Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
21.8.2004
Wasservergiftung - folgenreicher Salzverlust
Von Jutta Muth

Kaum eine Ernährungsregel ist so populär wie die, reichlich Flüssigkeit zu trinken. Denn: viel trinken sei stets gesund, in jedem Alter und in jeder Lebenslage.

Kinder in der Fruchtsaftfalle
Seit den 90er Jahren nimmt die Häufigkeit von Wasservergiftungen bei Kleinkindern in den USA derart zu, dass manche Autoren sogar von einer Epidemie sprechen. Inzwischen gelten sie als wichtigste Ursache von nichtfiebrigen Krampfanfällen.1 In Europa tritt die Wasserintoxikation vermutlich nicht viel seltener auf, wird aber offenbar häufig nicht erkannt - vielleicht, weil sie oft aus populären Ernährungsratschlägen resultiert, die der Arzt an Mutter und Kind weitergibt.
Sogar Neugeborene haben unter der Devise "Flüssigkeit ist immer gut” zu leiden. Ärzte der Kinderabteilung des Krankenhauses Itzehoe berichteten von einem gerade einmal drei Tage alten Säugling, der unter Krampfanfällen litt. Der Grund: Er hatte zuvor eine elektrolytfreie 5-prozentige Glucoselösung gefüttert bekommen.

Ab dem ersten Lebenstag
Neugeborene wurden und werden in Kliniken teilweise immer noch standardmäßig mit Glucoselösung beruhigt, wenn die Mutter noch nicht genug Milch bildet, um den Säugling zu sättigen - was in den ersten zwei Tagen nach der Geburt fast immer der Fall ist, weil die Milchproduktion erst durch das Saugen des Kindes in Gang kommt. Das Verfahren unterstellt, dass die Evolution an dieser Stelle einen peinlichen Fehler begeht, der einer Korrektur bedarf. Dummerweise nutzt die Korrektur allenfalls den Herstellern von Babykost, denn der mit Glucose beruhigte Säugling ist satt und saugt daher zu schwach an der Brust, um die mütterliche Milchbildung ausreichend anzuregen. Im Übrigen sind auch die Stillenden selbst gefährdet, wenn sie große Flüssigkeitsmengen trinken, um ihren Milchfluss zu erzwingen.

Doch nicht nur die Glucoselösung auf der Neugeborenenstation kann für den Säugling gefährlich werden, sondern auch die Flaschennahrung. Wird sie verdünnt gefüttert, führt das Missverhältnis von Elektrolyten zur Flüssigkeitsmenge unter Umständen zu einer Wasserintoxikation.5 Die Flüssigkeit sättigt den Säugling nicht ausreichend, weshalb er immer weiter trinkt. Die Hersteller weisen zwar auf den Packungen darauf hin, dass die Dosierungsvorschriften strikt befolgt werden sollten, doch nicht alle Eltern halten sich daran. Vor allem Mütter und Väter, die mit ihrem eigenen Körpergewicht unzufrieden sind oder deren Baby besonders proper ist, können dazu neigen, die Milch zu verwässern - in der Hoffnung, den Nachwuchs vor vermeintlich übermäßiger Kalorienzufuhr zu schützen.

Die meisten (dokumentierten) Wasseropfer findet man jedoch unter Kleinkindern. Sie erleiden häufig Krampfanfälle und entwickeln teilweise Hirnödeme. Vor diesem Hintergrund sind unbedachte Trinkempfehlungen für Kinder mit besonderer Vorsicht zu genießen. So rät die DGE zu Trinkwasser, ungesüßten Tee und verdünnten Frucht- oder Gemüsesäften. Bei Mineralwässern soll der Verbraucher auf den Etikettzusatz "für die Säuglingsnahrung geeignet” achten - eine Auslobung, die natriumarmen Quellen vorbehalten ist. Die "Fünf am Tag”-Kampagne unterstützt ebenfalls den Konsum von Säften. Dass die empfohlenen Tagesportionen Obst und Gemüse durch Saft ersetzt werden können, ist für ernährungsbewusste Eltern besonders praktisch, denn die meisten Kinder schaffen die "Fünf am Tag” mit fester Nahrung in Form von Kartoffeln, Brokkoli oder Äpfeln ohnehin nicht.

Risiko Fruchtsaft
Verdünnte Fruchtsäfte zeichnen für die meisten in der Literatur beschriebenen Wasserintoxikationen verantwortlich. Das Phänomen ist inzwischen so häufig, dass es einen eigenen Namen hat: Squash Drinking Syndrom. Häufig wird es auch durch verdünnte Konzentrate (z. B. Sirup) ausgelöst. Die Zeitspanne, bis sich die entstehende Hyponaträmie in Krämpfen äußert, kann dabei recht unterschiedlich ausfallen.

Fruchtsäfte sind natriumarm, kaliumreich und liefern im Gegensatz zu Tee oder Wasser einige Kalorien, sodass der Konsum an fester und damit in der Regel natriumhaltiger Nahrung zurückgeht. In der irrigen Meinung, dass Trinken immer gut ist, oder aus Angst vor einer vermeintlichen Milchallergie gestatten Eltern ihrem Nachwuchs die Getränke. Nehmen Kinder aber einen Großteil ihrer Energie über Fruchtsäfte auf, verschärft sich das Problem der mangelnden Natriumversorgung. Ist sie über einen längeren Zeitraum zu niedrig, reagiert der Körper mit immer größerem Durst. Eltern deuten das aber als Alarmsignal dafür, dass ihr Sprössling etwas zu trinken braucht. Kaum jemand denkt an einen Salzmangel - schließlich haben wir gelernt, dass zu viel Salz für ein Kind tödlich sein kann. Zudem wird, ohne dass es dafür einen vernünftigen Grund gäbe, auch in der Kinderernährung zu salzarmer Küche geraten.

Krank durch Erziehung
Bekanntlich soll man Kindern ein gesundes Ernährungsverhalten anerziehen. Dazu gehört auch, dass man sie daran gewöhnt, regelmäßig viel Flüssigkeit zu trinken. Tatsächlich brauchen Säuglinge im Verhältnis zu ihrem Gewicht mehr Flüssigkeit als Erwachsene, weil ihr Stoffwechsel noch nicht so effizient arbeitet und sie über den Harn mehr Flüssigkeit verlieren als Erwachsene. Außerdem ist ihre Hautoberfläche im Verhältnis zum Körpervolumen größer, folglich geben sie mehr Wasser durch Verdunstung ab. Bei Kindern führt der höhere Bewegungsdrang zu verstärkten Wasserverlusten über den Schweiß.
Elternratgeber folgern daraus, dass man Kindern ständig Getränke anbieten und sie zum Trinken ermuntern sollte. So stören besorgte Mütter ihre Kinder beim Spielen, um sie ans Trinken zu erinnern. Heute haben die Kleinen stets ihre praktische Getränkeflasche dabei, um unterwegs nicht zu "verdursten”. Das in früheren Kindertagen häufig übliche Trinkverbot vor und während der Mahlzeiten - damals war man der Meinung, Getränke würden den Appetit verderben und die Verdauungssäfte unnötig verdünnen - , hat sich ins Gegenteil verkehrt: Jetzt soll bei jeder Mahlzeit mindestens ein Glas getrunken werden. Selbst Säuglingen wird zwischen den Mahlzeiten an Brust oder Flasche immer wieder Tee aus dem Fläschchen angeboten.

Entnommen aus: EU.L.E.n-Spiegel 2004/Heft 2/S.7-8
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