Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
1.3.2003
Heilfasten

Kraft für den Körper, Schwingungen für die Seele und Klarheit für den Geist durch Mobilisierung von Schlackenstoffen und überzähligen Pfunden - so oder so ähnlich wird immer öfter für Gesundheit durch Heilfasten geworben, auch außerhalb der christlichen Fastenzeit 40 Tage vor Ostern. Entspannungstherapien, Sauna, Massagen gehören zum Standard und eine einsame, aber tägliche Fastensuppe nach Farbtheorie sorgt für das Minimum an Nahrungsaufnahme.

Das Fasten blickt in unserer Kultur auf eine lange und wechselvolle Tradition zurück. Manch ein Kirchenvater hielt es für einen Weg, um ins Paradies zurückzukehren, aus dem Adam und Eva verjagt worden waren, weil sie die Fastenregel nicht eingehalten hätten. Tertullian (gestorben um 220) meinte gar, nichts gefalle Gott besser als Magersucht: "Ein abgemagerter Körper wird das schmale Himmelstor leichter durchschreiten, ein ausgezehrter Körper bleibt im Grab am längsten erhalten." Auch wenn das Neue Testament wenig Greifbares in Sachen Fasten enthält, so führte die Kirche nach den Beispielen von Moses, Elia und Jesus eine 40tägige Fastenzeit vor dem Osterfest ein. Die Anzahl der Fastentage vermehrte sich im Laufe der Zeit so sehr, dass im Mittelalter ein Drittel des Jahres gehungert wurde.

In manchen Gegenden wurden Verstöße mit dem Ausschlagen der Zähne geahndet, in anderen rückfällige Glaubensgenossen sogar getötet. Doch auch die Kirche musste sich christlicher Nächstenliebe beugen. So ersetzte sie das völlige Nahrungsverbot durch Verzicht auf Fleisch. Heute haben sich nach dem Willen des Vatikans nur noch Gesunde vom vollendeten 21. Lebensjahr bis zu den 60-jährigen an die vorösterlichen Fastenregeln zu halten. Das Fasten aber blieb unverändert ein Zeichen von Buße, es reinigt die Seele von Sünden, und neuerdings sogar vor der gefürchtetsten Sorte: den Esssünden.

Auch beim Heilfasten steht die "geistige Übung" im Vordergrund, schließlich fühlt man sich nach wenigen Tagen wie befreit und leicht euphorisch. Sportliche Betätigung verstärkt den Effekt. Die Beschwernisse des Alltags weichen dem Gefühl, endlich seine "Schlacken" zu verlieren. Die Ursache ist wenig geheimnisvoll. Dauert die Nahrungskarenz lange genug, bildet der Organismus körpereigene Opiate - der Hunger schwindet und die Stimmung steigt. Die verschiedenen Fastenformen zielen im Gegensatz zu den Diäten darauf ab, diesen Zustand möglichst schnell herbeizuführen, um das unweigerliche Hungergefühl zu überwinden. Deshalb sind sie leichter zu praktizieren als Diäten.

So wird verständlich, warum Fasten in vielen Kulturen im Mittelpunkt religiöser Übungen steht: Die Bildung von Opiaten (sog. Endorphinen) lässt den Novizen seine körperlichen Beschwerden vergessen, hilft ihm seine materiellen Bedürfnisse loszulassen und ebnet den Weg zur spirituellen Erfahrung. Für klösterliche Gemeinschaften besonders wichtig ist die Wirkung auf die Keimzellen: Fasten unterdrückt die Bildung von Sexualhormonen und dämpft damit den Sexualtrieb. Nahrungsentzug fördert also nicht uneingeschränkt die Vitalität. Sonst wäre die Natur längst selbst darauf gekommen und unser Appetit würde sich in regelmäßigen Abständen ohne äußeres Zutun verweigern.

Die hormonalen Effekte sind ein Schlüssel zum Verständnis des Fastens. Es erklärt uns, warum regelmäßiger Nahrungsverzicht die Entstehung von Osteoporose fördert. Nicht umsonst wird sie mit Hormonen behandelt. Schließlich ist Knochenschwund in unserer übersättigten Gesellschaft ebensowenig ein Calcium-Mangel wie ein Zuviel auch nicht zur Verkalkung führt. Da auch Brustkrebs vom Hormonstatus abhängt, hofften die Forscher, dass der Verzicht auf Nahrung Vorteile bringen könnte. Doch das Gegenteil trat ein: Im Tierversuch erwies sich Nahrungskarenz als krebsfördernd. Solche Ergebnisse dürfen nicht überbewertet werden, sollten aber Anlass sein, auch Fastenkuren mit Bedacht durchzuführen.

Bei aller Euphorie: Was wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Ein seriöser Therapeut, ein glaubwürdiges Fastenbuch werden dies weder dem Patienten noch dem Leser verschweigen. Sonst gibt es ein ähnlich böses Erwachen, wie wir es bei den Diäten erfahren mussten: Die Ergebnisse all dieser Abmagerungsversuche sind bis heute ernüchternd. Dank des Jojo-Effektes sorgen Diäten für stete Gewichtszunahmen. Insofern dürfen wir Hungerkuren nicht nur als wesentliche Ursache von Osteoporose sondern auch von Übergewicht ansehen.

