Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
22.3.2003
Fette Flops - Lightprodukte

Statistik im Fettnäpfchen

Wenn man herausfinden möchte, ob das Fett in der Nahrung irgendeinen Einfluss auf die Herzinfarktrate hat, ist es sehr lehrreich die Ernährungsgewohnheiten in einem Land über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, und dann zu fragen, ob sich die Herzinfarktrate parallel dazu in die erwartete Richtung bewegt hat. Wenn tierisches Fett eine wichtige Ursache für die koronare Herzkrankheit (KHK) ist, dann sollte ein steigender Verbrauch an tierischem Fett die Zahl der Herzinfarkte ansteigen lassen. Umgekehrt sollte die Infarktrate sinken, wenn weniger tierisches Fett gegessen wird. So geschehen während des 2. Weltkriegs. Damals starben in Finnland, Norwegen, Schweden und Großbritannien weniger Menschen an Herzinfarkt als vor dem Krieg. Haquin Malmroos, ein Professor für Medizin an der Universität von Lund, Schweden, führt das darauf zurück, dass die Menschen während des Kriegs weniger tierisches Fett aßen.

Doch was beweist das schon? Denn in dieser Zeit waren auch noch andere Dinge, die im Zusammenhang mit der koronaren Herzkrankheit eine wichtige Rolle spielen, von Veränderungen betroffen: Beispielsweise sanken Körpergewicht und Blutdruckwerte beträchtlich ab, die Leute rauchten weniger und der Mangel an Treibstoff für Autos und andere Maschinen könnte eine gesündere Lebensweise gefördert haben. Der gemeinsame Nenner für die Kriegszeit war der Mangel an Gütern - den Mangel an Nahrung eingeschlossen -, Benzin und Zigaretten.

Niemand weiß, welcher dieser Faktoren - wenn überhaupt einer davon - dafür verantwortlich war, dass die Herzinfarktrate sank. Die Erklärung, es sei der geringere Fettkonsum gewesen, ist unwahrscheinlich, denn im Experiment ist es noch nie gelungen, die KHK-Sterblichkeit mit fettarmen Diäten zu senken. Nicht einmal wenn die Diäten so lange dauerten wie der 2. Weltkrieg. Außerdem ging die Sterblichkeitskurve wieder nach oben, lange bevor es zu einer Steigerung im Verzehr von tierischem Fett kam.

Das heißt, selbst wenn sich ein Risikofaktor parallel zur Sterblichkeit verändert, muss es sich bei dem Risikofaktor nicht notwendigerweise um die Krankheitsursache handeln. Wenn der Risikofaktor jedoch die Krankheitsursache ist, dann müssen sich seine Schwankungen ausnahmslos im Auf und Ab der Sterberate durch diese Erkrankung wiederfinden.

Vom 1. Weltkrieg bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts stieg die Zahl der Herzinfarkttoten in den meisten Ländern deutlich an, während der Konsum von tierischem Fett abnahm oder gleich blieb. In England ist der Konsum von tierischem Fett seit 1910 relativ stabil geblieben, während sich die Zahl der Herzinfarkte zwischen 1930 und 1970 verzehnfachte.

Während die KHK-Sterblichkeit nach dem 2. Weltkrieg fast überall auf der Welt gestiegen ist, hat sie in der Schweiz abgenommen. Wenn dieser Abnahme eine Abnahme des Fettverzehrs vorausgegangen wäre, könnte die Schweiz anderen Ländern als Vorbild in der Gesundheitsvorsorge dienen. Aber die Befürworter der Fett-und-Cholesterin-Theorie sprechen nie über die Schweiz, denn in der Zeit, als dort die KHK-Sterblichkeit sank, stieg der Konsum von tierischem Fett um 20 Prozent. Zwischen 1955 und 1965 hat sich bei Jugoslawen mittleren Alters die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verdrei- bis vervierfacht, obwohl der Fettverzehr in dieser Zeit um 25 Prozent zurückging.

In den USA hat sich die KHK-Sterblichkeit zwischen 1930 und 1960 verzehnfacht, in den Sechzigern flachte sich die Kurve ab und seitdem fällt sie langsam. Als die KHK-Sterblichkeit anfing zu sinken, sank auch der Fettkonsum - aber in den 30 Jahren, in denen die KHK-Sterblichkeit diesen steilen Anstieg erlebt hatte, war der Konsum von tierischem Fett bereits rückläufig gewesen.

In der Stadt Framingham im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts, sank die Zahl der tödlichen Herzinfarkte, als der Verzehr tierischen Fetts zurückging; die Zahl der nicht tödlichen Infarkte nahm im gleichen Zeitraum jedoch zu. Die Autoren der Framingham-Studie erklären diese Diskrepanz damit, dass es länger dauert, die Zahl nicht tödlicher Infarkte zu senken als die Zahl der tödlichen Fälle zu verringern. Eine viel bessere Erklärung wäre, dass aufgrund der besseren medizinischen Versorgung heute mehr Menschen einen Herzinfarkt überleben.

