Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
12.4.2003
Comeback einer Künstlerdroge: Absinth

Absinth war nicht irgendein grüner Kräuterschnaps, er war DIE Droge der Bohème. Vor allem Maler und Dichter der Belle Époque benutzten Absinth als Stimulans wie van Gogh, Picasso, Charles Baudelaire oder Oscar Wilde. Als der billige Industriealkohol den Branntwein verdrängte, entwickelte sich Absinth zu einer Art Volksdroge, bis er wegen verheerender Folgen wie Abhängigkeit und Gesundheitsverfall zu Beginn des 20.Jahrhunderts in Europa nach und nach verboten wurde. Erst die EU verhalf dem Absinth im Interesse der europäischen Harmonisierung zu einem comeback, seit 1991 ist das verruchte Getränk wieder frei und wird mit zunehmender Begeisterung konsumiert.

Nicht festlich wie ein Glas Champagner, sondern ziemlich verrucht klingt der Name eines vergessenen und heute nahezu überall verbotenen Getränks: Absinth. Nur dessen harmlose Versionen leben munter weiter. Zum Beispiel der Pastis, ein Gewürzlikör, der heute im französischen Café einfach zum Savoir-vivre gehört. Dieser Anisette lässt Erinnerungen an Licht und Gelassenheit wach werden, und unwillkürlich hat man eine Stimmung vor Augen, wie sie die Impressionisten mit ihren Bildern eingefangen haben.

Gibt man Wasser zum Anisette schlägt das klare Getränk in eine milchige Lösung um. Das kommt von den Aromastoffen, den Terpenen, die nur in konzentriertem Alkohol löslich sind. Bei Wasserzugabe kristallisieren sie aus und verteilen sich gleichmäßig in der Flüssigkeit.

Der Anisette ist das entschärfte Überbleibsel des Absinths, der 1915 in Frankreich verboten wurde. 1797 begann als erster Henri-Louis Pernod mit der kommerziellen Produktion, nachdem er sich das Rezept aus der Schweiz besorgt hatte. Der grünliche Likör enthielt neben Anis, Fenchel und Melisse-Destillat die bitteren, ätherischen Öle des Wermuts, lateinisch Artemisia absinthum. Das gab ihm den Namen. Den grünlichen Ton lieferte ein Aufguss aus Ysop, pontischem Wermut und Melisse. Um den Geschmack des Bitterstoffes Absinthin zu überdecken, legte man ein Stück Zucker auf einen durchlöcherten Löffel und goss langsam kaltes Wasser ins Glas, bis das klare Grün ins Milchig-Gelbe umschlug.

Absinth war nicht irgendein alkoholisches Getränk, es war die Droge der Boheme. Viele Künstler der Belle Époque, vor allem Maler, benutzten es als Stimulans. Vielleicht spielte manchmal bei dieser Vorliebe noch etwas anderes mit: Die Maler benötigten für ihre Farben das Lösungsmittel Terpentin. Abhängigkeit von Lösemitteln ist, wie wir bei den "Klebstoff-Schnüfflern” sehen, gar nicht so ungewöhnlich. Bei van Gogh deutet viel darauf hin, dass er an einer Terpensucht litt. Als Gewohnheitstrinker von Absinth musste er sogar bei einer Entwöhnungskur davon abgehalten werden, Terpentin zu kippen. Vermutlich versuchte er damit, seine Entzugssymptome zu therapieren.

Auf Dauer wurden die Konsumenten benommen und verwirrt, sie erlebten Halluzinationen. Dem angeregten Zustand folgte dann eine Phase tiefster Depression, die bis zum Selbstmord führen konnte, wie bei Vincent van Gogh und Ernest Hemingway. Viele Opfer litten an Krämpfen, epilepsieähnlichen Anfällen und Bewusstlosigkeit. Bereits 1860 wurde Absinthismus als Suchtkrankheit erkannt.

Auf der Suche nach den Übeltätern im Absinth wurden einige verdächtige Zutaten überprüft: So enthält Wermut ein bis heute nicht restlos geklärtes Gemisch an Terpenen mit dem Hauptbestandteil Thujon und daneben Kampfer, Menthol sowie Pinen. Thujon gilt als Nervengift. Damit wäre es der ideale Kandidat für die Gefahren des Absinths. Thujon ist zudem einem anderen Stoff strukturell recht ähnlich: dem Tetrahydrocannabinol (THC), dem Wirkstoff von Haschisch und Weihrauch. Vermutlich "passt” Thujon im menschlichen Gehirn in dieselben Nervenzell-Rezeptoren wie THC und ruft deshalb ähnliche Empfindungen hervor.

