Mahlzeit
Mahlzeit! Gespräche mit Udo Pollmer
Samstag • 11:15
20.11.2004
Allergien, Aggressionen, Additive

"Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Schmidt - Jürgen Schmidt". Mehr bekommt der wohlbeleibte junge Mann nicht heraus - er schnappt nach Luft. Schon wieder ein Asthmaanfall. Die Pollensaison ist längst vorbei, und so ist Schmidt überzeugt, dass es wohl am Essen liegt. Vielleicht sind die milchgetränkten Cornflakes schuld, die er so gerne zum Frühstück löffelt? Oder eher die Tütensuppe, die ihm seine Mutter mittags gegen seinen Willen aufgetischt hat? Vielleicht liegt ihm aber auch der gestrige Abstecher im Schnellrestaurant noch im Magen, pardon, auf der Lunge? Der Matjessalat "nach Hausfrauen Art" hat im Nachhinein betrachtet irgendwie komisch geschmeckt. Der Kasus ist erfunden, auch Herrn Schmidt gibt es nicht. Sein Leiden ist allerdings echt: Millionen von Betroffenen kennen Herrn Schmidts Probleme aus eigener Erfahrung - und auch seine Odyssee durch Arztpraxen.

Bei seinem Hausarzt muss Schmidt zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Mit angewiderter Miene kreuzt er beim Punkt Lebensmittelabneigungen an, dass er Sellerie, Karotten und Spinat nicht mag. Dann zapft ihm der Arzt Blut für einen Allergietest ab und schickt es ein. Nach endlos erscheinender Wartezeit liegt das Ergebnis vor. Aufmunternd teilt der Arzt seinem verdutzten Patienten mit, dass er keine Lebensmittelallergie hat, greift zum Rezeptblock und verschreibt "zunächst mal" ein Asthmaspray. Unglaublich - auf jeden Fall für Schmidt. Deshalb begibt er sich vierzehn Tage später zum Facharzt für Lungenkrankheiten. Den Fragebogen kennt er nun schon. Und stolz trägt er diesmal ein, dass bei ihm bereits ein Allergietest gemacht wurde. Dieser Mediziner entscheidet sich für einen Hauttest, "bei dem man doch wenigstens gleich sehen kann, was Sache ist". Das will Schmidt ja auch. Trotzdem schluckt er beim Anblick der kleinen Einwegspritzen, mit denen ihm der Fachmann zahlreiche Lösungen unter die Haut spritzt. Sorgenvoll betrachtet der Arzt eine Viertelstunde später das illustre Quaddelmuster auf Schmidts Rücken und identifiziert es als Birkenpollen-Haselnuss-Sellerie- Karotten-Katzenhaar-Hausstaubmilben-Allergie.

Schweren Herzens zieht Schmidt die Konsequenzen. Er vermacht seinen verschmusten Kater der attraktiven Arbeitskollegin und überzieht seine Matratze mit einem speziellen "Schonbezug" aus Kunstfaser, um der Hausstaubmilbe den Weg ins warme Bett zu versperren. Seine Mutter wird beauftragt, die Bettwäsche künftig bei mindestens 60 Grad zu waschen. Sellerie und Karotten streicht Schmidt gern von seinem Speiseplan. Aber der Verzicht auf die Nussschokolade stellt ihn vor eine innere Zerreißprobe. Da hat auch die Vorstellung, wenigstens gesalzene Erdnüsse knabbern zu dürfen, kaum Tröstliches. Dennoch: Allein mit dem Wissen, in Zukunft endlich etwas gegen seine Beschwerden in der Hand zu haben, steigt sein Wohlbefinden.

Die Freude ist nur von kurzer Dauer: Nach weiteren Asthmaanfällen beschleichen ihn die ersten Zweifel an der richtigen Interpretation des Quaddelmusters durch den Spezialisten. Sollte er etwa sein geliebtes Haustier vorschnell geopfert haben? Beim Gedanken, statt einer anschmiegsamen Katze krabbelnde Milben in seiner Bettstatt zu beherbergen, läuft ihm dennoch ein Schauer über den Rücken. Vor allem seit er dem Lexikon entnehmen musste, dass sie zu den "Spinnentieren" zählen. Einen letzten Versuch wagt er noch. Der von der Kollegin empfohlene Allergologe scheint sich mit Ernährung auszukennen. Er rät zu einem Bluttest, mit dem er über 100 Lebensmittel auf einmal austesten kann. Niederschmetterndes Ergebnis: Schmidt soll Milch, Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer, Kirschen, Äpfel und zehn weitere Nahrungsmittel meiden. Sellerie und Karotten, versichert ihm der Doktor, dürfe er natürlich essen. Guten Appetit! Sechs Wochen später hat Schmidt zwar fünf Kilo abgenommen, aber das Asthma plagt ihn wie eh und je. Frustriert tröstet er sich mit Gottfried Wilhelm von Leibniz, der einmal lästerte, ein großer Arzt habe mehr Menschen auf dem Gewissen als ein großer General.