In Japan nahmen die tödlichen Herzinfarkte zwischen 1950 und 1970 zu, genau wie der Konsum von tierischem Fett - anscheinend eine Bestätigung der Fett-und-Cholesterin-Theorie. Doch die KHK-Sterblichkeit stieg nur in der Altersgruppe der Über-70-Jährigen an, und vor allem bei den Über-80-Jährigen. Die Zunahme der KHK-Sterblichkeit in dieser letztgenannten Altersgruppe machte die Abnahme der Sterblichkeit in anderen Altersgruppen mehr als wett. Mit anderen Worten: Jüngere Japaner starben seltener an koronarer Herzkrankheit, obwohl sie mehr tierisches Fett aßen. Demzufolge kann die erhöhte KHK-Sterblichkeit älterer Japaner nicht von einem erhöhten Fettverzehr herrühren; denn wenn dem so wäre, hätte es in allen Altersgruppen mehr Herztote geben müssen. Seit dem Krieg hat sich der allgemeine Gesundheitszustand der Japaner ständig verbessert, was sich auch in einer verlängerten Lebenserwartung ausdrückt. Viele Menschen erreichen ein höheres Alter, und da die koronare Herzkrankheit eine typische Alterserkrankung ist, steigt natürlich auch die KHK-Sterblichkeit.

Dieser Schlag gegen die Fett-und-Cholesterin-Theorie wurde 1981 bei einer internationalen Konferenz als erster Beitrag präsentiert, aber er verursachte keinen Aufruhr in der Wissenschaftlergemeinde. Stattdessen zog Dr. Kimura, der Autor des Beitrags, den Schluss: "Wenn sich die Versorgung mit Lebensmitteln und die Verzehrsgewohnheiten in Japan weiter so entwickeln, ist in der Zukunft mit einer Zunahme der ischämischen Herzerkrankungen zu rechnen." Danach wurde die Konferenz fortgesetzt, als ob nichts gewesen wäre. Dr. Kimura irrte. Anders als von ihm vorhergesagt, nahm die Zahl der tödlichen Herzinfarktein Japan in allen Altersgruppen seit 1970 stetig ab, und das obwohl ständig mehr tierisches Fett verzehrt wurde.

Die Hirten von Kenia

Die vielen Gegenbeispiele zur Fett- und Cholesterinhypothese legen nahe, dass es sich bei der Ursache der koronaren Herzkrankheit um eine andere Eigenheit des westlichen Lebensstils handeln muss als um den Verzehr von tierischem Fett. Um diese Vermutung abzusichern, muss man Menschen untersuchen, die ebenso viel Fett essen wie wir, aber ansonsten den Risiken der westlichen Zivilisation nicht ausgesetzt sind. Wenn die Ernährung der bedeutendste Einflussfaktor wäre, müssten Menschen in diesen Ländern ebenfalls hohe Cholesterinwerte haben und genauso oft an Herzinfarkt sterben wie wir.

Anfang der sechziger Jahre brachte die Forschergruppe um Professor George Mann von der Vanderbilt-Universität in Nashville ein fahrbares Labor nach Kenia, um die Massai zu studieren. Professor Mann hatte gehört, dass die Massai ausschließlich von Milch, Blut und Fleisch leben. Es schien daher keine schlechte Idee, die Fett-und-Cholesterin-Theorie im kenianischen Hochland zu testen. Kurz zuvor war Dr. Gerald Shaper von der ugandischen Makerere-Universität mit demselben Ziel etwas weiter nach Norden zu einem anderen Stamm gereist, den Samburu.

Die Massai und die Samburu sind schlanke Menschen, die seit vielen Generationen als Hirten leben. Sie leben ohne den Stress und die Hektik der westlichen Welt, aber bequem haben sie es auch nicht. Jeden Tag gehen oder laufen sie viele Kilometer mit ihren Herden, immer auf der Suche nach Wasser und Weidegründen.

Ihre Ernährungsweise ist ziemlich extrem. Ihrer Ansicht nach taugen Gemüse und das, was wir als Ballaststoffe bezeichnen, nur als Viehfutter; sie selbst (zumindest die jüngeren Männer) ernähren sich ausschließlich von Milch, Fleisch und Blut. Ein männlicher Samburu trinkt - je nach Jahreszeit - zwischen drei und zehn Litern Milch pro Tag. Zehn Liter Milch enthalten ein Pfund Butter. Die Samburu-Männer haben noch nie etwas von Cholesterin gehört und trinken die Milch deshalb wie sie ist - ohne die Sahne zu entfernen. Auf diese Weise nehmen sie weit mehr tierisches Fett zu sich als die meisten Menschen in den Industrienationen. Die Cholesterinzufuhr ist bei den Samburu natürlich ebenfalls sehr hoch, vor allem wenn sie ihre tägliche Milchration noch mit 1-2 kg Fleisch anreichern.

Die Massai trinken "nur" 2-3 l Milch pro Tag. Dafür essen sie mehr Fleisch als die Samburu. Ihre Feste sind die reinsten Fleischorgien; wie Professor Mann berichtet, sind 2-5 kg Fleisch pro Person nichts Ungewöhnliches.

Wenn die Fett-und-Cholesterin-Theorie zuträfe, müsste die koronare Herzkrankheit in Kenia grassieren wie eine Seuche. Aber die Massai sterben nicht an koronarer Herzkrankheit - vielleicht würden sie vor Lachen sterben, wenn ihnen jemand von den Kampagnen gegen Lebensmittel erzählte, die Cholesterin und gesättigte Fette enthalten.

Das war jedoch nicht die einzige Überraschung. Professor Mann hatte exorbitante Cholesterinspiegel erwartet, aber die waren sehr niedrig. Um genau zu sein gehörten die Cholesterinwerte der Massai zu den niedrigsten, die je gemessen wurden. Im Schnitt lagen sie um 50 Prozent unter denen der meisten Amerikaner.

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Entnommen aus: Ravnskov U, Pollmer U: Mythos Cholesterin: Die zehn größten Irrtümer. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2002; ISBN 3-7776-1181-6
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