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21.5.2004
Grüß Gott!
Geschichte Bayerns
Von Georg Gruber

Ein Double stellt  König Ludwig II. dar, im Hintergrund eine Nachbildung von Schloss Neuschwanstein (Bild: AP)
Ein Double stellt König Ludwig II. dar, im Hintergrund eine Nachbildung von Schloss Neuschwanstein (Bild: AP)
Zerrbilder und Vorurteile über die Bayern gibt es genug, angefangen damit, dass alle Bayern katholisch sind und CSU wählen. Die Vorurteile sind gewachsen, zum Teil über die Jahrhunderte. Doch das hat die Bewohner des ehemaligen Königreiches schon immer wenig gestört, sondern eher darin bestärkt, so zu bleiben wie sie sind. Etwas anders eben als der Rest der Republik. Bayern - ein Land zwischen König-Ludwig-Kitsch und dem Streben nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit.

München. St. Michaels-Kirche. Im Keller ein bayrisches Heiligtum: Eine Fürstengruft der Wittelsbacher, mit dem Sarkophag von König Ludwig II., dem Märchenkönig.

Michael Hügel: Außen das bildet bei jedem die Gruft und um jeden befindet sich noch ein zweiter Zinksarg, die sind alle luftdicht verschlossen, und alle Herzen sind entnommen und alle Herzen befinden sich in Altötting in der Wittelsbacher Gnadenkapelle, die Herzen.

Michael Hügel, langjähriger Wächter der Gruft.
König Ludwig, Schloss Neuschwanstein - das sind die Symbole für Bayern, weltweit bekannt. Für viele nur Kitsch - und doch wird der tragische König auch von echten Bayern verehrt.

Hügel: Da kommen täglich Leute her, und die Königstreuen kommen meist an Todestagen oder Feiertagen her.

Um den Tod des Königs ranken sich Legenden. Selbstmord - die offizielle Todesversion - glaubt kaum einer der Königstreuen. Am wenigsten die Guglmänner, eine geheime Bruderschaft, die immer wieder mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf Aufklärung drängt. Sie bleiben stets anonym:

Guglman: Nennen Sie mich einfach Guglmann, unsere Identität ist uninteressant.

In schwarzen Kutten treten sie auf, seit dem Mittelalter. Sie haben die Pesttoten beerdigt und den bayerischen Königen die letzte Ehre erwiesen.

Guglmann: Es gingen an jedem Sarg eines Königs 25 Guglmänner voraus mit gekreuzten Fackeln und in den Händen die Wappenschilde des Königs.

So auch beim Begräbnis des Märchenkönigs Ludwig 1886.
Der König ist ermordet worden, nachdem man ihn in einem Komplott für geisteskrank erklärt und entmündigt nach Schloss Berg gebracht hatte. Von dort wollte er fliehen, über den Starnberger See, wo auf der anderen Seite Sissi auf ihn wartete, das glauben nicht nur die Guglmänner.
Im Ufergebüsch soll ein Fischer namens Lidl mit einem Boot auf den König gewartet haben, als dieser mit dem Nervenarzt Dr. Gudden einen Abendspaziergang machte.

Guglmann: Ludwig versuchte einzusteigen, dann lösen sich zwei Schüsse, der König fällt vornüber ins Boot, die Beine hängen in den See rein und schleifen auf dem Boden, Lidl versucht wegzurudern, denn er muss ja auch damit rechnen, erschossen zu werden, merkt, dass er mit dem toten König im Boot nicht weiterkommt, weil ja die Beine wie ein Treibanker im Seeboden liegen, nimmt jetzt den toten König und lässt ihn nach 40 Metern in den See gleiten und verschwindet.

Mögliche Hintermänner der Tat: Der preußische Geheimdienst oder die Wittelsbacher selbst, so die Legende, die weiter leben wird, so lange es Bayern gibt oder bis der Sarg geöffnet und die Leiche des Königs exhumiert wird.

Woran sich Königstreue nicht so gerne erinnern: Ludwig II. hat auch bei der Neuordnung Deutschlands eine wichtige Rolle gespielt. 1870, im Dezember, bot er dem preußischen König Wilhelm die Kaiserwürde an, mit dem "Kaiserbrief", den nicht er, sondern Bismarck geschrieben hatte. 6 Millionen Goldmark, über Schweizer Konten, soll er dafür von Bismarck erhalten haben, Geld, das er für seine Schlossbauten gut gebrauchen konnte. So verlor Bayern seine Souveränität und ging im Deutschen Reich auf, auch wenn es ein paar Sonderrechte behielt.

Der Kampf um Unabhängigkeit, um politische Eigenständigkeit, das ist keine Erfindung der CSU, das ist eine der Konstanten, die sich durch die gesamte Geschichte Bayerns zieht, von den Anfängen bis heute.