Allergietests: Prädikat "Besonders Wertlos":

Im Grunde ist es erstaunlich, mit welchem Aufwand die Medizin den Allergien zu Leibe rückt und wie gering der praktische Erfolg ist. Da wird die Haut der "Opfer" geprickt, gescratcht und gepatcht. Es wird Blut abgezapft, Haarproben werden abgeschnitten und Dünndarmproben entnommen. Wozu der ganze Aufwand, wenn es doch nichts bringt?

Sehen wir uns die bekannteste dieser Testmethoden genauer an: Beim "Prick-Test" tupft der Arzt Lösungen auf unseren Unterarm und sticht anschließend mit einer Lanzette durch den Tropfen hindurch in die Haut. Autsch! Hoffentlich verwechselt er die Testlösungen nicht, denn die sehen alle gleich aus: Klar wie Leitungswasser tropft "Rindfleisch", "Milch" und "Milbenkot" auf unseren Arm. Den Arzt scheint das nicht zu irritieren. Er wird schon wissen, dass in diesen farblosen Lösungen natürlich nicht die ganzen Lebensmittel mit ihrem breiten Spektrum an Inhaltsstoffen enthalten sein können. Die Testlösungen enthalten lediglich Spuren von Eiweißen. Vorsicht ist also angesagt: Denn auch völlig andere Stoffe, die in den Testlösungen nicht enthalten sind, können Allergien auslösen.

Selbst da, wo das Eiweiß eine Rolle spielt, ist Skepsis angebracht. Denn für die Testlösungen müssen die Eiweiße erst einmal von den vielen anderen Inhaltsstoffen unserer Lebensmittel isoliert werden. Viele Eiweiße sind jedoch ziemlich empfindlich, so dass sie die Extraktionsprozesse nicht unbeschadet überstehen. Offenbar weiß bis heute niemand so recht, was genau sich in diesen "Lösungen" befindet. Sicher enthalten sind allerdings Mittel zur Verlängerung der Haltbarkeit. Damit die Testlösungen in der Arztpraxis nicht schimmeln werden Kochsalz, Glycerin und oft auch Phenol zugesetzt. Die Mitteilungsfreude der Pharmavertreter versiegt an diesem Punkt. Kein Wunder: Das zugesetzte Phenol ist bekanntlich selbst ein Allergen. Darüber hinaus reagieren sie bereitwillig mit Eiweißen zu neuartigen Verbindungen. Das bedeutet, dass der Arzt etwas völlig anderes auf unserem Arm testet, als das, was wir gewöhnlich essen.

Die Zuverlässigkeit dieser Methoden unterscheidet sich kaum vom Kaffeesatzdeuten. So lässt sich Ahnungslosigkeit perfekt kaschieren. Die Odyssee, die viele Allergiker hinter sich haben, legt beredtes Zeugnis dafür ab. Natürlich beschleichen viele Therapeuten erhebliche Zweifel an ihrem Instrumentarium. In ihrer Not greifen nicht nur Heilpraktiker zu unkonventionellen Methoden, auch alteingesessene Mediziner werden schwach und beginnen mit Pendel oder Bioresonanz zu experimentieren. Bei letzterer wird angenommen, dass der Mensch ein ultrafeines Schwingungsspektrum abstrahlt, das sich bei Allergien verändert. Mit speziellen und natürlich teuren Geräten sollen diese Veränderungen erfasst und die Allergie geheilt werden. Und zum Erstaunen der Anwender ist das Ergebnis auch nicht schlechter als ihre bisherigen diagnostischen Irrfahrten durchs Lebensmittelangebot!

Einigermaßen realistisch ist allenfalls die so genannte orale Provokation. Dabei isst der Patient in einer beschwerdefreien Zeit das verdächtige Lebensmittel und beobacht, ob der Körper reagiert. Es wird also gezielt versucht, die Unverträglichkeitserscheinungen auszulösen - und zwar mit dem ganzen Lebensmittel und nicht nur mit undefinierbaren Extrakten.

