Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
8.5.2004
Knalltüten - aktive Verpackungen

Verpackungen sollen nicht nur den Verbraucher zum Kauf anregen, sondern die Lebensmittel vor dem Verderben schützen. Dieser Vorgang kann passiv oder aktiv gestaltet werden.

Aktive Verpackung in Aktion

Aktiv statt passiv - so könnte der Verpackungsstandard von morgen beschaffen sein. Denn aktive Verpackungen schützen Lebensmittel nicht nur vor der Außenwelt, sondern treten direkt mit ihnen in Wechselwirkung. Sie verlängern die Haltbarkeit, indem sie Sauerstoff, Kohlendioxid, Ethylen und Wasser aufnehmen oder diverse Verbindungen abgeben, die das Wachstum von Mikroorganismen hemmen. Die Wirkstoffe werden entweder als Kissen in die Verpackung gelegt oder mit dem Verpackungskunststoff verbunden.

Um den Sauerstoffgehalt in der Verpackung zu senken, werden häufig Eisenverbindungen in einer niedrigen Oxidationsstufe wie beispielsweise Eisen(II)oxid eingesetzt. Ein ebenfalls beigefügter Oxidationskatalysator unterstützt die Umwandlung zu Eisen(III), bei der Sauerstoff verbraucht wird. Auch das Licht macht man sich zunutze: Ethylenzellulosefolien mit einem photosensitiven Farbstoff versetzen Sauerstoff bei Licht bestimmter Wellenlänge in den Singulettzustand, um ihn anschließend mittels Akzeptormolekülen in der Folie zu verbrauchen. Die Entfernung von Sauerstoff ist allerdings ein Balanceakt, da eine stark anaerobe Atmosphäre das Wachstum von Clostridium botulinum fördert. Daher sollte in der Packung stets ein Anteil von 1-3 Prozent Restsauerstoff erhalten bleiben.

Bei Verpackungen mit einem großem Gasvolumen wie einer Chipstüte wird der Sauerstoff nicht nur absorbiert, sondern zusätzlich durch Kohlendioxid ersetzt. Typisch ist hier der Einsatz einer Mischung aus Ascorbinsäure, die Sauerstoff bindet, und Natriumbikarbonat, das Kohlendioxid abgibt. Auf diese Weise kann ein hoher Kohlendioxidanteil erzeugt werden, der auch das mikrobielle Wachstum an der Oberfläche von Fleisch und Geflügel vermindert.

Am größten ist die Bandbreite aktiver Verpackungen, wenn antimikrobielle Eigenschaften gefragt sind. Dabei werden nicht nur Ethanolkissen für Trockenprodukte wie Brot und Fisch verwendet, sondern auch Silberzeolithe, welche die enzymatische Aktivität von Mikroorganismen zerstören, oder auch direkt antimikrobielle Verpackungskunststoffe. (Quelle: E. Rudolph et al.: Aktive Verpackungen von Lebensmitteln, Ernährung/Nutrition, 2003/27/S.245-252)

Anmerkung: Hauptabnehmer aktiver Verpackungen sind gegenwärtig der japanische und der US-amerikanische Markt. In Europa befürchtet man, dass die beigelegten Kissen mit der Aufschrift "nicht essen" auf mangelnde Verbraucherakzeptanz stoßen. Derzeit prüft ein Projekt der Europäischen Union die Chancen für den Einsatz aktiver Verpackungen. Vermutlich werden in Europa vorerst ausgefeilte Folien zum Einsatz kommen.
Entnommen aus EU.L.E.nspiegel 2003/H.5-6/S.41
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