Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
18.9.2004
Schöne Schurkerei: Apfelallergie

Äpfel der Sorte 'Stella Minnesota' (Bild: AP)
Äpfel der Sorte 'Stella Minnesota' (Bild: AP)
Im Grunde ist es erstaunlich, mit welchem Aufwand die Medizin den Allergien zu Leibe rückt und wie gering der praktische Erfolg ist. Da wird die Haut der "Opfer" geprickt, gescratcht und gepatcht. Es wird Blut abgezapft, Haarproben werden abgeschnitten und Dünndarmproben entnommen. Wozu der ganze Aufwand, wenn es doch nichts bringt?

Sehen wir uns die bekannteste dieser Testmethoden genauer an: Beim "Prick-Test" tupft der Arzt Lösungen auf unseren Unterarm und sticht anschließend mit einer Lanzette durch den Tropfen hindurch in die Haut. Autsch! Hoffentlich verwechselt er die Testlösungen nicht, denn die sehen alle gleich aus: Klar wie Leitungswasser tropft "Rindfleisch", "Milch" und "Milbenkot" auf unseren Arm. Den Arzt scheint das nicht zu irritieren. Er wird schon wissen, dass in diesen farblosen Lösungen natürlich nicht die ganzen Lebensmittel mit ihrem breiten Spektrum an Inhaltsstoffen enthalten sein können. Die Testlösungen enthalten lediglich Spuren von Eiweißen. Vorsicht ist also angesagt: Denn auch völlig andere Stoffe, die in den Testlösungen nicht enthalten sind, können Unverträglichkeiten auslösen.

Selbst da, wo das Eiweiß eine Rolle spielt, ist Skepsis angebracht. Denn für die Testlösungen müssen die Eiweiße erst einmal von den vielen anderen Inhaltsstoffen unserer Lebensmittel isoliert werden. Viele Eiweiße sind jedoch ziemlich empfindlich, so dass sie die Extraktionsprozesse nicht unbeschadet überstehen. Offenbar weiß bis heute niemand so recht, was genau sich in diesen "Lösungen" befindet. Sicher enthalten sind allerdings Mittel zur Verlängerung der Haltbarkeit. Damit die Testlösungen in der Arztpraxis nicht schimmeln, werden Kochsalz, Glycerin und oft auch Phenol zugesetzt. Die Mitteilungsfreude der Pharmavertreter versiegt an diesem Punkt. Kein Wunder: Das zugesetzte Phenol ist bekanntlich selbst ein Allergen. Darüber hinaus reagieren sie bereitwillig mit Eiweißen zu neuartigen Verbindungen. Das bedeutet, dass der Arzt etwas völlig anderes auf unserem Arm testet, als das, was wir gewöhnlich essen.

Die Zuverlässigkeit dieser Methoden unterscheidet sich kaum vom Kaffeesatzdeuten. So lässt sich Ahnungslosigkeit perfekt kaschieren. Die Odyssee, die viele Allergiker hinter sich haben, legt beredtes Zeugnis dafür ab. Natürlich beschleichen viele Therapeuten erhebliche Zweifel an ihrem Instrumentarium. In ihrer Not greifen nicht nur Heilpraktiker zu unkonventionellen Methoden, auch alteingesessene Mediziner werden schwach und beginnen mit Pendel oder Bioresonanz zu experimentieren. Bei letzterer wird angenommen, dass der Mensch ein ultrafeines Schwingungsspektrum abstrahlt, das sich bei Allergien verändert. Mit speziellen und natürlich teuren Geräten sollen diese Veränderungen erfasst und die Allergie geheilt werden. Und zum Erstaunen der Anwender ist das Ergebnis auch nicht schlechter als ihre bisherigen diagnostischen Irrfahrten durchs Lebensmittelangebot!

Einigermaßen realistisch ist allenfalls die so genannte orale Provokation. Dabei isst der Patient in einer beschwerdefreien Zeit das verdächtige Lebensmittel und beobacht, ob der Körper reagiert. Es wird also gezielt versucht, die Unverträglichkeitserscheinungen auszulösen - und zwar mit dem ganzen Lebensmittel und nicht nur mit undefinierbaren Extrakten.

Versagen all die schönen Tests und lässt sich der Patient in kein labormedizinisches Schema pressen, dann wird die ärztliche Unbeholfenheit gern als Marotte des Patienten gedeutet. Der bildet sich seine Beschwerden wohl nur ein oder er hat eine Pseudo-Allergie. Letztere wird in der Medizin streng von einer "echten" Allergie abgegrenzt. Der Unterschied liegt nur in der Definition: Denn der Pseudoallergiker leidet genauso unter seiner Allergie, nur findet man in seinem Blut mit den verfügbaren Tests keine Antikörper. Dabei kann er sehr wohl einzelne Nahrungsmittel oder deren Inhaltsstoffe nicht vertragen. In der internationalen Fachwelt ist daher mehr und mehr ganz allgemein von Lebensmittelunverträglichkeiten die Rede.

Nicht immer liegt es am Blut des Patienten, wenn die Diagnose nicht passen will. Gewöhnlich sind selbst frische Lebensmittel wie der ungespritzte Apfel vom Wochenmarkt viel weniger berechenbar als es aus medizinischer Sicht wünschenswert wäre. Stephanie von Frankenberg, Medizin-Soziologin am Sozialpädiatrischen Zentrum in Oberhausen, erzählt aus der Praxis: "Manchmal sind es nur bestimmte Apfelsorten, die gesundheitliche Probleme bereiten; teilweise ist ein Unterschied zwischen geschälten und ungeschälten Äpfeln feststellbar. Und einige Kinder vertragen ganze Äpfel nicht, können sie aber gerieben essen."

Für den Chemiker hat diese Beobachtung wenig Mysteriöses. Tatsächlich sind die bisher bekannten Allergieauslöser in verschiedenen Apfelsorten in unterschiedlicher Menge enthalten. Beim Golden Delicious nimmt diese Menge beispielsweise mit der Reife der Frucht zu. Das häufigste Allergen des Apfels ist ein Eiweiß. Es wird als "Mal d1" bezeichnet. Mal d1 ist sehr empfindlich. Bei Beschädigung der Apfelzellen reagiert es sogar mit den apfeleigenen Phenolverbindungen. So auch beim Reiben. Dabei entstehen neue Verbindungen, die jetzt völlig harmlos sind. Allein durch die küchentechnische Verarbeitung können also nachhaltige Veränderungen in der Allergenität eintreten. Da ist es eigentlich kein Wunder, wenn Patienten überzeugt sind, Äpfel nicht zu vertragen, im Allergietest mit den phenolkonservierten Lösungen aber nichts nachgewiesen wird. Auch bei anderen Obstsorten machten italienische Ärzte um Dr. Ortolani die Erfahrung, dass sich die Ergebnisse des Hauttests mit frischen Früchten und des Test mit den handelsüblichen Lösungen unterscheiden.

Entnommen aus: "Vorsicht Geschmack - Was ist drin in Lebensmitteln. Mit einem Lexikon der Zusatzstoffe"; Autoren: Pollmer, Hoicke, Grimm. Rororo-Taschenbuch.
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