Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
27.9.2003
Krank durch gesunde Stoffe – Nahrungsergänzungsmittel

Muskeln, Monster und Moneten

Was macht ein "schwindsüchtiges Zigarettenbürscherl” zum erfolgreichen Body Builder? Das richtige Präparat zur rechten Zeit. Eine böswillige Verallgemeinerung? Vielleicht. Der Weltmeister Thomas Scheu verriet unlängst, dass "sich der gute Athlet von einem weniger guten nicht durch effektiveres oder intensiveres Training unterscheidet, sondern vielmehr durch die bessere Ernährung und die bessere Nahrungsergänzung”. Und die geht ins Geld. Nach Angaben von Insidern müssen Bodybuilder dafür mindestens 25.000 DM investieren, um am Wettkampf überhaupt teilnehmen zu können.

Vor dem Wettbewerb wird der Körper mit allerlei Präparaten "entfettet”, d.h. sein Fettgehalt unter 10% gebracht. Das bedeutet, keinerlei Fett essen, dafür jede Menge Eiweiß und kaum Kohlenhydrate. Mit normalen Lebensmitteln wird's da schwierig. Unmittelbar vor dem "Kampf” gibt's nur Kohlenhydrate, um Glykogen zu speichern. Mit der Aufnahme dieser "Sportart” als olympische Disziplin wird sie nicht nur verstörte Jugendliche mit Minderwertigkeitskomplexen faszinieren, sondern zum globalen Kulturgut erhoben. Die Sieger stehen schon fest: Die Vertriebssysteme für Nahrungsergänzungsmittel.

Die erfolgreiche Werbung ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft: "Sportler wie Sie leisten auch mehr als andere in ihrer Freizeit - beim Training. Deshalb brauchen Sie natürlich auch mehr Kohlenhydrate, mehr Vitamine, mehr Mineralien und, und, und. Fazit: Sie brauchen mehr Nahrung - eine Zusatzernährung.” Schließlich bringt "normale Nahrung nicht(s) mehr”, weil sie den Magen belastet! Jede Schweißperle wird zum Gegenstand narzistischer Betrachtung. Sie nährt die Angst in einer Überflussgesellschaft zu kurz zu kommen.

Blättert man im Internet oder den Katalogen, mangelt es den Deutschen an so ziemlich allem, was im Fast food sowieso drin ist. Und genau das hilft in Pillenform gegen Unsportlichkeit, Haarspitzenkartarrh, Bierbauch und Cellulitis. Betrachtet man die zahlreichen Präparate, die in Discos von pubertierenden Jugendlichen, in Büros von essgestörten Sekretärinnen und in Sportstudios von schmächtigen Möchtegern-Olympioniken geschluckt werden, so wird deutlich was bei der Kundschaft im Überfluss vorhanden ist: Geld. Da fällt der Mangel an gesundem Menschenverstand nicht mehr ins Gewicht.

Ärzte berichten von Body Buildern, die täglich über 80 Pillen einwerfen. Die einzelnen Produkte enthalten schon bis zu 60 Mittelchen. Wer glaubt, dieser Unfug sei eine Ausnahme, täuscht sich. Die Branche setzt bereits Milliarden um, - mit Otto Normalbenziner und Lieschen Müller. Der Inhalt der Softgels, Pillen und Dosen verrät Phantasie: Angefangen von Abfällen der Lebensmittelwirtschaft, Zwischenprodukten der Chemieindustrie über Vormischungen aus Schweinemast und Madenzucht bis hin zu illegalen Drogen ist darin einiges vertreten, was ehrbare Kaufleute lieber der Entsorgungswirtschaft oder gar Polizei überantworten würden.

Die Vorstellungen über die Wirkungsweise steht mittelalterlichen Hexenglauben in nichts nach. Magische Zauberformeln wie der Spruch von den "freien Radikalen” und der päpstliche Segen eines Nobelpreisträgers ersparen dem Anbieter klinische Tests. Der größte Teil der (legal) angebotenen Stoffe hält nicht, was die Prospekte versprechen. Der Sieger verdankt seine preisgekrönten Muskelschwellungen weniger den Nahrungsergänzungsmitteln. Dazu bedarf es ganz anderer Hilfen einer Branche, die stets durch neue Ideen überrascht: Ohne Doping keine monströsen Fleischpakete.

Mit Folgen für die Lebensmittelwirtschaft: Was im Sportstudio Muskeln bringt, das taugt natürlich auch im Stall zur Mast und taucht dort zuverlässig mit zeitlicher Verzögerung auf. Ein Beispiel dafür ist Clenbuterol. Auch wer sich aus Sport nichts macht, wird dieser Segnungen öfter zuteil, als ihm lieb sein kann. Ganz ohne Muskelzuwachs. Akute Clenbuterol-Vergiftungen durch gebratene Leber oder Kalbsschnitzel wurden von Notärzten bereits dokumentiert.

Aus: EU.L.E.nspiegel 1998, Heft 3, Editorial
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