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27.2.2004
Schuld ist individuell
Zum 35. Todestag des Philosophen Karl Jaspers
Von Susanne Mack

Wenn es schwierig für uns wird, wenn die einfachen Lösungen versagen, in den Grenzsituationen des Lebens, wenn wir zum Beispiel nach Schuld fragen, da werden wir unwillkürlich zu Philosophen und wir suchen nach Antworten in der Philosophie. Nicht überall können wir da fündig werden. Aber bei Karl Jaspers sollten wir in jedem Fall nachschlagen. Er gilt als Begründer der deutschen Existenz-Philosophie. Karl Jaspers wurde 1883 in Oldenburg geboren, war vor dem Zweiten Weltkrieg als Philosophie-Professor in Heidelberg tätig und lehrte ab 1948 in Basel. Dort lebt auch Hans Saner, Jaspers letzter Assistent. Hans Saner erinnert sich noch gut daran, als er mit dem Wunsch, Philosophie zu studieren nach Basel kam, um bei dem berühmten Professor Jaspers vorzusprechen.

Saner: Ich ging zu ihm in die Sprechstunde. Er hat mich so aus der Distanz angeguckt. Sein Stuhl saß in der einen Ecke des Zimmers und ich als Gast, als Student, in der anderen Ecke. Und er fasste mich so in's Auge, freundlich und doch skeptisch, und dann suchte er alle Argumente zusammen, um mir beizubringen, dass ich nicht Philosophie studieren solle. - Und erst als ich ihm sagte : ja, aber ich sei jetzt schon fünf Jahre lang Lehrer gewesen , sagte er: "Ja, gut. Wenn Sie einen Beruf hatten, dann darf man das." (lacht)

Typisch Jaspers. Der war nämlich der Meinung: Philosophen werden nicht durch ein Studium geboren, sondern durch das Leben erzogen. Philosoph - das ist kein Beruf , sondern eine Leidenschaft. Und nur, wem in den Wirren des Lebens schon mal die Frage nach dem "Sinn" gekommen ist, der soll sich zu weiteren Studien entschließen.

Das rein akademische Philosophieren, das sich gern als "Wissenschaft" geriert, hat Jaspers immer als "blutleere Gelehrsamkeit" empfunden - und ein paar unorthodoxe Vorschläge gemacht, um diesem Übel abzuhelfen.

Jaspers: Bei den Berufungen auf philosophische Lehrstühle heute sollte man sich nicht binden, wie es bis jetzt noch durchweg geschieht, an die langweilige Karriere Abitur - philosophischer Doktor-Habilitation und Professor, sondern sich umschauen, wo in den Wissenschaften oder in der Lebenspraxis Menschen erwachsen, die zum Philosophieren kommen und bereit wären, auf einem akademischen Lehrstuhl das, was sie erfahren und denken, mitzuteilen.

Jaspers spricht hier pro domo, denn auch er kam als "Fremdkörper" auf einen philosophischen Lehrstuhl: 1922 wird er in Heidelberg Professor.

Einer, der nie Philosophie studiert hat, sondern ursprünglich Medizin - und jahrelang in einer Klinik als Psychiater tätig war.
Hier ist er auf eigentümliche Weise mit der Philosophie in Berührung gekommen : Denn so mancher Gedanke eines Patienten , erinnert sich Jaspers, klang zunächst nach metaphysischer Erleuchtung , entpuppte sich aber später als Beginn einer Geisteskrankheit:

Jaspers: Wer dabei ist, kann sich dem Eindruck nicht entziehen: hier reißt eine Decke, unter der wir gemeinhin unser Leben führen. - Es ist ein Tiefer Sinn in dem Satze: Kinder und Narren sagen die Wahrheit.

"Ich versuche angestrengt, zu denken ich bin ein anderer - und kann doch immer wieder nur ich selber sein."

"Was ist das eigentlich - ein "Ich"? Und wozu lebt dieses "Ich" denn überhaupt? "


Fragen, die Kinder und Narren stellen - und Philosophen :

Es gehört zu uns als Menschen, dass wir im Philosophieren unsere letzte Selbst-Vergewisserung finden möchten und es begehren.

Karl Jaspers in einem Radio-Interview von 1961.

