Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
16.8.2003
Pille oder Pulle – Fitness aus der Flasche

Mit einer neuen, außergewöhnlichen Art der Sauerstoffzufuhr wird in manchen Publikationen geworben: mit dem Trinksauerstoff aus der Flasche.

Sauerstoffwasser

Ist es nicht eine tolle Idee, ein Lebensmittel, das aus den meisten Wasserhähnen in fast gleicher Qualität gezapft werden könnte, in Flaschen zu füllen, und mit einem anderen Stoff, der noch leichter zu beschaffen ist - nämlich einem Bestandteil der Luft - anzureichern? Wasser mit Sauerstoff ist eine Marketingidee, die sogar den Versuch, in der Wüste Sand zu verhökern, in den Schatten stellt. Jeder weiß: Ohne Sauerstoff kein Leben. Der Mensch atmet Tag für Tag eine Menge ein, die zusammengenommen zwischen einem und 20 Pfund wiegt. Mit zwei Litern "Sauerstoffwasser", ebenfalls einer Tagesration, schluckt man allerhöchstens ein halbes Gramm. Die landen dann statt in der Lunge im Magen. Billiger wäre es, durch gelegentliches Luftschlucken seinen Verdauungstrakt mit einer Extraportion frischen Sauerstoffs zu versorgen.

Forscher der TU München wollen nun herausgefunden haben, dass sich mit dem Powerwasser der Sauerstoffanteil im venösen Blut um bis zu 15 Prozent erhöhen ließe. Dazu hatten sie - einer Meldung des Magazins Natur unter der Rubrik "Hammer des Monats" - 15 Kaninchen betäubt, per Sonde mit Sauerstoffwasser versorgt, um dann aus der Pfortader Blut abgezapft. "Venös" nennt man das Blut, das zurückströmt, nachdem es seinen Sauerstoff aus der Lunge am Zielort abgeliefert hat. Da wollen maximal 15 Prozent, so sie denn überhaupt stimmen, nichts heißen - denn 15 Prozent Steigerung von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau sind belanglos. Und selbst wenn sie da wären: Was soll bitte der Sauerstoff an einem Ort, an dem ihn der Körper gar nicht haben will und folglich auch nicht brauchen kann?

Unlängst prüfte die Stiftung Warentest sechs verschiedene Produkte dieses Genres. Nicht nur, dass die Experten nach Auswertung der Fachliteratur und der Herstellerangaben das Fehlen wissenschaftlicher Belege für die behaupteten Wunderwirkungen beklagten, auch bei der Verkostung gab's enttäuschte Gesichter: "Geschmacklich sind die Trendwässer eher Schnee von gestern: leicht flach, abgestanden und wenig spritzig." Der Sauerstoff macht das Wasser zwar weicher, "hinterlässt aber mitunter ein kratziges, pelziges Mundgefühl. Keine Spur von neuer Frische". Stattdessen rochen vier der sechs Produkte nach Kunststoff. Als Ursache entpuppte sich Acetaldehyd, eine ungehörige Zutat aus den PET-Flaschen.

Die besondere Erkenntnis

Eine etwas außergewöhnliche Art der Sauerstoffzufuhr hat die "Ernährungs-Umschau" entdeckt. In seiner Märzausgabe versucht das DGE-Organ der Leserschaft sauerstoffhaltiges Wasser schmackhaft zu machen - mit einer nicht offensichtlich als Anzeige gekennzeichneten Meldung. Dem Leser muss sich daraus erschließen, dass er das lebensnotwendige Gas nicht nur über die Lunge sondern auch über seinen Verdauungstrakt aufnehmen kann und soll. Doch damit nicht genug: Um den Verkauf des gashaltigen Wässerchens zu fördern, hat der Hersteller vorsichtshalber noch einige Modevitamine beigefügt - schließlich ist Wasser, wie wir nicht zuletzt den Nährwerttabellen der DGE entnehmen können, erschreckend vitaminarm.

Hat sich die Redaktion der "ernährungswissenschaftlichen Fachzeitschrift" einen Scherz erlaubt? Oder stehen jetzt, nachdem die Hersteller ihr Sauerstoffwasser in Fitnessbuden erfolgreich absetzen konnten, die Leser des Fachblattes als neue Zielgruppe fest - also die Mitglieder der DGE? Bleibt zu hoffen, dass diese noch wissen, dass der Mensch nach wie vor über seine Lunge und nicht über sein A.... atmet. Und dass die Gemeinde nicht zu tief Luft holt.

RealAudio

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Aus: EU.L.E.nspiegel 2003
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