Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
13.3.2004
Weizenkeime – Risikomaterial?

Das wohl brisanteste Antinutritivum des Weizens ist zweifellos ein Lektin, das sich im Keimling befindet. Lektine sind Eiweiße, die blutgruppenspezifisch mit der Oberfläche der roten Blutkörperchen reagieren. Dieser Bindung verdanken sie ihren zweiten Namen Agglutinine. Gleichzeitig sind auch Reaktionen mit anderen immunologisch wichtigen Glycoproteinen und Glycolipiden wahrscheinlich, aber kaum untersucht. Da das Weizen-Lektin im Gegensatz zu den viel bekannteren Lektinen aus Hülsenfrüchten hitzestabil ist, ist es auch noch in Brot und Brötchen aktiv. Das Weizen-Lektin, kurz WGA (wheat germ agglutinin) genannt, ist außerordentlich giftig für Pflanzenschädlinge. Die insektizide Wirkung war Anlass für eine toxikologische Prüfung, da beabsichtigt wurde, das WGA-Gen auf andere Nutzpflanzen zu übertragen, um sie so auf natürliche Weise vor Insektenfraß zu schützen. Im Tierversuch verminderte ein WGA-Zusatz im Futter das Wachstum gegenüber der Kontrolle um ein Drittel. Auch die Futterverwertung, speziell des Eiweißes, war beeinträchtigt. Das WGA schädigte vor allem die Schleimhäute des Dünndarms und löste dort starkes Wachstum der Zotten aus. Nach zehn Tagen Versuchsdauer war der Dünndarm 45 Prozent schwerer als bei der Vergleichsgruppe. Ein erheblicher Teil des WGA wurde endocytosiert und transcytosiert und gelangte so bis in den Kreislauf. Außerdem war bei den Versuchstieren die Bauchspeicheldrüse erheblich vergrößert. Gleichzeitig wurde eine Thymusatrophie beobachtet. Die Autoren befürchten, dass ein regelmäßiger Konsum von WGA die Funktionen der Bauchspeicheldrüse und des Immunsystems nachhaltig beeinträchtigen, umso mehr als das WGA nicht durch körpereigene Proteasen abgebaut wird. Von einer Nutzung als Insektizid musste aufgrund der hohen Toxicität abgesehen werden. (Pusztai A et al: Antinutritive effects of wheat-germ agglutinin and other N-acethylglucosamine-specific lectins. British Journal of Nutrition 1993/70/S.313-321)
Anmerkung: Zellproliferationen wie hier im Darm gelten zumindest bei Tests von Umweltgiften als Hinweis auf eine Krebs fördernde Wirkung.

Weizenkeime: Darmschäden

Die Autoren halten Lektine für eine wichtige Ursache entzündlicher Darmkrankheiten wie Morbus Crohn und in der Folge auch von rheumatoider Arthritis. Sie untermauern ihre These mit folgenden Beobachtungen: Lektine rufen Entzündungen im Darm hervor, erhöhen die Permeabilität der Darmwand und verändern die Zusammensetzung der Darmflora bis hin zu pathologischen Zuständen (Overgrowth-Syndrom). Tierversuche zeigen, dass sie die Translokation von Darmbakterien begünstigen, also die Aufnahme von Bakterien über die Darmwand in die Blutbahn. Auf diesem Wege können - wie im Tierversuch gezeigt wurde - lebensbedrohliche Keime die inneren Organe erreichen. Da rheumatoide Arthritis oftmals mit einer pathologisch veränderten Darmflora einhergeht, glauben die Autoren, dass Lektine auch hierbei eine ursächliche Rolle spielen. (Cordain L et al: Modulation of immune function by dietary lectins in rheumatoid arthritis. British Journal of Nutrition 2000/83/S.207-217) Anmerkung: Weil Lektine gleichzeitig die Aufnahme anderer Antigene durch die Darmwand erleichtern, sollte speziell dem Weizenvollkorn bei der Suche nach den Ursachen von Allergien und Autoimmunkrankheiten größere Aufmerksamkeit zuteil werden. Sollte Vollkorn entzündliche Darmerkrankungen, Arteriosklerose und Arthritis fördern, ist der Verzehr von Weizenvollkorn - egal ob als Müsli, Frischkornbrei oder Brot - und nicht der von Weißmehl - ein Risikofaktor ersten Ranges. Dies erklärt auch die Beobachtungen des Internisten und Rheumatologen Karl Pirlet mit Patienten, die ganz bewusst Vollwertkost aßen: "Nach Jahren, eventuell erst nach 10 bis 20 Jahren, kommt dann der gesundheitliche Zusammenbruch. Oft ein überraschend einsetzender Alterungsprozess, etwa am arteriellen System, am Gelenksystem. Völlig verfahrene Zustände. Ich erlebe sie Tag für Tag in meiner Praxis. Natürlich will dann niemand wahrhaben, dass die doch so gesunde Ernährungsweise vergangener Jahre verantwortlich sein soll für das jetzt in Erscheinung tretende gesundheitliche Fiasko. (Erfahrungsheilkunde 1992/41/S.345-356)

Aus: EU.L.E.nspiegel - Wissenschaftlicher Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. Heft 1/2001
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