaut erneuert sich ständig, so dass der Kot stets reichlich Darmzellen enthält. Wer damit sein Gemüse düngt, kann niemanden mehr BSE-Freiheit garantieren.

Nun gut, dann greifen wir eben tiefer in die Tasche und holen unser Gemüse beim Biobauern, den einzigen Garanten für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Außerdem verzichten die Ökolandwirte sogar auf chemischen Kunstdünger. Womit düngen sie eigentlich, wenn Nitrophoska Blau von der BASF so verpönt ist? Mit organischem Dünger wie Fleischmehl, Blutmehl und Fleischknochenmehl. So stehts in der Verordnung für den Ökolandbau, die sich an den Verbandsrichtlinien orientiert. Wie umweltfreundlich. Hier wird nicht mehr einem Schwein, das schon mal Aas frisst, Fleischmehl gefüttert. Nein, hier werden damit die Radieschen gedüngt. Natur pur. Alles öko, ehrlich, gut! Nach offizieller Lesart bleibt der Erreger im Boden immerhin drei Jahre infektiös. Da will es nicht viel heißen, wenn die Öko-Verbände kürzlich auf öffentlichen Druck den Verzicht auf Tiermehle angekündigt haben.

Ja, wir brauchen ein Umdenken in der Landwirtschaft! Fragt sich nur wohin. Doch bevor wir uns auf diesem Weg verlaufen, ein paar Fakten zur Orientierung: BSE ist beileibe keine neue Krankheit und erst recht keine Folge der Massentierhaltung. Sie wurde in Europa schon vor über 100 Jahren, genau im Jahre 1883, beschrieben. Auch ist die Verfütterung von Fleischmehl entgegen den Beteuerungen unserer Landwirtschafts-Politiker gerade nicht die Ursache für den Ausbruch der Seuche in Großbritannien. Denn erstens kommt BSE auch bei reinen Pflanzenfressern in freier Wildbahn vor. Zweitens wurde britisches Fleischmehl auf dem Höhepunkt der BSE-Seuche in erheblichem Umfang in alle Welt verkauft, ohne dass es zu Massenausbrüchen gekommen wäre. Und drittens führt die Übertragung von Scrapie direkt ins Gehirn von Kälbern nicht zu BSE, sondern zu einem anderen Wahnsinn, dem sog. Downer-Syndrom. Und das gibt es bei uns längst.

Heute wird einer anderen Theorie der Vorzug gegeben. Nach Aussage der Mikrobiologin Dr. Anne Maddocks vor dem BSE-Untersuchungsausschuß der EU wurden in Großbritannien Anfang der achtziger Jahre in großem Stile Hormonspritzen an Zuchtrinder und Milchvieh verabreicht. Im Gegensatz zu den Praktiken deutscher Kälbermäster, die damals riskante synthetische Hormone illegal spritzten, bevorzugten die Briten natürliche Wirkstoffe. Diese gewannen die Arzneimittelfirmen aus einer Drüse im Hirn von Rindern, der Hypophyse. Wenn bei der Gewinnung der Wachstumshormone nur ein einziges Mal eine Hypophyse eines BSE-Rindes dabei war, wurde mit der Spritze die Krankheit auf zahllose Tiere übertragen.

Beim Menschen ereignete sich Anfang der 90er Jahre eine ähnliche Katastrophe. In Frankreich wurden Wachstumshormone aus menschlichen Hirnen gewonnen und an zwergwüchsige Kinder gespritzt. Offenbar befand sind darunter auch die Hypophyse eines unerkannten Creutzfeld-Jakob-Toten. Die Folge: Drei Dutzend Kinder verstarben mittlerweile an CJK.

Damit wäre zwar der Massenausbruch von BSE bei britischen Rindern zufriedenstellend erklärt. Nicht aber die Frage, wie riskant der Rindfleischverzehr heute für den Verbraucher ist. Ihren Höhepunkt hatte die Seuche in Großbritannien um 1992 erreicht. Worüber wir uns heute empören, ist der unbedeutende Rest eines weitgehend abgeschmolzenen Eisbergs. Wer in den letzten zehn Jahren Steaks gegrillt hat, der kann es auch weiterhin tun. Damals hat Deutschland übrigens 13.000 britische Zuchtrinder importiert, die mittlerweile alle verspeist sein dürften. Sie müssen bei Grenzübertritt samt und sonders gesundet sein, sonst hätte es schon vor Jahren Hunderte von BSE-Fällen in Deutschland gegeben.

Gleichzeitig ist die Versicherung, Rindfleisch sei noch nie so sicher gewesen wie heute, weil die Tiere wenigstens getestet würden, nicht ganz korrekt. Da der Test recht unempfindlich ist, gelangen weitaus mehr BSE-Rinder in den Handel als durch den Test erkannt werden. Das heißt, der Test schützt den Verbraucher nur in geringem Umfang, liefert aber zumindest wertvolle wissenschaftliche Daten über die Verbreitung der Krankheit.

Wäre BSE für den Menschen so gefährlich und zählten vor allem Jugendliche zu den Opfern, dann müsste es in Großbritannien, wo man schon zum Frühstück Würste verzehrt, deren Geruch und Geschmack sich eigentlich nur durch die Verwendung von Risikomaterial erklären lassen, in den letzten zehn Jahren viel mehr neue CJK-Fälle gegeben haben. Vergleicht man das mit anderen Lebensmittelinfektionen, so fordern Salmonellen auf heimischem Geflügel, EHEC auf argentinischem Rindfleisch und Listerien auf französischem Käse weitaus mehr Todesopfer.

RealAudio

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Zuerst erschienen in Topstar 2001, Heft 2, S.84, Auszug aus ''Pollmers Kolumne''
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