Nun wird gerade beim Fasten betont, dass es kein Hungern sei, und vor allem den Menschen helfe, die es nicht "wegen der Figur" praktizieren. So verwundert es wenig, wenn Fastenexperten von Gewichtszunahmen nur bei den Teilnehmern berichten, die glauben, mit dem Fasten eine "gesunde" Methode zum Abnehmen gefunden zu haben. Gerade bei dieser Erwartung, heißt es, könne das Fasten auch das Gegenteil bewirken. Offenbar spielt die geistige Einstellung eine wichtige Rolle.

Die meisten Fastenwilligen lockt die Vorstellung, sie könnten ihren Körper endlich von schädlichen Schlacken befreien: Ablagerungen von Ernährungssünden und Rückständen aus der allgemeinen Umweltbelastung. Manche Anbieter von Fastenkuren entwickeln geradezu märchenhafte Szenarien. Sie warnen, zwei Drittel der Menschen würden in ihrem Dickdarm "Würmer und jahrzehntealte Kotsteine" beherbergen, die "Innenwände der Därme seien mit altem, verhärtetem Kot verkrustet" die "das Aussehen eines schmutzigen Ofenrohres" hätten. Und um diese Angst in klingende Münze umzuwandeln, wird dem Interessierten versprochen, er könne durch Fasten bis zu 30 Kilo "Abfallstoffe" hinter sich lassen.

Die "Schlacken" avancierten mittlerweile zur allumfassenden Erklärung der Heilung "einer schier endlosen Liste von Zivilisationskrankheiten" - allesamt Folge einer "ungünstigen Ernährung". Bis heute konnte mir noch niemand die vielen geheimnisvollen Schlacken aus dem Speiseplan aufzählen. Es blieb bei der altbekannten Harnsäure des Gichtpatienten und einer umstrittenen "Eiweißspeicherkrankheit". Bei den allermeisten Menschen sieht der Darm von innen genauso aus wie ein Babypopo: Glatt und rosig! Nix mit Ofenrohr und einem halben Zentner Ruß samt Wackersteinen. Die haben nur im Bauch des bösen Wolfs im Märchen von den "Sieben Geißlein" Platz.

Aber schmelzen nicht beim "Verbrennen" der Fettpölsterchen die Giftdepots? Ja - aber anders als gedacht: Fettlösliche Umweltgifte, wie DDT oder PCB, werden ja gerade deshalb im Fett abgelagert, weil sie nicht ausgeschieden werden können. Und sie können nicht ausgeschieden werden, weil der Körper keine Werkzeuge, keine Enzyme hat, um Fettlösliches in Wasserlösliches umzuwandeln. Die Folge: Beim Abbau der Fettdepots werden die dort abgelagerten Umweltgifte mobilisiert. Sie gelangen ins Blut und reichern sich an. Mit steigender Konzentration im Blut steigt auch die Gefahr für Nerven und Immunsystem. Damit sind die unerfreulichen Wechselwirkungen mit den Schadstoffen noch nicht zu Ende. Der Mangelzustand lässt den Körper in den Tagen nach dem Fastenbrechen besonders bereitwillig Umweltgifte aufnehmen. Denn nun holt er sich alles, was er kriegen kann.

Es tut Not, Geschäftemacherei und Ideologie von den positiven Wirkungen klar zu trennen. Denn Fasten kann in der Hand eines erfahrenen Therapeuten ein hervorragendes Mittel sein, um beispielsweise Gicht oder Rheuma zu behandeln. Oder auch, um die Ernährung ohne Zwang und Heißhungerattacken umzustellen: Der Patient spürt, dass er nicht auf eine stete Zufuhr seiner gewohnten Nahrung angewiesen ist, er erlebt dabei sogar ein Hochgefühl. Seine Sinne reagieren nun viel empfindlicher auf die Speisen. Der langgeübte Verzicht erhebt beim Fastenbrechen jede dargebotene Nahrung zum festlichen Genuss. Diese Veränderung psychischen Erlebens ist das wichtigste Geheimnis des Fastens.

"Appetit oder Hunger", schreibt der Fastenarzt Dr. Hellmut Lützner, "muss keineswegs nur Verlangen nach Nahrung sein. Er kann auch Verlangen nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Anerkennung durch andere und nach Selbstbestätigung sein. Unzählige Menschen werden oft dick und stoffwechselkrank, weil sie unbewusst versuchen, diese seelischen Bedürfnisse durch Essen, Trinken oder Rauchen zu stillen." Und deshalb liegt die Stärke des Fastens weniger in der körperlichen Veränderung als im psychischen Erleben. Fasten hilft, wieder Abstand zum Alltag und seinen materiellen Forderungen zu finden. Und dieser Neubeginn ist für viele Menschen ein erster, entscheidender Schritt zu innerer Heilung.

RealAudio

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Entnommen aus: Natur 1998/Heft 2/S.56-57
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