MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
11.6.2004
100 Jahre Botanischer Garten in Berlin-Dahlem
Von Peggy Fuhrmann

Kakteen im Botanischen Garten (Bild: AP Archiv)
Kakteen im Botanischen Garten (Bild: AP Archiv)
Am kommenden Sonntag steigt im Botanischen Garten in Berlin-Dahlem eine große Geburtstagsfeier: Der Botanische Garten wird hundert Jahre alt. Er ist heute einer der drei größten und artenreichsten Botanischen Gärten der Welt. Die Anfänge reichen weit zurück - bis ins 17. Jahrhundert, als der brandenburgische Kurfürst einen Mustergarten errichten ließ.

Albert-Dieter Stevens: Erstmal herzlich willkommen. Ich freu mich, dass doch wieder einige Studenten hier sind. Ich will Ihnen anfangs nur einen groben Überblick über den Garten zeigen. ...

Gleich hinter dem großen schmiedeeisernen Eingangstor haben sich knapp 20 Gartenbau-Studenten versammelt, um an einer Führung teilzunehmen. Botanischer Garten in Berlin.

Stevens: Vorneweg: Der Garten feiert dieses Jahr sein hundertjähriges Bestehen in Dahlem.

Der Direktor des Gartens, Dr. Albert Dieter Stevens, begrüßt die Besucher.

Stevens: Also vor 100 Jahren, 1904, durften das erste Mal die Besucher in den Garten, allerdings nur während der Woche und nur, wenn man über 14 Jahre alt war. Die Kinder durften nicht in den Garten. Und am Wochenende mussten sich die Pflanzen von den Besuchern erholen. ...

Die Luft ist klar, der Himmel wolkenlos hellblau. Im strahlenden Sonnenlicht leuchten die roten Backsteinmauern von Pförtnerhäuschen und Botanischem Museum. Wiesen, Büsche und Bäume zeigen zartes Grün und bunte Blüten: Farbtupfer in weiß, gelb, pink, rot und blau. Frühsommerliche Pracht.

Stevens: Der Garten ist jetzt auf einer Fläche von 43 Hektar einer der größten Botanischen Gärten weltweit, nicht die größte Fläche, aber eine der zwei, drei größten Pflanzensammlungen, nämlich etwa 22.000 Arten.

Die Vorgeschichte des Botanischen Gartens reicht zurück ins 17. Jahrhundert. Im Jahr 1679, als sich Brandenburg noch von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges erholte, gründete der brandenburgische Kurfürst, der inzwischen zum Großen Kurfürsten aufgestiegen war, einen königlichen Hof- und Küchengarten. Der Garten in dem kleinen Dorf Schöneberg bei Berlin wurde 1718 der Societät der Wissenschaften unterstellt. Der Unterhalt war dem knauserigen preußischen Soldatenkönig zu teuer geworden. Die Wissenschaftler nahmen sich dankbar und mit großem Engagement des Gartens an. Und so begeisterte sich bereits 1822 ein prominenter Besucher über die Schöneberger Anlage:

Es scheint, dass fortan wie der Muselmann zum Grabe des Propheten, so jeder Botaniker nach Berlin wird pilgern müssen, wenn er botanisch selig sterben will.

Ende des 19. Jahrhunderts aber hatte der Schöneberger Garten keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Der Baumbestand war veraltet, die Gewächshäuser quollen über, außerdem störten Rauch, Staub und Lärm der Industriestadt Berlin die Besucher immer stärker. Die Initiative, den Garten zu verlegen und zu erweitern, kam von der Reichsregierung. Welches Interesse sie daran hatte, den Garten zu vergrößern, erklärt Professor Hans Walter Lack, der Direktor des Botanischen Museums:

Hans Walter Lack: Der wesentliche politische Grund hinter der Verlegung war die Erkenntnis, es kommt jetzt mit der Erwerbung der Kolonien und der Erforschung der botanischen Mannigfaltigkeit der Kolonien und der Landwirtschaft in den Kolonien eine neue Qualität dazu. Und da brauchen wir Platz. Ich glaub, das ist der Kern der Überlegung gewesen. Sie müssen das auch in einem größeren politischen Zusammenhang sehen. Bismarck und Altenstein haben in den Kolonien eine politische Perspektive gesehen. Und deshalb wurden diese ganzen kolonialen Aktivitäten völlig überproportional gefördert. Und ein Teil war einfach die Botanik.

Ein Mitarbeiter der Sozietät der Wissenschaften drückte die damals vorherrschende Stimmung aus. Der königliche Botanische Garten werde, so schwärmte er in einer Rede ...