Das menschliche Dasein ist voller Rätsel und die menschliche Spezies von Natur aus neugierig, aber der Alltag mitsamt seinen Mühen verschüttet unsere ursprünglichen Fragen.
Nur hin und wieder, lehrt uns Jaspers, tauchen diese Fragen wieder auf: wir alle werden unwillkürlich Philosophen in den "Grenz-Situationen " unsres Lebens. - Hans Saner:

Etwa die Situation, dass wir sterben müssen, das wirklich ist eine Grund- Situation des Daseins, oder, dass wir schuldig werden, oder, dass die Welt antinomisch strukturiert ist, das heißt: nicht harmonisch, sondern dass sie von Grund auf zerrissen ist. Das waren für ihn die unaufhebbaren Situationen, und das Entscheidende für ihn war dann, dass man sich diese Grenz-Situationen nicht verschleiert.

Sondern sich klar wird: so ist es eben beschaffen, das menschliche Dasein, egal ob als Tellerwäscher oder als Millionär. 1932 erscheint Jaspers dreibändiges Hauptwerk, danach feiert man ihn als den Begründer der deutschen Existenz-Philosophie.

In seinen Büchern fragt sich Jaspers :Welche Möglichkeiten hat der Mensch denn eigentlich, in den "Grenz-Situationen" seines Lebens zu stehen - in der Angst und in der Schuld , in der Nähe des Todes - aber auch in Gegenwart der Freude: in der Freundschaft und der Liebe. - Das "existenzielle Philosophieren", so Jaspers, währt genauso lang wie unser Leben - und es ereignet sich in erster Linie im Gespräch mit anderen Menschen. - Jaspers‘ Schülerin Hannah Ahrend rühmt denn auch seine außergewöhnliche Fähigkeit zum Dialog:

Diese herrliche Genauigkeit des Zuhörens! Die ständige Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen, ja mehr noch, die Fähigkeit, das sonst Verschwiegene in den Gesprächsraum zu locken, es sprech-würdig zu machen oder - wie er selber sagen würde: zu erhellen.

"Helligkeit" ist ein besonderes Kennzeichen von Jaspers‘ Philosophen-Sprache. Er verkörpert die wohltuende Ausnahme innerhalb einer Zunft, wo so viele "Verdunklungs-Experten" am Werke sind.

Jaspers war immer bemüht, das Schwierige auf leichte, elegante Art zu erklären. Er selbst führt dieses pädagogische Talent vor allem auf das lebenslange Gespräch mit seiner Frau Gertrud zurück. - Im folgenden erinnert sich Jaspers - nach fast 60 Jahren Ehe - an seine erste Begegnung mit Gertrud im Mai 1907:

Es schlug ein wie der Blitz, es war, als ob in einem Augenblick etwas entgültig entschieden sei : dass in dieser Welt sich Menschen trafen, die gleichsam in der Erscheinung der Zeit zusammenschmolzen, als ob sie schon von je her verbunden seien.
Ich habe in meinen Schriften wiederholt über Liebe gesprochen. Das kommt alles dorther, was ich da gesagt habe. Ich bin überzeugt, dass - wenn man dass überhaupt so sagen darf - ich die Tiefe meiner Philosophie nie erreicht hätte ohne meine Frau.


Von Gertrud hätte sich Jaspers niemals getrennt - obwohl ihm die Nazis mehrfach dazu geraten haben. Denn Gertrud Jaspers war Jüdin. Ein Grund, ihren Mann 1933 aus dem Verwaltungsrat der Universität zu entlassen und vier Jahre später zwangsweise in Rente zu schicken.

Plötzlich wird es still im bis dato geselligen Hause Jaspers: viele Freunde tauchen nicht mehr auf - ohne ein Wort der Erklärung.

Es muss für seine Frau ganz entsetzlich gewesen sein, aber auch für ihn. In diese, ja - wohlgeordnete, wohlgesittete universitäre Welt: in die ist dieser "Spalt-Pilz" eingedrungen. Was jüdisch war, durfte nicht mehr da sein. Ich weiß nicht, ob er das jemals verstehen konnte.

Im Sommer 1945 bekommt der nunmehr 62jährige Jaspers seinen Lehrstuhl zurück. Seine erste Vorlesung in Heidelberg handelt von den Greueln des Nazi-Regimes und der "Vogel-Strauß-Politik"der Deutsche :

Wir sind, als unsere jüdischen Mitbürger abtransportiert wurden, nicht auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete, mit dem richtigen - aber keineswegs befriedigenden Grunde - das hätte ja doch nichts geholfen, hätte keinen Eindruck gemacht und wäre sinnlos gewesen. - Dass wir noch leben, ist unsere Schuld.

Jaspers ist unter den Ersten, die das politisch-moralische Versagen des Deutschen Volkes öffentlich zur Sprache bringen - eine beschämende Wahrheit, die damals keiner hören will: Jaspers lässt seine Vorlesung drucken, aber der Verlag bleibt auf der ersten Auflage sitzen.

