Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
19.6.2004
Das Salz in der Suppe
Vom weißen Gold zum Killer
Von Brigitte Neumann

Unsere Vorfahren führten Kriege, um an die heiß ersehnten Kristalle zu gelangen, und viele Kaufleute vergangener Jahrhunderte verdankten ihren unermeßlichen Reichtum dem "weißen Gold". Das Salz war ein wertvolles Zahlungsmittel, das fast überall auf der Welt sämtliche Türen öffnete. Diese Wertschätzung zieht sich durch die Geschichte der Menschheit wie ein roter Faden. Sie hat ihren Grund. Denn nur wenige Völker konnten auf Salz verzichten: Beduinen in Südarabien, Nomaden in Nordsibirien, Eskimos in Ostgrönland, Indianderstämme in Nordamerika. Sie kannten das Salz nicht, weil ihr Land kein Salz lieferte. Und weil sie sich als Jäger, Fischer oder Nomaden von tierischen Produkten nährten. Salz wurde erst durch die Aufnahme pflanzlicher Nahrung in die Speisekarte der Menschheit zum essentiellen Element, denn Pflanzen sind natriumarm. Somit ist Natriumchlorid die Grundlage des Vegetarismus. Schon dem Chemiker Bunge fiel auf, daß vegetarisch lebende "Völker ein unwiderstehliches Verlangen danach tragen."

Heute kämpfen Ernährungsmediziner einen erbitterten Kampf gegen das Salz. Ihre Botschaft ist einfach: Kochsalz erhöht den Blutdruck und senkt so die Lebenserwartung. Deshalb soll unsere tägliche Kochsalzzufuhr von rund 10 auf 6 Gramm reduziert werden. Von den USA ausgehend hat der Aufruf zur Salz-Askese seinen Siegeszug längst auch in den anderen Industrienationen angetreten - obwohl noch immer ein wissenschaftlicher Beleg dafür fehlt, daß weniger Salz vor Bluthochdruck schützt, daß der Verzicht einen bereits erhöhten Blutdruck nachhaltig senkt und daß dieser Angriff auf den Wohlgeschmack unserer Speisen niemandem schadet.

Einer der "Erfinder" der Salzhypothese war Lewis Dahl vom US-Bundeslabor in Brookhaven. Er hatte 1972 an Laborratten gezeigt, daß ein hoher Salzkonsum zu Bluthochdruck führt. Daß es sich bei seinen Tieren um einen speziell gezüchteten, extrem salzempfindlichen Stamm handelte und daß ein Mensch jeden Tag ein ganzes Pfund Salz essen müßte, um die gleiche Dosis aufzunehmen, wird dabei gerne verschwiegen. Dahl war es auch, der behauptete, daß eine Salzrestriktion den Blutdruck auf jeden Fall senkt. Wenn dem einmal nicht so wäre, sei dies ein Beweis dafür, daß der Patient seine Diät nicht eingehalten habe.

Nach jahrelangen Anti-Salz-Kampagnen erhebt die amerikanische Fachöffentlichkeit nun schwere Vorwürfe gegen die Urheber: 36 medizinische Gesellschaften und sechs Bundesbehörden hätten ohne jeden wissenschaftlichen Beleg vor Salz gewarnt. Ärztezeitschriften hätten wider besseres Wissen manipulierte Ergebnisse veröffentlicht. Für die Präventivmedizin ist es ein böses Erwachen, denn kaum eine Empfehlung galt als "gesicherter".

Wiederholung vom 3. Juni 2000
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