Pseudo oder nicht?

Versagen all die schönen Tests und lässt sich der Patient in kein labormedizinisches Schema pressen, dann wird die ärztliche Unbeholfenheit gern als Marotte des Patienten gedeutet. Der bildet sich seine Beschwerden wohl nur ein oder er hat eine Pseudo-Allergie. Letztere wird in der Medizin streng von einer "echten" Allergie abgegrenzt. Der Unterschied liegt nur in der Definition: Denn der Pseudoallergiker leidet genauso unter seiner Allergie, nur findet man in seinem Blut mit den verfügbaren Tests keine Antikörper. Dabei kann er sehr wohl einzelne Nahrungsmittel oder deren Inhaltsstoffe nicht vertragen. In der internationalen Fachwelt ist daher mehr und mehr ganz allgemein von Lebensmittelunverträglichkeiten die Rede.

Nicht immer liegt es am Blut des Patienten, wenn die Diagnose nicht passen will. Gewöhnlich sind selbst frische Lebensmittel wie der ungespritzte Apfel vom Wochenmarkt viel weniger berechenbar als es aus medizinischer Sicht wünschenswert wäre. Stephanie von Frankenberg, Medizin-Soziologin am Sozialpädiatrischen Zentrum in Oberhausen, erzählt aus der Praxis: "Manchmal sind es nur bestimmte Apfelsorten, die gesundheitliche Probleme bereiten; teilweise ist ein Unterschied zwischen geschälten und ungeschälten Äpfeln feststellbar. Und einige Kinder vertragen ganze Äpfel nicht, können sie aber gerieben essen."

Für den Chemiker hat diese Beobachtung wenig Mysteriöses. Tatsächlich sind die bisher bekannten Allergieauslöser in verschiedenen Apfelsorten in unterschiedlicher Menge enthalten. Beim Golden Delicious nimmt diese Menge beispielsweise mit der Reife der Frucht zu. Das häufigste Allergen des Apfels ist ein Eiweiß. Es wird als "Mal d1" bezeichnet. Mal d1 ist sehr empfindlich. Bei Beschädigung der Apfelzellen reagiert es sogar mit den apfeleigenen Phenolverbindungen. So auch beim Reiben. Dabei entstehen neue Verbindungen, die jetzt völlig harmlos sind. Allein durch die küchentechnische Verarbeitung können also nachhaltige Veränderungen in der Allergenität eintreten. Da ist es eigentlich kein Wunder, wenn Patienten überzeugt sind, Äpfel nicht zu vertragen, im Allergietest mit den phenolkonservierten Lösungen aber nichts nachgewiesen wird. Auch bei anderen Obstsorten machten italienische Ärzte um Dr. Ortolani die Erfahrung, dass sich die Ergebnisse des Hauttests mit frischen Früchten und des Test mit den handelsüblichen Lösungen unterscheiden.

So schnell kann ein Patient als "Pseudoallergiker" abgestempelt werden, nur weil einfachste Reaktionen im Lebensmittel der Medizin unbekannt geblieben sind. Wenn es schon bei einem vermeintlich "simplen" Apfel so schwer ist, wie sieht es da erst bei den komplizierteren Kompositionen der Industrie aus? Da kann es schon mal vorkommen, dass der Quark eines Herstellers vertragen wird, der eines anderen dagegen nicht. Durch moderne Technologien wie Ultrafiltration oder Thermoverfahren sind heute ganz andere Milcheiweiße im Quark enthalten als noch vor 30 Jahren. Damit verändert sich auch die Allergenität. Und es entstehen neue Unverträglichkeiten. Völlegefühl, Blähungen und Durchfall nach dem Verzehr von Quark können auch eine unvermutete Ursache haben: den Milchzucker. Jeder 10 Deutsche verträgt ihn nicht. Heute ist bis zu vier Mal mehr davon im Quark enthalten als früher. Die Spuren in traditionellem Quark waren für die meisten Betroffenen dagegen harmlos.

Entnommen aus: Pollmer, Hoicke, Grimm: Vorsicht Geschmack - Was ist drin in unseren Lebensmitteln. Mit einem Lexikon der Zusatzstoffe. Erschienen im Hirzel-Verlag. Taschenbuchausgabe bei Rowohlt.
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