1948 folgt der Philosoph einem Ruf der Universität in Basel. Es war wohl Jaspers Frau, die hier den Ausschlag gab: nach allem, was geschehen war, wollte sie Deutschland nicht mehr ertragen.
Aber auch von Schweizer Territorium aus mischt sich Jaspers immer wieder ein in das politische Leben der Heimat.

In der Bundesrepublik gilt Jaspers inzwischen als moralische Instanz, wird von Medien und Politikern umworben - ist aber gleichwohl umstritten und versteht auch, sich Feinde zu machen.
Zum Beispiel 1960 durch ein Fernseh-Interview. Da erklärt er, die Bundesdeutschen scherten sich nicht um das Wohl ihrer Landsleute im Osten:

Es ist ein schuldloses Geschick, dass sie im Osten sind und vergewaltigt werden, und wir im Westen - durch Gnade des Sieger - die Freiheit haben, nicht etwa durch uns. - Dass sie im Osten unterdrückt werden, bedeutet für uns, dass wir unablässig in der Öffentlichkeit fordern müssten die freien Wahlen unter neutraler Kontrolle, bei denen dann festgestellt wird, was man im Osten will. - Wie das dann im Einzelnen wird, ist gleichgültig. Nur die Freiheit - allein darauf kommt es an.

Das Thema "Wiedervereinigung" sei zweitrangig dagegen, meint der Philosoph - und ein Sturm der Entrüstung fegt durch die Bundesrepublik.

Nach dem Bau der Mauer meint Jaspers in der Zeitung "Welt am Sonntag" , den Deutschen im geteilten Land müsse doch irgendwie ein Zusammenleben ermöglicht werden, deshalb solle die Bundesregierung unbedingt mit Ulbricht sprechen. - Wieder massenhafte Empörung im Westen. Dafür kriegt Jaspers diesmal Beifall von der SED:

Jaspers gibt Ulbricht zu verstehen: er wünscht keine Korrespondenz. Aber auch einer persönlichen Einladung Adenauers hat sich Jaspers schließlich verweigert. - Gefragt nach den Grund dieser "Zurückhaltung gegenüber der Macht" antwortet Jaspers wie folgt:

Ich bin gar nicht mutig, ich bin gar kein Held. Ich habe niemals mein Leben riskiert, ich würde mich sehr hüten, es zu riskieren. Aber in einem Punkte hab‘ ich auf der Schule gelernt: Prestige, Ansehen - das imponiert mir nicht, sondern da verhalte ich mich unkonventionell und rede und handle nach dem, was mir evident einleuchtet.

Darum hat Hannah Arendt ihren Lehrer so geschätzt. Als Jaspers 1958 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt, spricht sie die Laudatio - und erklärt, in Deutschland sei Jaspers der einzig legitime Nachfolger des Philosophen Immanuel Kant, denn er habe die Freiheit des Urteils und des Handeln immer als das höchste Gut betrachtet:

Freiheit, meine Damen und Herren, ist mehr als Unabhängigkeit. - Und erst Jaspers hat aus der Unabhängigkeit das denkende Bewußtsein der Freiheit entwickelt, einer Freiheit nämlich, in welcher der Mensch sich als sich selbst geschenkt erfährt.

Jaspers hat nie einer Partei angehört und für keine politische Bewegung je eine Fahne geschwenkt. Er schätzt Menschen, die für nichts und niemand stehen als sich selbst - und unbequeme Wahrheiten offen aussprechen.

Daher auch seine Sympathie für Rolf Hochhuth. Dessen Stück "Der Stellvertreter" feiert 1963 in Basel Premiere - unter wütendem Protest der katholischen Kirche : da hagelte es faule Eier - auf die Darsteller und vor allem auf den Autor:

Jaspers hat ihn in dieser Zeit kennengelernt, hat sich dann beteiligt an einem öffentlichen Gespräch, an einem Radio-Gespräch über den "Stellvertreter", hat Hochhuth sehr gelobt. Er hat sowohl das Stück wie auch ihn als Person um dieser Furchtlosigkeit willen sehr geschätzt.

Denn Schuld - da sind sich Hochhuth und Jaspers einig - , muß jeweils genau ermittelt werden. Es gibt keine "kollektiven Bösewichter": "Das Deutsche Volk ist schuld " oder auch "Die Deutsche Bank hat das verbrochen " - solche Reden verwischen nur die Moral oder auch Unmoral des Einzelnen.

Verantwortung, meint Jaspers, ist immer konkret: sie hat einen Namen, eine Adresse und eine Hausnummer.
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