... durch die Colonialpolitik des Deutschen Reiches einer neuen Periode rühmlichen Gedeihens entgegen gehen.

Lack: Das war alles wirtschaftlich zu sehen. Dahlem sollte die Funktion übernehmen, die Kew, der große königliche Garten bei London, hatte. Nämlich als Tauschbörse für Samen, für Früchte, als Informationsbörse für die deutschen Pflanzer, wie man sie nannte, in Übersee. Dabei hat auch das Museum eine wesentliche Rolle gespielt, weil die landwirtschaftlichen Produkte, also Baumwolle, Kakao usw. dort ausgestellt wurden. So dass der Fokus eindeutig in der Zeit, ich sag mal zwischen 1900 und 1914, auf den Kolonien lag.

Nach langem Abwägen wählten die Botaniker als neuen Standort ein Grundstück in Dahlem, zwischen Berlin und Potsdam: ehemalige Kartoffeläcker, mit 44 Hektar ein ungewöhnlich großes Gelände für einen Botanischen Garten. Und - sehr wichtig - auf dem Areal standen keine Bäume, die man sonst mitsamt ihrer Wurzeln hätte heraus reißen müssen. Dennoch zögerte der damalige Gartendirektor Adolf Engler lange, bevor er den Dahlemer Standort akzeptierte:

Lack: Dahlem war j. w. d. Das waren alles Felder. Und Engler hat befürchtet, dass damit die Verbindung zur Universität schwieriger werden würde, er hat sich sicher auch Gedanken um die Besucher gemacht. Und damals war Dahlem ein Tagesausflug.

Der Umzug nach Dahlem gestaltete sich schwierig. Viele Pflanzen mussten neu beschafft werden - aus anderen Gärten, von Baumschulen oder durch Forschungsreisen der Botaniker in alle Winkel der Welt. Die Gärtner versuchten, so viele Pflanzen wie möglich umzusetzen.

Lack: Das war zum Teil sehr aufwändig, da gibt's Berichte über nächtliche Ochsenfuhrwerke, die also meterlange Palmen über die großen Verkehrsachsen nach Dahlem gezogen haben.

Eine Besonderheit des Botanischen Gartens ist die so genannte "Pflanzengeografie”, das heißt: Ein sehr großes Gebiet wurde von den damaligen Gestaltern in viele kleine Areale unterteilt, die jeweils die Pflanzenwelt einer bestimmten Region repräsentieren. So zeigen kleine, mit Felsbrocken bestückte Hügel etwa Alpen, Balkan oder Himalaya und die jeweils typische Vegetation. Der Gartendirektor Albert Dieter Stevens erklärt:

Stevens: Wenn man im Eingang Königin-Louise-Platz rein kommt, findet man in dieser Pflanzengeografie z. B. als erstes den mitteldeutschen Wald. Also Buchenwald, dann geht es weiter in die Alpengebiete, wo dann die Vegetation aus den Kalkalpen, aus den Zentralalpen oder auch aus den Silikatalpen zu finden ist. Wir können dann weiter über den Balkan, über den Himalaya bis nach Nordamerika gehen und finden dann dort jeweils typische Vertreter aus diesen Gebieten. Das ist also unser Kern im Freiland.

Gartendirektor Engler wollte, wie er es formulierte, "die ganze Welt in einem Garten” präsentieren. Die große pflanzengeografische Anlage machte den Berliner Garten vor allem in Botanikerkreisen weltweit berühmt - stellen doch andere Botanische Gärten Pflanzen überwiegend ihrer Verwandtschaft entsprechend zusammen. Viele Besucher aber betrachteten eine weitere Besonderheit als größte Attraktion:

Lack: Die Highlights waren in den Gewächshäusern. Allein die Möglichkeit, diese Palmen auch frei stehend zu sehen, die Victoria zu sehen, das waren immer Dinge, die die Besucher angelockt haben.

Im Großen Tropenhaus empfängt feuchtschwüle Wärme die Besucher. Ein schmaler Bach plätschert durch üppiges Grün, das vom Boden bis zur Kuppel in 20 Metern Höhe reicht. Farne, Riesenbambus, Palmen, Kletterpflanzen und Lianen wuchern wild durcheinander. Den Boden bedecken Kräuter mit pinkfarbenen und roten Blüten.

