Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
3.7.2004
Vorsicht, erhöhter Koffeingehalt !
Neue Kennzeichnung für Energydrinks

Bringen Energydrinks mehr Leistung?

Das Nass aus den schrillen Dosen erfreut sich nicht nur unter Sportlern, sondern vor allem in der Jugendszene großer Beliebtheit. In Kombination mit Wodka, Whisky oder Jägermeister gilt die Modebrause als Aufputschmittel erster Wahl. In die wird gegenwärtig so ziemlich alles hineingemischt, was sich irgendwie in Wasser lösen lässt. Der werbetechnische Gag daran: Die Inhaltsstoffe sollten rein theoretisch irgendwelchen Funktionen im Stoffwechsel zuzuordnen sein. Angesichts der Tatsache, dass diese Behauptung auf nahezu alle Substanzen, Wasser inklusive, irgendwie zutrifft, eine Plattitüde.

Beim Hauptbestandteil der Energydrinks, dem Zucker, verfahren die Kraftstoffmischer ganz unterschiedlich: Die einen gehen eher zurückhaltend mit dem süßen Rohstoff um und senken so die Kosten. Mit der "Energy" ist es dann aber nicht mehr weit her. Andere geben zu reichlich Zucker und Oligosacchariden auch noch völlig willkürlich Süßstoffe. Die Zucker sollen dabei wohl für "Energy" - zu Deutsch: "Kalorien" - sorgen, die Süßstoffe mutmaßlich "Kalorienarmut" und "Schlankmacher" signalisieren. Dumm nur, dass viel Zucker die Magenentleerung verzögert, so dass die Flüssigkeit nicht dort ankommt, wo sie dringend benötigt wird - im Blut. Noch peinlicher ist, dass die Zucker Wasser binden und dadurch dem Körper sogar noch Flüssigkeit entziehen. Und das sollte gerade der Sportsfreund mit Rücksicht auf Herz und Kreislauf tunlichst vermeiden.

Das entscheidende Argument in Sachen Energydrinks, egal welcher Zusammensetzung, aber lautet: Es ist bislang kein Nährstoff bekannt, für den ein zum Energieverbrauch überproportionaler Bedarf besteht. Insofern kann eigentlich kein Hersteller guten Gewissens dergleichen Mixturen anbieten. Der menschliche Körper ist nun mal auf schweißtreibende körperliche Arbeit vorbereitet. Deshalb hat ihm Mutter Natur Hunger und Durst mit auf den sportlichen Lebensweg gegeben. Beide sorgen für einen gesunden Appetit, mal auf kühle Getränke, mal auf heiße Brühe oder auch auf Bratkartoffeln. Dadurch gewinnt der Körper jeweils genau die Menge an "Energy", an Wasser und Mineralstoffen, die er gerade braucht.

Damit sich das eigene Erzeugnis von ordinärer Limo unterscheidet, mengen die Hersteller allerlei Wundermittel bei, um dem Kunden das Gefühl zu geben, einen ganz speziellen Fitmacher getrunken zu haben. Und weil der Glaube, von viel Eiweiß bekäme Mann viele Muckis, nicht auszurotten ist, wandern sogar eiweißhaltige Reststoffe aus der Molkerei nicht mehr wie früher in den Schweinetrog, sondern in die wesentlich rentableren Energydrinks. Stattdessen könnte der Sportsfreund auch ein Glas Buttermilch trinken, aber das bewährte Naturprodukt leidet unter dem abträglichen Ruf, Schlabberkram für Weicheier zu sein.

Unter den Zusätzen ist zumindest beim Muntermacher Koffein eine Steigerung der sportlichen Leistung denkbar. Professor Gérard Debry von der Universität Nancy bleibt trotzdem skeptisch: Die Ergebnisse in Hinblick auf Leistung und Ausdauer sind "widersprüchlich und sehr schwierig zu bewerten". Nach seinen Worten fehlt es an standardisierten Studien, die verbindliche Aussagen zuließen. Allerdings möchte er nicht ausschließen, dass Koffein bei bestimmten Sportarten in definierten Situationen tatsächlich wirksam ist.

Manche Energydrinks locken mit reichlich Kalium und Magnesium, weil es, wie die Fitnessszene glaubt, Muskelkrämpfen vorbeugt. Aber selbst bei Marathonläufern wurde keinerlei Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Wadenkrämpfen und der Magnesium-Konzentration im Blutplasma gefunden. Dr. Fred Brouns vom Zentrum für Ernährungsforschung der Universität Maastricht kommt nach einer Auswertung der wissenschaftlichen Literatur zu dem ernüchternden Schluss, dass es für diese populäre "Schutz-Behauptung" keine Belege gibt.

Die Modegetränke-Branche ist ein Tummelplatz für Chemiker mit einem gewissen Sinn für schwarzen Humor. Diesen Schluss legen zumindest ihre phantasievollen Kreationen nahe. Sie enthalten neben belanglosen Vitaminen, penetranten Aromen und unnötigen Färbemitteln allerlei Zusätze, deren Art und Menge wohl weniger zum Sporteln als zum Schmunzeln gedacht sind. Während Extrakte wie Mate, Ginseng oder Guarana gewöhnlich aus Kostengründen meist nur in homöopathischen Dosen enthalten sind, werden andere Zusätze umso verschwenderischer zugesetzt. Der Putzmittel-Rohstoff Taurin brachte es schon auf stolze vier Gramm pro Liter Brause. Die Substanz ist für Sportler ebenso wenig Leistungs steigernd wie Glucono-delta-Lacton (Bestandteil von Backpulver) oder verzweigtkettige Aminosäuren (in jeder Bohnensuppe enthalten). Nach den Worten von Dr. Brouns werden die vollmundigen Werbeaussagen auch "nicht durch irgendwelche soliden wissenschaftlichen Erkenntnisse gestützt". Sofern Studien seitens der Anbieter vorlägen, litten diese gewöhnlich unter einem "armseligen experimentellen Design oder der Verwendung subjektiver statt objektiver Leistungsparameter".

Burckhard Viell vom ehemaligen Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz verweist darauf, dass der Tatbestand, dass gegen diese Produktgruppe keine "konkreten gesundheitlichen Bedenken" bestehen, nicht zum Umkehrschluss verleiten dürfe, die Drinks seien "erwiesenermaßen unbedenklich". Denn toxikologische Tests der zahlreichen Mixturen fehlen bisher, obwohl Wechselwirkungen der einzelnen Komponenten durchaus wahrscheinlich sind.

Entnommen aus: Pollmer, Warmuth, Frank: Lexikon der Fitness-Irrtümer. Eichborn-Verlag, Frankfurt/Main 2003, ISBN 3-8218-3943-0

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