Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
26.6.2004
Drogen aus der Milchflasche
Exorphine

Milch soll manche müden Männer munter machen, sie könnte aber auch ganz andere Wirkung zeigen und in eine seltsame Abhängigkeit führen. Milch- statt Alkoholsucht?

Ende der 70er Jahre, als die Jagd nach den körpereigenen Opiaten, den Endorphinen, in vollem Gange war, erlebten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychatrie in München eine Überraschung. Sie untersuchten handelsübliche Babymilchnahrung nach Endorphinen. Vielleicht gelangen ja über die Kuhmilch ein paar Endorphine hinein. Tatsächlich fanden sie Eiweiße, die genauso wirkten, aber keine Endorphine waren. Die neuen Eiweiße sahen den erwarteten zwar recht ähnlich, hatten aber eine andere chemische Zusammensetzung. Ihre Entdecker nannten sie im Gegensatz zu den körpereigenen Endorphinen Exorphine, um deutlich zu machen, dass diese Substanzen exogen, das heißt dem Körper von außen zugeführt werden und dass sie morphinähnlich wirken. Nur, was suchten diese Substanzen in der Milch? Woher kamen sie, und was ist ihr biologischer Sinn?

Einige dieser Fragen kann man heute beantworten. Man hat nachgewiesen, dass diese Exorphine aus dem Eiweiß der Kuhmilch stammen. Nach der bisherigen Vorstellung der Ernährungswissenschaft dürfte es solche Stoffe eigentlich gar nicht geben. Bisher ging man davon aus, dass jedes Eiweiß im Darm in seine Bausteine, also in Aminosäuren zerlegt wird. Exorphine und viele andere Eiweißkörper sind jedoch vor der Verdauung geschützt, so dass sie unverändert als Peptid ins Blut gelangen können. Bereits 1988 schrieben Dr. Meisel und Dr. Frister von der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel: "Es wird nun anerkannt, dass Peptide und nicht Aminosäuren die Hauptabbauprodukte der Eiweißverdauung darstellen."

Einige der Peptide wirken wie Opiate. Sie lindern ebenso wie Morphin Schmerzen und können in erhöhter Dosis sogar körperlich abhängig machen. Sie "beruhigen" den Darm, was zur Folge hat, dass sich die Darmpassage verlangsamt bis hin zur Verstopfung. Andere regulieren die Mineralstoffaufnahme im Darm oder unser Immunsystem, wieder andere stimulieren die Verdauungshormone oder beeinflussen unser Nervensystem.

Eine zentrale Rolle spielen die Exorphine für den Nachwuchs der Säugetiere. Nicht nur in Kuhmilch, auch in Schafs-, Kamel-, Büffel- und in Muttermilch konnte man inzwischen Exorphine nachweisen. Neugeborene Kälber hatten Exorphine im Blut, aber erst nach der ersten Milchmahlzeit. Ebenso Säuglinge. Im Körper des Neugeborenen können die Exorphine völlig intakt die Darmwand passieren und mit dem Blut ins Gehirn gelangen. Dort beeinflussen sie seine Stimmung oder regulieren seine Entwicklung. Küken, denen man Exorphine spritzte, machte es viel weniger aus, von der Glucke getrennt zu werden als der Kontrollgruppe.

Exorphine scheinen also die Fähigkeit zu besitzen, das soziale Verhalten zu beeinflussen. Als morphinähnliche Verbindungen könnten die Exorphine den Säugling aber auch regelrecht abhängig von der Muttermilch machen. Sie sind die Belohnung für den Säugling, ermuntern ihn, weiterzutrinken, stärken so die Mutter-Kind-Bindung und machen das Baby schläfrig. Vielleicht ist die Nadel für den Süchtigen das, was die Mutterbrust für den Säugling ist.

Säugetiere steuern mit diesen Stoffen aus ihrer Milch den Stoffwechsel ihres Nachwuchses, regulieren sein Wachstum und seine Gefühle. Bisher glaubte man, die Milch und damit auch die Muttermilch enthielte nur das "Baumaterial", die "Nährstoffe" für das Neugeborene. Allmählich beginnt man zu begreifen, dass die Natur den "Bauplan" gleich mitliefert. Exorphine geben dem Körper und der Psyche des Säuglings zunächst die erforderlichen Steuersignale, die notwendigen Informationen zum Gedeihen, um erst danach als Eiweißbaustoff genutzt zu werden.

Dies ist aber noch nicht das Ende der Exorphingeschichte. Setzt man ganz normale Lebensmittel wie etwa Weizen oder Fleisch einer "Verdauung" im Reagenzglas aus, so werden auch daraus Exorphine freigesetzt, die ähnlich denen in der Milch sind. Das Exorphin aus dem Weizeneiweiß erwies sich dabei als bis zu 100 mal stärker als Morphin selbst. Nun wird verständlich, warum Weißmehlbrötchen und Kuchen zur Verstopfung führen. Die Exorphine "beruhigen" den Darm.

Und die Exorphine liefern eine mögliche Erklärung für eine alte Beobachtung: Viele Schizophrene können ihren Zustand verbessern, wenn sie den Weizen vom Speiseplan streichen. Gibt man ihnen wieder Weizeneiweiß, so tritt auch die Schizophrenie wieder in gewohnter Weise auf. Entsprechende Tierversuche deuten ebenfalls auf einen solchen überraschenden Zusammenhang. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle vom Weizen schizophren werden. Aber es gibt offenbar auch den Fall, dass ein Produkt, das für zahllose Menschen absolut unbedenklich und vorteilhaft ist, einigen ganz wenigen schaden kann.

Unsere ganz normalen Lebensmittel besitzen also die Macht, unsere Psyche zu beeinflussen. Wie empfindlich man darauf reagiert, ist wohl individuell sehr verschieden. Noch stehen wir am Anfang dieser Forschung. Vielleicht wird es aber einmal mit Hilfe der Exorphine möglich sein, die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Psyche und Gesundheit zu erfassen.

Aus: Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Ernährung. Von U. Pollmer, A. Fock, U. Gonder, K. Haug. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001.

(Wiederholung vom 31.5.2003)
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