Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
4.10.2003
Kraftpakete
Vitamine und Muskeln

Vitamin C: nichts für Sportler

Vitamin C ist für Sportsfreunde nicht immer von Vorteil, so das Ergebnis einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie. Dabei absolvierten Freiwillige zunächst ein intensives Muskeltrainung mit dem linken Arm, bis der Muskel richtig schmerzte. Anschließend nahmen sie entweder ein Getränk ohne Supplemente zu sich oder eins mit 700 Milligramm Vitamin C und 800 Milligramm N-Acetyl-Cystein. Zumindest theoretisch sollten die beiden Antioxidantien die Heilung des entzündeten Muskels beschleunigen. Doch statt einer Besserung der Beschwerden und einer Verminderung des Muskelkaters trat der gegenteilige Effekt ein. Die Laktatdehydrogenase und andere Marker blieben unter Einnahme der Antioxidantien länger erhöht als ohne. Gleiches galt für für den oxidativen Stress sichtbar an erhöhten Lipidperoxidwerten. -- Die Forscher erklären ihr Resultat mit dem prooxidativen Effekten von Antioxidantien in Gegenwart von Eisen. Ihre Auffassung wird von der Tatsache gestützt, dass der Gehalt an freiem Eisen im Serum der Probanden nach dem Training erhöht war. Nach ihrer Ansicht legen die umfangreichen biochemischen Daten nahe, daß die Gabe von Vitamin C und N-Actyl-Cystein Entzündungsprozesse verstärken kann. (Quelle: Childs A et al: Supplementation with vitamin C and N-Acetyl-Cysteine increases oxidative stress in humans after an acute muscle injuriy induced bei exercise. Free Radical Biology & Medicine 2001/31/S.745-753)
Entnommen aus: EU.L.E.N-SPIEGEL - Wissenschaftlicher Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. 2002/H.2-3/S.37

DGE-Empfehlungen: Neues aus dem Märchenbuch
Wovon hängen die Empfehlungen zur Vitaminzufuhr ab? Vom Pass! Anscheinend gehört es zum Nationalstolz von Regierungen nicht nur eigene Flaggen und Hymnen zu produzieren, sondern für das jeweilige Volk auch noch eigene Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr zu ersinnen. Für all jene, die sich von nationalen Parolen nicht angesprochen fühlen, gibt es natürlich auch noch internationale Empfehlungen, so zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation für den Weltbürger.

Schaut man sich die Empfehlungen für die Vitaminzufuhr in verschiedenen Ländern an, könnte man meinen, der Vitaminbedarf ändere sich mit der Nationalität. So wurden
einem Amerikaner 90 mg Vitamin C empfohlen,
ein Brite muss mit 30 mg auskommen,
ein Franzose braucht 80 mg und
ein Italiener 45 mg.
Deutsche sollen dagegen jeden Tag 100 mg Vitamin C essen
Während ein Europäer mit 30 mg gut beraten ist.

Bis heute tragen die Zahlen für die Vitaminzufuhr, die uns für jeden Tag angeraten werden, eher spekulative Züge. Das liegt vor allem daran, dass die ordentlich, aufs Komma genau, nach Alter und Geschlecht unterteilten und in Tabellen aufgelisteten Zahlen nicht durch wissenschaftliche Experimente, sondern durch "Konsensuskonferenzen" zustande kommen. Das sind Konferenzen, auf denen hochbezahlte Experten durch Abstimmung, Glaubensbekenntnisse, biochemische Spekulationen oder einfach nach den Interessen des Pharmaunternehmens, das die Konferenz bezahlt, die neuesten Zahlen festlegen. Kaum zu glauben, wie uminterpretiert, geschummelt und Zahlenakrobatik betrieben wird, wie etwa im Fall des Vitamin C.

Gesundheitsbewussten Lesern der neuesten DGE-Empfehlungen mag es aufgefallen sein: Beim Vitamin C wurde die bisherige Empfehlung von 75 auf 100 Milligramm pro Tag erhöht - das heißt von heute auf Morgen hat sich der Bedarf des Durchschnittsdeutschen anscheinend um 25 Prozent erhöht. Obwohl schon 1993 der wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU die aus seiner Sicht überzogene Empfehlung kritisierte. Er bemängelte, eine "übermäßige Zufuhr" von mehr als 80 Milligramm sei nicht nachvollziehbar, da "bei solchen Zufuhren die Gewebevorräte gesättigt sind. Es ist schwer einen Bedarf zu rechtfertigen, der die Speicherfähigkeit der Zellen übersteigt".

