Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
26.4.2003
Hormone in der Bohne: Soja

Japans Frauen leiden deutlich weniger an den typischen Begleiterscheinungen der Wechseljahre als Europäerinnen und Nippons Männer sterben viel seltener an Prostatakrebs als ihre Geschlechtsgenossen in westlichen Industrieländern. Da Sojaprodukte zum Alltag der Menschen in Fernost gehören, liegt die Vermutung nahe, dass die Sojabohne ursächlich damit zusammen hängt.

Hormone in der Umwelt erregen die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten: Waren es anfangs die Hormoncocktails im Kalbsschnitzel, so ist es heute der Mensch selbst. Genauer genommen der Mann, dessen schwindende Potenz ungeahnte Ängste weckt. Immerhin zeigt eine stattliche Anzahl von Studien, dass sich das Sperma des Mannes seit 1940 kontinuierlich verschlechtert hat, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität.

Geschlechtsumwandlungen bei Fischen brachten britische Forscher auf die Idee, einmal im Abwasser nach verdächtigen Stoffen zu fahnden. Unterhalb von Kläranlagen "verweiblichen" Fisch-Männchen besonders schnell. Die Männchen produzieren zu allem Überfluss sogar Eiweiße für Fischeier, noch dazu in derselben Menge wie reife Weibchen. Die hormonelle Wirkung reicht bis zu 5 Kilometer unterhalb der Abwasserrohre. Als Ursache entpuppte sich ein Abbauprodukt von Alkylphenol-Ethoxylaten aus Waschpulvern.

Eine andere Spur im Abwasser führt zur Antibabypille. Im Gegensatz zu den natürlichen Sexualhormonen sind die Wirkstoffe der Pille ziemlich stabil. Sie werden über den Urin ausgeschieden und durch die Toilette in die Kläranlagen gespült. So gelangt der aktive Verhütungsmix aus der Kloschüssel in unsere Gewässer, aus dem die Wasserwerke wieder Trinkwasser gewinnen. Womit sich der Kreislauf schließt. Wer weiß, vielleicht erübrigt sich eines Tages die regelmäßige Einnahme der Pille.

Dort, wo die Umwelt in besonderem Maße unter der Verschmutzung leidet, sind Fruchtbarkeitsstörungen verbreitet und bedrohen die Existenz zahlreicher Tierarten. Eine Flut wissenschaftlicher Arbeiten zeigt, dass eine ganze Reihe klassischer Umweltgifte wie DDT, PCB, HCH, BADGE oder TCDD Verwirrung im Hormonhaushalt stiften und damit als Ursache infrage kommen. Die Folge ist zumindest ein neuer Fachbegriff: die Xenoöstrogene.

Dieser Zusammenhang wird von anderer Seite zurückgewiesen: Die erforderlichen DDT-Konzentrationen im Blut des Menschen müssten um den Faktor 1.000 höher liegen, um die Östrogenrezeptoren zur Hälfte abzusättigen. Und schließlich sind die paar Mikrogramm an Xenoöstrogenen absolut unbedeutend gegenüber den natürlichen Phytoöstrogenen in unserer Nahrung. Leinsaat enthält von derartigen Hormonen bis zu 4 Gramm pro Kilo, in der Sojabohne ist es immerhin noch 1 Gramm.

Aber: Phytoöstrogene werden im Gegensatz zu lipophilen Umweltgiften schnell verstoffwechselt und wieder ausgeschieden. Die Gehalte an DDT oder PCB im menschlichen Fettgewebe liegen um eben diesen Faktor 1.000 über den Serumspiegeln. Nun ist Fett nicht nur in den "Fettdepots" vorhanden, sondern in allen Organen. Somit sind hormonelle Effekte naheliegend. Bei Kindern zeigte sich mit zunehmender Belastung der Mütter während der Schwangerschaft mit Umweltgiften ein geringeres Geburtsgewicht, geringere Intelligenz und Verhaltensstörungen (Hyperaktivität).

Mittlerweile scheinen die Forschungsergebnisse beiden Seiten gleichzeitig recht zu geben. Sie weisen auf eine direkte Wechselwirkung: Phytoöstrogene blockieren die Rezeptoren, so dass die Xenoöstrogene nicht mehr wirksam werden können. Damit üben sie eine Schutzfunktion aus. So könnte sich der Sojaburger mit Leinsamen doch noch zur "Pille für den richtigen Mann" mausern.

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p-20030426.ram

Auszug aus dem Wissenschaftlichen Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften 1998/Heft 1/S.1-2
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