Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
25.10.2003
Bakterienfänger Brokkoli

Audio: Bakterienfänger Brokkoli

Broccoli statt Bier

Auch Dupont sorgt sich um die Gesundheit und Geldbeutel seiner Kundschaft. Aus Sicht des Chemieriesen sind aber nicht die altbekannten Carotinoide die ultimativen Gesundmacher sondern die modernen Isoflavone, vor allem Genistein und Daidzein. Die Wunschliste der Krankheiten, die sich mit diesen Phytoöstrogenen angeblich verhindern lassen, sind neben konoraren Herzerkrankungen samt "zu hohem" Cholesterinspiegel auch Beschwerden in den Wechseljahren sowie Osteoporose und Brustkrebs. Damit ergibt sich ein weites Feld zur Anreicherung von Lebensmitteln.

Isoflavone kommen hauptsächlich in Leguminosen wie der Sojabohne vor, aber auch im Hopfen. Dennoch können nicht einmal Japaner sicher sein, ausreichend von diesen Vitalstoffen zu speisen. Denn der Isoflavongehalt von Soja hängt stark von den Anbaubedingungen ab. Außerdem werden bei der Verarbeitung große Anteile des Wundermittels wieder entfernt. Dupont hat nun das Schlüsselenzym der Isoflavon-Biosynthese identifiziert, was eine künstliche Erhöhung und Standardisierung der Genistein- und Daidzeingehalte ermöglicht. Außerdem können nun auch andere Pflanzen zur Isoflavonherstellung genutzt werden.

Der Fortschritt ist atemberaubend: Bisher mussten all jene Europäer, die Sojasprossen nicht mochten, stattdessen einige Gläser ordinäres Pils trinken, um ihren Bedarf an Genistein und Daidzein zu decken. Nun besteht berechtigte Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit genügt, in der Eckkneipe für den gleichen gesundheitlichen Effekt allabendlich eine Schüssel Duponts Broccoli-Rohkost zu goutieren. Nature Biotechnology 2000/18/S.208-213) Entnommen aus EU.L.E.n-Spiegel 2000/Heft 7)

Rattenscharfe Broccolini

Noch besser als Brokkoli sind natürlich BroccoliniTM. Die neue Gemüsesorte schlägt mit ihrem Reichtum an Vitamin C ihre Konkurrentinnen um Längen. Acht Jahre brauchte die Züchtung aus herkömmlichem Broccoli und Chinakohl, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen: Es bietet sieben mal mehr vom legendären Antigrippe-Vitamin als seine stolzen Eltern. Allerdings dürfte das Produkt zumindest Vegetariern unangenehm aufstoßen: Den satten Vitamin C-Gehalt verdankt das Gemüse weder dem Broccoli noch dem Chinakohl - sondern der gemeinen Laborratte. Mit ihren Genen wurde das Kunstprodukt unterfüttert, um die Synthese von Vitamin C zu steigern. (Trends in Plant Sciences 2000/5/S.189)

All diejenigen, die gentechnisch verändertes Gemüse ablehnen, hat man aber nicht vergessen. Ein neuer Super-Broccoli, mit einem 100-fach höheren Gehalt der Schwefelverbindung Sulphoraphan, die vor Krebs schützen soll, ist das Ergebnis herkömmlicher Züchtungsprogramme. Etwas abgekürzt werden konnte die früher übliche, zeitaufwendige Zufalls-Kreuzerei jedoch mit Hilfe von Genanalysen und molekularen Technologien. (Trends in Plant Sciences 2000/5/S.323) Allerdings haben die Wirkstoffe des Broccolis auch noch eine Eigenschaft, die in der Euphorie des vermeintlichen Krebsschutzes durch Broccoli gern vergessen wird: Sie wandeln die Heterocyclischen Amine, die beim Kochen, Backen und Braten entstehen, in unmittelbar krebserzeugende Wirkstoffe um. (Metabolism: Clinical and Experimental 2001/50/S.1123-1129) Testet man den Preßsaft frischen Broccolis mit den gleichen Methoden, mit denen Umweltgifte oder Pestizide geprüft werden, so zeigt sich, dass frischer Broccoli aufgrund seiner clastogenen (krebsfördernden) Eigenschaften womöglich nicht einmal als Pestizid zugelassen werden könnte. (Food and Chemical Toxicology 2002/40/S.1391-1402)

Dies sollte weniger dazu verleiten, fürderhin keinen Broccoli mehr zu essen, sondern Verdammungen und Heiligsprechungen aufgrund "krebserregender" oder "krebsverhindernder" Testergebnisse mit äußerster Vorsicht zu genießen. Wer seinen Broccoli haushaltsüblich kocht, zerstört den größten Teil dieser umstrittenen Wirkstoffe, so dass damit ein Risiko für den Gesunden höchst unwahrscheinlich ist. (Entnommen aus EU.L.E.n-Spiegel 2000/Heft 7)

Brokkoli gegen Heliobacter pylori

Infektionen mit Heliobacter pylori sind weltweit verbreitet. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Industrie- und 70 Prozent in Entwicklungsländern tragen den Keim in sich. Das Bakterium kann Magengeschwüre verursachen und begünstigt Magenkrebs. Obwohl sich die Infektionen gut mit Antibiotika therapieren lassen, sprechen 15-20 Prozent der Träger kaum auf eine Behandlung an. Die Keime dringen bei ihnen entweder in die Magenschleimhautzellen ein, wo sie vor den Antibiotika geschützt sind, oder entwickeln Resistenzen.

Das Autorenteam suchte nach Wirkstoffen, die einfach anwendbar sowie billig genug sind, um auch in Entwicklungsländern eingesetzt zu werden. Fündig wurden die Wissenschaftler durch die zufällige Beobachtung, dass sich der Zustand von Patienten mit hartnäckigen Magengeschwüren wesentlich besserte, nachdem diese drei Tage alten Brokkoli verzehrt hatten. Aus Broccoli-Samen extrahiertes Sulforaphan zeigte eine ausgeprägte antibiotische Wirkung gegen Heliobacter pylori, auch dann, wenn Gewebeproben behandelt wurden, in denen der Erreger intracellulär vorlag. Der Wirkstoff war effektiver als Resveratol (Traubenschalen), Allixin (Knoblauch) oder Epigallocatechin (Tee). Im Tierversuch senkte Sulforaphan die Magenkrebsrate bei Mäusen, die vorher mit Benzpyren behandelt worden waren.

(PNAS 2002/99/S.7610-7615) Entnommen aus EU.L.E.n-Spiegel 2003/Heft 3

(Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften


Aus: EU.L.E.n-Spiegel 2000/Heft 7
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