Garibald I., so hieß der historisch erste bezeugte Bayernherzog, er starb im Jahr 590. Sein Herzogtum stand unter fränkischer Oberherrschaft. Wie unabhängig die bayerischen Herzöge waren, hing auch in der Folge letztlich davon ab, wie stark die Zentralgewalt im Reich war.

Bittere Wahrheit: Bayern war schon immer zu klein und unbedeutend, um ein Großstaat werden zu können - auch wenn Bayern in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts bis zur Adria reichte und, nach dem Erwerb der Grafschaft Holland Mitte des 14. Jahrhunderts zeitweilig sogar an die Nordsee grenzte.

1156 war eines der geschichtlichen Schlüsseljahre: Kaiser Barbarossa teilte das bayerische Herzogtum. Heinrich der Löwe, der Gründer Münchens, musste Gebiete im Osten abgeben, an die aufstrebendenden Babenberger Markgrafen. Die Babenberger nutzten ihre Chance: Ihr Land, das seit dem 10. Jahrhundert "Ostarrichi" hieß, entwickelte sich später, unter den Habsburgern, zur deutschen Vormacht Österreich. Und zum mächtigen Nachbarn der Bayern.

Wo die Bayern überhaupt herkommen, ist bis heute ein Rätsel. Sicher ist nur: Die Bayern, die sich heute so gegen Zuwanderung wehren, sind selbst ein Volk von Zugewanderten, ihr Ursprung liegt in einer Mischung aus romanisierten Kelten und verschiedensten Germanenhorden, die das Land durchzogen. Mitte des 6. Jahrhunderts waren sie auf einmal da: um diese Zeit wurde ein Germanenstamm, der östlich des Lech bei Augsburg anzutreffen war, als "Baiuvarii" bezeichnet.

Es war sehr gut, lieblich anzusehen, reich an Wäldern, wohlversehen mit Wein. (...) Das Erdreich war fruchtbar und ... schien von Vieh und Herden aller Art fast bedeckt zu sein.

Bischof Arbeo von Freising, im 8. Jahrhundert. Die katholische Kirche spielte für die Entwicklung Bayerns eine wichtige Rolle. Ohne sie gäbe es heute nicht die idyllische parkähnliche Voralpenlandschaft, denn die Klöster waren Ausgangspunkt des mittelalterlichen Landausbaus, mit der Rodung der Wälder und modernen Agrarmethoden. Und der Glauben prägte die Menschen.

Ortstermin beim ältesten bayrischen Trachtenverein in Bayrischzell, gegründet 1883. Rund 1.700 Einwohner hat das Dorf am Fuß des Wendelsteins. Einmal pro Woche ist Plattlerprobe, im Saal des katholischen Gemeindezentrums.

Umfrage Kinder:
Ich bin der Nopper Martin, und den Schlag, den wo ich gut find, ist der Zehner.
Ich bin der Markus Hering, und der beste, der wo mir gefällt, ist der Zehner,
Ich bin der Sixtus KIreitner und mir gefällt am besten der Zehner.


Das Schuhplatteln gehört zum Kern bayrischen Brauchtums. Erste Beschreibungen finden sich schon in einem Text aus dem 11. Jahrhundert, entstanden in der Abtei Tegernsee: Ein junger Bursche tanzt einem Dirndl hinterher, ahmt dabei die Bewegungen eines balzenden Auerhahnes nach.

Landesvorplattler Sepp Lausch: Im Ursprung war des ein reiner Werbe- oder Imponiertanz, die männliche Landbevölkerung wollte damit ihre Kraft, ihre Geschmeidigkeit darstellen.

Sepp Lausch, Landesvorplattler, höchster Repräsentant der bayerischen Schuhplattler.

Lausch: Von Bayern meint man immer nur der dumme knödelfressende, jodelnde, fensterlnde Allerweltsdepp und des samma ja eigentlich nicht. Dieses Jodeldehü, des hats vorher net geben und des gibt s auch in echt nia, des is a reine Erfindung von dem Musikantenstadlimage, ma braucht a bloß die Leit anschauen, wie se sich gebn, a Volksmusikant hat immer so ein gekünsteltes Lächeln, a echter Trachtler lacht nur wenn's ihm gfallt, a echter Bayer lacht nur, wenn er lustig is, nicht wenn er muss, wegen dem Geld.

Auch das gehört zur bayerischen Geschichte: Der Stolz der Ureinwohner und der herablassende Blick von außen, der einem echten Bayern natürlich überhaupt nichts ausmacht, sondern ihn eher in seiner Eigenartigkeit bestärkt. Schon um 1800 findet man viele heute noch geläufige Bayernklischees.