In die fremdartige Dschungelatmosphäre einzutauchen empfanden viele Besucher als sensationell. Und so beschrieb der damalige Direktor in seinem "Führer durch die Gewächshäuser” den gewaltigen Ansturm jeden Sonntag, wenn sich offenbar Tausende Besucher hintereinander durch die Gewächshäuser schoben. Und er sorgte sich um die Gesundheit der Tropen unerfahrenen Gäste:

Die Gesamtanordnung ermöglicht es, die Wanderung durch die Häuser so zu legen, dass man mit den feuchtesten und heißesten Abteilungen beginnt und in den kühlsten Abteilungen dieselbe beschließt, um dann ohne Schaden für die Gesundheit ins Freie zu treten; während das Hinaustreten aus den heißen Häusern direkt in die oft 20 Grad kältere freie Luft vielen sofort eine Erkältung bringt.

Großes Aufsehen erregte auch die architektonische Gestaltung der Gewächshäuser.

Lack: Zum einen ist wirklich einmalig und noch nie vorher gemacht worden und meines Erachtens auch später nirgendwo wiederholt worden, diese ringförmige Anlage der Gewächshäuser. Das war ein Geniestreich des damaligen Architekten. Ihm die Möglichkeit zu bieten, ohne ins Freie zu müssen, einmal eine Riesenrunde zu machen, und da können Sie gut ne Stunde oder zwei Stunden unterwegs sein. Diese Gesamtanlage, das war sicher ein ganz großer Wurf. Und die zweite Sache war die Technik, also insbesondere die Statik. Denn mit frei tragenden Hallen dieser Größe hatte man eigentlich keine Erfahrung. Also das war wirklich eine Großleistung, und es ist bezeichnend, dass Engler als Direktor, Urban als Unterdirektor, laufend den Fortgang der Bauarbeiten anmahnen, weil offensichtlich die also erheblich im Verzug waren. Also ich wäre nicht überrascht, wenn denen auch das Ding eingeknickt wäre.

Nicht für jeden Besucher zugänglich, aber für Botaniker aus aller Welt von unschätzbarem Wert war das Herbarium des Dahlemer Gartens, das Archiv botanisch bestimmter getrockneter und gepresster Pflanzen.
Der Vize-Präsident des Verbandes der Botanischen Gärten Deutschlands, Professor Christoph Neinhuis, erklärt:

Christoph Neinhuis: Herbarien sind das Gedächtnis der Botanik, weil sie ja fast die gesamte Erde abdecken, und eine Zeitspanne abdecken, die zum Teil bis ins Mittelalter zurück geht, wenn wir an Kräutergärten und die dazu gehörigen Pflanzenbelege denken, die in Klöstern hinterlegt worden sind - diese alten Sachen sind eher die Ausnahme - aber wir haben sicherlich ne Tradition von 300, 400, 500 Jahren teilweise. Und damit haben wir ein Gedächtnis für das Vorkommen von Pflanzen, was es uns erlaubt, auch historische Veränderungen nachzuzeichnen, die die Welt gesehen hat. Verlust von Lebensräumen, Verlust von Arten. Wenn ne Sache ausgestorben ist, dann gibt es eben nur noch die Herbarien, wo wir sagen können: Das hat´s mal gegeben.

Bis zum Zweiten Weltkrieg gehörte das Berliner Herbarium zu den größten der Welt. Dann, nach einem Bombenangriff im Jahre 1943, brannten Herbarium und Bibliothek aus, und viele Freiland-Pflanzen verkohlten im prasselnden Feuer. Die Botaniker begannen von vorn. Das Herbarium allerdings ließ sich bis heute nicht vollständig ersetzen.

Neinhuis: Und was für uns besonders tragisch ist, Berlin war ganz reich an so genannten "Typusexemplaren”, also die Belege, auf die sich die Beschreibung einer Art begründete. Und die sind natürlich unwiederbringlich verloren. Viele Sachen sind nachgesammelt worden, aber das ist heute nur noch sehr eingeschränkt möglich, die Pflanzen existieren nicht mehr. Die Standorte existieren nicht mehr.

Langsam fällt die Dämmerung herein, und ein Glöckchen mahnt die Gäste, den Garten zu verlassen. Pro Jahr besuchen etwa 400.000 Menschen den Botanischen Garten Berlin und lassen sich für einige Stunden entführen in fremde Welten. Und so hat Adolf Englers wohl sein Ziel erreicht, das er vor knapp 100 Jahren in seinem Gartenführer so formulierte:

Wir wollen, da eine sinnige Betrachtung der Pflanzen wohl geeignet ist, in weiten Kreisen erquickend und anregend zu wirken, den botanischen Garten nach dieser Richtung hin zur Geltung bringen.

-> MerkMal
-> weitere Beiträge