Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
18.10.2003
Hühnersuppe oder Apotheke?
Zink bei Erkältungen

Das uralte Spurenelement Zink hat eine blendende Karriere hingelegt, vom unscheinbaren spröden Schwermetall in dunkler Erde zum hoch begehrten Pharmaprodukt in lichthellen Apotheken. Seine multiplen Fähigkeiten preisen Wissenschaft, Nahrungsergänzungsindustrie und Verbraucher auch. Zink, wird behauptet, hilft bei Akne, Haarausfall, Potenzstörung, Allergien, Arterienverkalkung, vor allem aber bei Erkältungen. Zwar nimmt jeder mit der Nahrung auch Zink zu sich, doch das soll einfach nicht ausreichen, um all die gezinkten Segnungen erfahren zu können.

Audio: Hühnersuppe oder Apotheke? Zink bei Erkältungen

Der Renner der Saison unter den Nahrungsergänzungsmitteln ist ein Schwermetall: das Zink. Diesmal gibt es wenigstens Gründe für die Annahme, dass sich die Zufuhr verringert hat und weiter vermindern wird. Die erste Einbuße erfolgte, als Edelstahl die vielen verzinkten Gerätschaften wie Milchkannen ablöste, die bereitwillig Zink an die Lebensmittel abgaben. Als Folge der geplanten Futtermittelverordnung werden die Gehalte in unserer Nahrung weiter sinken: Durch eine Begrenzung der zulässigen Zinkzusätze wird mit der Gülle weniger Zink auf die Äcker und schließlich ins Erntegut gelangen. Nicht zuletzt wird die Verwendung von Zinkoxid in der Zahnarztpraxis mittlerweile kritisch gesehen, so dass auch diese - gewissermaßen orale - Zufuhrquelle immer weiter versiegen dürfte.

Wächst damit das Risiko einer Mangelversorgung? Betrachtet man die genannten Beispiele, so dienen sie dem Schutz von Umwelt und Verbraucher vor dem Schadstoff Zink. Galvanisierte Behältnisse zum Aufbewahren von sauren Speisen waren in der Vergangenheit immer wieder Ursache von Vergiftungen. Die geplante Änderung der Futtermittelverordnung zielt darauf ab, die Böden vor einer weiteren Anreicherung zu schützen. Und nicht zuletzt kam das Zink in der Zahnmedizin ins Gerede, weil es in Wurzelfüllungen massive Kieferaspergillosen verursachte. Zink ist ein essentieller Wachstumsfaktor für Mikroorganismen aller Art, insbesondere für Schimmelpilze. Letztere benötigen das Element zur Bildung von Aflatoxinen, so dass der Zinkgehalt oftmals mit dem Mykotoxingehalt korreliert. Übrigens war an Aspergillus niger 1869 erstmals gezeigt worden, dass Zink eine Rolle in biologischen Systemen spielt.

Nutritional Immunity
Nun ist eine gewisse Menge an Zink nicht nur für manche Pathogene unverzichtbar sondern auch für den Menschen selbst. Immerhin 300 Enzyme benötigen das Element. Demnach kommt es für den Körper darauf an, seine Homöstase so zu regulieren, dass ihm einerseits gewisse Pathogene vom Leib gehalten werden, und andererseits die Stoffwechselfunktionen gewährleistet sind. Wenn also in Ländern der Dritten Welt lebensbedrohliche Infektionskrankheiten wie Malaria sowie niedrige Plasmaspiegel an Zink beobachtet werden, erlaubt das noch lange nicht den Schluss, man könne mit Zink die Malaria heilen. Vielleicht wäre es zielführender, einmal an die Möglichkeit einer Nutritional Immunity zu denken.
Natürlich fehlt es in den Lehrbüchern nicht an eindrucksvollen Fotos von unterernährten Kindern aus der Dritten Welt, die - glaubt man der Bildunterschrift - an Zinkmangel leiden. Satte Leser verwechseln Unterernährung nicht selten mit Diät. Unterernährung heißt aber nicht, dass die Menschen zu wenig Wurst und Käse im Kühlschrank haben, sondern dass sie Verschimmeltes essen, dass sie die Schalen mitverzehren und andere Produkte zu sich nehmen, die eigentlich nicht für die menschliche Ernährung geeignet sind. Sieht man sich die Fälle von Zinkmangel in der Dritten Welt genauer an, handelt es sich entweder um die Folgen von Diarrhoen oder aber dem Verzehr unzureichend verarbeiteter pflanzlicher Lebensmittel. Diese weisen einen hohen Gehalt an Phytin auf. Phytin bindet sehr effektiv Zink, infolgedessen die schlechte Versorgung.

Phytinvergiftung
Die hohe Affinität des Phytins zum Zink trägt dazu bei, dass phytinreiche Produkte bei Analysen als gute Zinkquelle erscheinen. Die sogenannten Nährwerttabellen lassen viele Leser glauben, Vollkorn sei in dieser Hinsicht besser als Weißmehl. Zwar könne der Zinkgehalt des Vollkorns vom Körper nicht voll ausgeschöpft werden, dennoch sei dieses so reichlich in den Randschichten enthalten, dass ein Nettonutzen bliebe. Ein beliebter Trugschluss, dem nicht wenige Experten aufgesessen sind. Detaillierte Studien ergaben, dass phytinreiche Speisen nicht nur wenig Zink liefern, nein, sie entfernen auch Zink aus dem Körper. Wie das? Zink unterliegt einem ausgeprägten enteropankreatischen Kreislauf. Das heißt, Zink wird über die Bauchspeicheldrüse ausgeschieden und über den Darm wieder rückresorbiert. Genau hier greift das Phytin ein: Es bindet das endogene Zink und sorgt für seine endgültige Ausscheidung. Dadurch kommt es zu massiven Zinkverlusten.
Damit kennen wir neben dem Alkoholismus die einzige echte alimentäre Ursache von Zinkmangel in unserer Gesellschaft: Wer sich mutwillig reichlich Phytin mit der Nahrung zuführt, muss auf lange Sicht tatsächlich mit Mangelerscheinungen rechnen. Zur Therapie sind freilich nicht Supplemente gefragt sondern eine ganz normale Ernährung, die auf Gesundheitseskapaden verzichtet. Eine Ausnahme gilt allenfalls in der Schweinemast: Phytinreiche Futtermittel wie Getreide enthalten zwar auch hier reichlich Zink, aber nicht einmal der Verdauungstrakt eines Schweines kann eine solche Kost ungestört verwerten. Deshalb gibt's für die Rüsseltiere eine Zinkzulage in den Trog.

Entnommen aus EU.L.E.nspiegel 2003, Heft 1
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