Für die Deutschen Experten scheint das allerdings die leichtere Übung zu sein. Aller Kritik zum Trotz begründet die DGE ihre Erhöhung damit, dass "ein deutsches Konsensuspapier" einen "wünschenswerten Plasmaspiegel" beschlossen habe, der nach ihren Berechnungen eine Zufuhr von 100 Milligramm pro Tag erfordere. Dabei beruft sie sich auf die VERA-Studie, die einen Bedarf von - nein, nicht von 100 Milligramm pro Tag sondern von - 79 Milligramm für Frauen und 85 Milligramm für Männer ergeben habe. Daraus wird ein "Durchschnittsbedarf nichtrauchender Erwachsener von 83 mg/Tag" ermittelt. Da die Zahlen gewissen Schwankungen unterliegen würden, lassen sie sich unter Ausnutzung statistischer Spielräume auf die genannten 100 Milligramm erhöhen.

So weit die Rechnerei der DGE. Offenbar spekulierte sie in ihrer Unfehlbarkeit darauf, dass niemand ihren Orakelspruch nachprüft. Sonst stünde die Kongregation der Koryphäen da wie ein begossener Pudel. Denn als Quelle nennt die DGE nicht etwa die Originalstudie, sondern die Schrift einer "Verlags- und Werbe GmbH" aus Bingen. Ein Blick in die zitierte VERA-Studie untergräbt dann jegliches Vertrauen in die subventionierten Rechenkünstler: Diese kommt zum Ergebnis, dass es gerade keine greifbare statistische Beziehung zwischen der Zufuhr und den Vitamin-C-Spiegeln im Plasma gibt. Die Daten der VERA-Studie sprechen bestenfalls für eine individuelle Homöostase.

Die Experten der EU gehen da etwas überlegter vor - vielleicht interessieren sie sich nicht so sehr für die Interessen der Vitaminlobby. Sie halten eine Zufuhr von 12 Milligramm Vitamin C für ausreichend, da Untersuchungen gezeigt hätten, dass bereits 6,5 Milligramm Vitamin C genügen, um Anzeichen von Skorbut zu heilen. Eine Vitamin-C-freie Ernährung hätte in einem Versuch selbst nach 99 Tagen keine typischen Mangelerscheinungen hervorgerufen. Sämtliche Sicherheitsfaktoren eingerechnet lässt sich so der durchschnittliche Tagesbedarf eines Erwachsenen mit 30 Milligramm beziffern. Ein neues Experiment bestätigt die Auffassung des Ausschusses. Dabei traten selbst bei "nur" 4 Milligramm Vitamin C täglich keine Mangelerscheinungen auf.

Ob 30 Milligramm oder 100: die Frage, wie viel Vitamine der Mensch braucht, lässt sich allen Empfehlungen zum Trotz so einfach nicht beantworten. Da können die Experten noch so sehr ihren Konsens mit Nonsens vollziehen, es fehlen die harten experimentellen Daten. Nicht nur der Bedarf ist meist unbekannt, es ist auch nicht möglich, allgemeingültige Grenzwerte für eine optimale Vitaminzufuhr festzulegen. Dieses Mankos bewusst, "behelfen" sich die Experten mit allerlei Tricks und Kniffen. So gehen sie etwa von der Vorstellung aus, die Nährstoffspeicher im Körper müssten gefüllt sein, die Gewebe gesättigt, ja "durchtränkt" mit Vitaminen. Oder sie nehmen an, dass die Prozesse im Körper, bei denen Vitamine benötigt werden, mit Höchstgeschwindigkeit ablaufen sollten. Professor Hans Glatzel hält diese Vorgehensweise schlicht für "ungeeignet". Der Körper arbeitet nicht nur dann optimal, wenn seine "Fässer" ständig überquellen und seine "Motoren" auf Hochtouren laufen. Dies wäre unwirtschaftlich und belastend für ihn.

Es ist auch gar nicht klar, ob eine Sättigung der Körpergewebe mit Vitaminen, die übervollen "Speicher", tatsächlich sinnvoll sind. Fährt ein Auto wirklich besser, wenn man "zur Sicherheit" zusätzlich zu den 60 Litern Benzin im Tank noch jeden Tag 120 Liter übers Dach oder in die Sitze zum Zwecke der "Gewebesättigung" gießt? Andererseits sind niedrige Vitaminmesswerte noch lange kein Zeichen für Defizite. Auch wenn der Tank nur dreiviertel voll ist, bedeutet das noch keinen "subklinischen Benzinmangel". Warum wird hier die alte Regel, dass die Dosis das Gift macht, auf einmal außer Kraft gesetzt? Sind Stoffe, die ähnlich wie Arzneimittel in niedriger Dosis physiologische Wirkungen entfalten, in zehnfacher Dosis auch zehn Mal so heilsam?



Entnommen aus: Pollmer U et al: Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Ernährung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, ISBN: 3-462-03012-4
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