Johann Kaspar Riesbeck, 1783: Es gibt (in Bayern) mitunter die drolligsten Figuren der Welt, mit aufgedunsenen Wänsten, kurzen Stampffüßen und schmalen Schultern, worauf ein dicker runder Kopf mit einem kurzen Hals sehr seltsam sitzt.

Bayern wirkt von außen einheitlicher als es ist. In seinen heutigen Grenzen, mit Franken und Schwaben, ist Bayern ein Gebilde von Napoleons Gnaden, der es auch zum Königreich erhob, 1806. Im November 1918 dann ein Bruch, den viele bis heute nicht wahrhaben wollen: das Ende der Monarchie. Durch eine unblutige Revolution, die auch von der bäuerlichen Bevölkerung unterstützt wurde.

Blutig wurde die Revolution in Bayern erst 1919, nach der Ermordung Kurt Eisners, der den "Freistaat Bayern" ausgerufen hatte. Der Mörder Eisners erhielt nur eine milde Strafe und saß im selben Gefängnis wie Adolf Hitler nach dem gescheiterten Putsch 1923.

Reportage Bombenangriff auf München: "Ich stehe im Dämmerlicht des Morgens in einer Münchner Straße, nun liegen schon einige Stunden hinter dem feigen englischen Terrorangriff, dort wo weit und breit kein militärisches Ziel liegt, warf der Feind, der eine ritterliche Kriegführung nicht kennt, seine Spreng- und Brandbomben.

Nach 1945 der Neuanfang. Bayern bleibt in seinen Grenzen weitgehend erhalten, integriert zwei Millionen Vertriebene, den sogenannten vierten bayerischen Stamm, viele aus dem Sudetenland.
Und Bayern pocht auf seine Eigenständigkeit. Im Mai 1949 stimmt der bayerische Landtag über das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ab.

Landtagssitzung 19.5.1949: Ich habe jetzt folgendes festzustellen: Das Grundgesetz in der vorliegenden Fassung hat nicht die Zustimmung des bayerischen Landtags gefunden.

Doch der bayerische Löwe grummelte nur: Denn der Landtag verabschiedete auch eine Resolution: Wenn zwei Drittel der anderen Bundesländer für das Grundgesetz stimmen, solle es auch für Bayern gelten.

Bayern ist Agrar- und Industrieland.

Wilhelm Hoegner, der einzige SPD-Ministerpräsident im Nachkriegsbayern, verwendete diese Formel als erster in einer Regierungserklärung - 1955, in Abgrenzung zur konservativen CSU, die erst später die Themen Fortschritt, Laptop und Lederhose für sich besetzte - und alle anderen Parteien marginalisierte.
Doch nicht jeder in Bayern wählt CSU, auch wenn es für Nicht-Bayern oft so scheint. Querdenker haben eine lange Tradition: von den bayrischen Volkssängern über Schriftsteller wie Oskar Maria Graf bis zu Gehard Polt, den Biermösl Blosn und Dieter Hildebrandt:

BR 11.4.1957: In unserer heutigen Sendung "Gäste im Kabarett" besucht uns die Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit ihrem ersten Kabarett-Programm 'Denn sie müssen nicht, was sie tun.
(Dann wird gesungen:)
"Und unser Haus liegt an der Münchner Freiheit, doch bis zur Freiheit ist es noch sehr weit ....


Franz Josef Strauß, Aschermittwoch 1975: Die eigene politische Leistung wurde im Bewusstsein vieler Wähler eindrucksvoll ergänzt durch das eklatante Versagen derer, die ausgezogen waren, Deutschland zu reformieren und einen Saustall ohnegleichen angerichtet haben.

Franz Josef Strauß, er war der letzte große bayerische Alleinherrscher. Seine bitterste Erfahrung: Die Deutschen wollten ihn 1980 nicht zum Bundeskanzler. Dass dieses Amt nichts für einen Bayern ist, musste nach ihm auch Edmund Stoiber erfahren.

Beide hätten sich vielleicht nicht in das politische Abenteuer einer Kanzlerkandidatur gestürzt, wenn sie aufmerksam das "Literarische Handbuch für die baierische Geschichte" aus dem Jahr 1810 gelesen hätten:

Johann Christoph von Aretin, Literarisches Handbuch für die baierische Geschichte und alle ihre Zweige, 1810: "Die Nordteutschen (mit wenigen Ausnahmen) verachten und hassen die Südteutschen, glauben sich weit vor ihnen voraus, und werden nie den herzlichen, unbefangenen Sinn derselben zu fassen oder zu schätzen wissen.

Erstaunlich, dass trotzdem so viele Norddeutsche nach Bayern ziehen. Das birgt Gefahren:

Aretin, 1810: Wenn es ihnen gelingt (wovor Gott sey) unsere üppige Lebensfülle mit ihrer nördlichen Kälte und Steifheit zu ersticken, so ist unser Vaterland unwiederbringlich zu Grunde gerichtet.
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