Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
6.9.2003
Schluss mit der Nuss- versteckte Allergene

Sie stehen nicht auf der Verpackung, können trotzdem enthalten sein und heftige Reaktionen bei manchen Menschen auslösen: Allergene, die in Nüssen stecken.

Kopf oder Zahl! Wie zuverlässig sind Allergie-Tests?

Sehen wir uns die bekannteste dieser Testmethoden genauer an: Beim "Prick-Test" tupft der Arzt Lösungen auf unseren Unterarm und sticht anschließend mit einer Lanzette durch den Tropfen hindurch in die Haut. Autsch! Hoffentlich verwechselt er die Testlösungen nicht, denn die sehen alle gleich aus: Klar wie Leitungswasser tropft "Rindfleisch", "Milch" und "Milbenkot" auf unseren Arm. Den Arzt scheint das nicht zu irritieren. Er wird schon wissen, dass in diesen farblosen Lösungen natürlich nicht die ganzen Lebensmittel mit ihrem breiten Spektrum an Inhaltsstoffen enthalten sein können. Die Testlösungen enthalten lediglich Spuren von Eiweißen. Vorsicht ist also angesagt: Denn auch völlig andere Stoffe, die in den Testlösungen nicht enthalten sind, können Allergien auslösen.

Selbst da, wo das Eiweiß eine Rolle spielt, ist Skepsis angebracht. Denn für die Testlösungen müssen die Eiweiße erst einmal von den vielen anderen Inhaltsstoffen unserer Lebensmittel isoliert werden. Viele Eiweiße sind jedoch ziemlich empfindlich, so dass sie die Extraktionsprozesse nicht unbeschadet überstehen. Offenbar weiß bis heute niemand so recht, was genau sich in diesen "Lösungen" befindet. Sicher enthalten sind allerdings Mittel zur Verlängerung der Haltbarkeit. Damit die Testlösungen in der Arztpraxis nicht schimmeln werden Kochsalz, Glycerin und oft auch Phenol zugesetzt. Die Mitteilungsfreude der Pharmavertreter versiegt an diesem Punkt. Kein Wunder: Das zugesetzte Phenol ist bekanntlich selbst ein Allergen. Darüber hinaus reagieren sie bereitwillig mit Eiweißen zu neuartigen Verbindungen. Das bedeutet, dass der Arzt oft genug etwas völlig anderes auf unserem Arm testet, als das, was wir gewöhnlich essen.

Hauttests

Prick-Test: Eine positive Reaktion auf der Haut im Prick-Test bedeutet nicht, dass die getestete Substanz auch beim Verzehr Allergien auslöst. Bei jeder vierten gesunden Testperson kommt es zu einer Hautreaktion obwohl sie beim Essen nicht allergisch reagiert. Dass der Test sich dennoch einer solchen Beliebtheit erfreut, ist womöglich der Großzügigkeit der Pharmafirmen zu verdanken, die ganze Testkoffer gratis zur Verfügung stellen.

Reib-Test: Der Test vermeidet eine oft entscheidende Fehlerquelle des Prick-Tests. Dann nämlich, wenn statt undefinierbarer Lösungen die ganzen Lebensmittel auf der Haut verrieben werden. Um einen intensiveren Kontakt mit dem potentienellen Allergen herzustellen, wird die Haut zusätzlich eingeritzt oder die Hornhautschicht am Unterarm mit Pflastern abgerissen. Funktioniert jedoch nur bei hochgradig sensibilisierten Personen.

Patch-Test Epikutantest): Er soll Kontakt-Allergene entlarven, also Substanzen, die bei Hautkontakt Probleme verursachen wie zum Beispiel Kosmetika, Schmuck oder Kleidung. Selbst dieser zunächst sehr einfach erscheinende Test stößt schnell an seine Grenzen: Wird dieselbe Allergenlösung an verschiedenen Stellen des Rückens aufgetragen, weichen die Ergebnisse um bis zu 40 Prozent voneinander ab. Auch auf einem Allergie-Symposium im Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) wurden Zweifel an den daraus resultierenden Diagnosen geäußert: "Die Durchführung des Patchtests ist einfach, die Interpretation der Ergebnisse jedoch nicht".

Intrakutantest: Dabei werden verdünnte Allergenlösungen (meist die 100fach verdünnten Pricklösungen) mit einer Injektionsnadel unter die Haut gespritzt. Aus Größe und Intensität von Quaddeln und Rötungen wird auf die Allergenität geschlossen. Die Zuverlässigkeit liegt nach Informationen der Zeitschrift Öko-Test für Nahrungsmittelallergien bei 50 Prozent. Der Doktor könnte also auch Münzen werfen. Ab einer bestimmten Konzentration der eingesetzten Lösungen reagiert zudem auch der gesunde Patient.

Bluttests

RAST (Radio-Allergo-Immuno-Sorbens-Test): Die meisten Allergiker bilden Antikörper gegen das auslösende Allergen. Eine Gruppe von solchen Antikörpern, das sogenannte Immunglobulin E (IgE), lässt sich mit diesem Test im Blut des Patienten nachweisen. Allerdings hat auch dieses Verfahren enge Grenzen: Die IgEs sind sehr kurzlebig: Wurde das entsprechende Lebensmittel einige Zeit nicht mehr gegessen, ist auch im Falle einer Allergie kein IgE mehr im Blut zu finden. Jürgen Knop und Joachim Saloga von der Universitäts-Hautklinik in Mainz geben zu bedenken, dass auch der umgekehrte Fall nicht viel besagt: Das Vorhandensein von IgEs ist in ihren Augen noch lange kein Beweis für eine Allergie. Nur bei Sofortreaktionen gegen das Lebensmittel aussagekräftig - wenn überhaupt.

Nachweis von Immunglobulin G (IgG): IgGs sind eine weitere Art von Antikörpern; im Gegensatz zu IgE zirkulieren sie länger im Blut. Der Test ist deshalb auch für Spätreaktionen auf Eiweiße einsetzbar. Da oft auch bei beschwerdefreien Personen erhöhte IgG-Spiegel gemessen werden, wird ihm in Fachkreisen größtenteils keine Bedeutung für die Diagnose von Lebensmittelallergien beigemessen.

Cytotest: Bestimmte Blutkörperchen, die Leukozyten, sollen bei Zugabe von Allergenen ihre Form verändern. Das behaupten zumindest diejenigen, die diesen Test verwenden. Die Veränderungen werden im Mikroskop beurteilt. Obwohl dieser Test für alle Inhaltsstoffe der Lebensmittel geeignet sein soll, ist er nicht sehr zuverlässig, da die Interpretation sehr subjektiv ist. Eine positive Reaktion kann auch Folge eines funktionsgestörten Darms sein.

Am aussagekräftigsten ist allenfalls die sogenannte orale Provokation. Dabei ißt der Patient in einer beschwerdefreien Zeit das verdächtige Lebensmittel und beobacht, ob der Körper reagiert. Es wird also gezielt versucht, die Unverträglichkeitserscheinungen auszulösen - und zwar mit dem ganzen Lebensmittel und nicht nur mit undefinierbaren Extrakten.

(Vorschlag der EU zur einer Änderung des Kennzeichnungsrechts, um Allergiker zu schützen


RealAudio

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Aus: Vorsicht Geschmack - Was ist drin in Lebensmitteln. Von U.Pollmer, C. Hoicke, H
U. Grimm, Hirzel, Stuttgart 1998
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