Im Falle des Absinths bezweifeln Pharmakologen wie Ryan Huxtable von der Universität Arizona einen Zusammenhang: Der Gehalt an Thujon aus dem Wermutöl erreiche pro Drink gerade mal drei Milligramm. Das sei viel zuwenig, um irgendeinen Effekt zu erzielen. Ein anderer Kandidat ist viel eher der Schurke: Das Absinthin, verantwortlich für die Bitterkeit, wirkt bereits in geringer Konzentration betäubend und lähmend.

Erschwerend kommt hinzu, dass Lebensmittelverfälschung zu allen Zeiten eine Art Volkssport war. Absinth wurde mit anderen Giftpflanzen wie Kalmus oder Rainfarn gemischt. Kein Wunder, wenn regelmäßige Absinth-Trinker an schweren Nervenschäden litten. Den Konsumenten galten vor allem die grüne Farbe und der milchige Schimmer als Qualitätsmerkmale. Nun bilden nicht nur Terpene im Wasser einen milchig-trüben Niederschlag, sondern auch Antimontrichlorid. Antimon ist ein naher Verwandter des Arsens und diesem in seiner Wirkung auf den Menschen durchaus vergleichbar. Die grüne Farbe ließ sich elegant mit Kupfersulfat herstellen. Das ersparte die mühevolle Herstellung chlorophyllhaltiger Ysop-Extrakte.

Kupfer ist ein wichtiges Spurenelement. Eine erhöhte Zufuhr hat für gesunde Erwachsene kaum negative Folgen. Anders ist dies in Verbindung mit massivem Alkoholkonsum. Schädliche Metalle wie Eisen und Kupfer nimmt der Körper dann verstärkt auf. Nun hatten nicht nur Absinth-Trinker zur Jahrhundertwende eine erhöhte Kupferzufuhr, sondern viele andere Säufer auch. Denn früher wurde in den Destillen viel Kupfer und Messing verwendet. Messing ist eine Legierung, die meist mehr als die Hälfte an Kupfer enthält. Heute spielt Edelstahl die Hauptrolle.

Bei Alkoholikern ist der Kupfergehalt der zirrhotischen Leber außergewöhnlich hoch. Ebenso ist die Zirrhose der Gallengänge von einer massiven Kupferanreicherung gekennzeichnet. Zwar gilt es als ausgemacht, daß beim Alkoholiker nur der Alkohol daran schuld sei. Dieses Bild ist so fest gefügt, dass offenbar noch niemand darüber nachgedacht hat, warum es unmöglich ist, beim Tier allein durch Alkohol eine Zirrhose zu erzielen. Mit vielen Chemikalien, etwa Lösungsmitteln und ganz besonders Schimmelgiften, gelingt es auf Anhieb.

Nun waren Schimmelgifte (Mykotoxine) stete Begleiter bei der Produktion alkoholischer Getränke. Nicht nur dass man kürzlich in manchen Weinen nicht unerhebliche Gehalte an Ochratoxin entdeckte, das offenbar aus verschimmelten Trauben stammte. Auch den Brennereien ist das Verschimmeln der Maischen nur zu bekannt. So dürfte beim Destillieren so manch ein Mykotoxin oder ein Reaktionsprodukt in die Spirituosen gelangt sein.

Vieles deutet daraufhin, dass statt dem allseits verdächtigten Alkohol vielmehr Kupfer und Schimmelgifte ein Schlüssel für die Entstehung der Leberzirrhose sind. Inzwischen hat Stahl die Kupfer- und Messingausrüstungen (Messing ist eine Kupferlegierung) in den meisten Betrieben ersetzt. Auch das Destillieren verdorbener Maischen wird streng geahndet. Kann es da noch verwundern, wenn gleichzeitig aus den Industriestaaten Europas und Nordamerikas die stete Abnahme alkoholischer Leberschäden gemeldet wird? Nicht weil die Menschen weniger trinken sondern mutmaßlich, weil sich die Zusammensetzung der Getränke geändert hat.

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Aus: Wohl bekomm's! Was Sie vor dem Einkauf über Lebensmittel wissen sollten. Von Udo Pollmer & Brigitte Schmelzer-Sandtner, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001
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