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9.6.2004
Die Erfindung des "Es"
Georg Groddeck – Begründer der Psychosomatik
Von Kirstine Schwenger

Wenn Mediziner nicht weiter wissen - wenn Pillen und Diäten nicht helfen, dann schreiben sie gern eine Überweisung zum Psychotherapeuten, zum Seelendoktor. Offensichtlich sind sie der Meinung, dass wir neben unserem kranken Körper noch über eine ebenfalls kranke, aber vom Körper strikt getrennte - obwohl irgendwie doch mit ihm verbundene - Seele verfügen, für deren Behandlung sie sich nicht zuständig fühlen.

Körperlich, seelisch, was für Gewalt hat ein Wort? Man dachte sich einmal - vielleicht denkt mancher es noch- dass es einen menschlichen Körper gäbe, in dem, wie in einer Wohnung die Seele hause. Aber selbst, wenn man das annimmt, der Körper an sich erkrankt nicht - da er ja ohne Seele tot ist. Totes wird nicht krank, wird höchstens schadhaft. Nur Lebendiges erkrankt, und da kein Mensch daran zweifelt, dass nur lebendig genannt wird, was Körper und Seele zugleich ist - aber verzeihen Sie, das sind ja alles Dummheiten. Wir wollen nicht über Wörter zanken. Es kommt hier nur darauf an, dass ich verständlich ausdrücke, was ich meine. Für mich gibt es nur das Es. Wenn ich die Wörter Körper und Seele gebrauche, verstehe ich darunter Erscheinungsformen des Es, wenn Sie wollen: Funktionen des Es. Selbständige oder gar gegensätzliche Begriffe sind es für mich nicht.

Ein praktischer Arzt hat diese Sätze vor mehr als hundert Jahren geschrieben - einer, dem die körperliche Behandlung seiner Patienten so sehr am Herzen lag, dass er sie eigenhändig verband und massierte - und er sprang, wenn er es für richtig hielt sogar mit seinem ganzen Gewicht auf ihren Bauch, um Atmung und Durchblutung zu fördern.

Aber dieser Dr. Georg Groddeck legte nicht nur Hand an, er sah und hörte auch genau hin, dachte über das Gesehene und Gehörte gründlich nach und folgte dann bei der Behandlung der Patienten seinen spontanen Einfällen.
Er gilt heute als der Vater der Psychosomatik, und er ist - kaum jemand weiß es - auch der Erfinder des "Es", des psychoanalytischen Begriffs, von dem alle meinen, ein zehn Jahre älterer und sehr berühmter Kollege habe ihn geprägt.

I had to pay heavily for this bit of good luck. People did not believe in my facts and thought my theories unseaworthy. Resistance was strong and unrelenting. In the end I succeeded in aquiring plus points and winding up an International Psychoanalytic Association. But the struggle is not yet over. My name is Sigmund Freud.

Übersetzung: Ich zahlte einen hohen Preis für dieses bisschen Erfolg. Die Menschen glaubten nicht an meine Entdeckungen und hielten meine Theorien für unbrauchbar. Der Widerstand schien stark und nicht zu überwinden - aber letztlich gelang es mir doch, ein paar Pluspunkte zu sammeln und eine Internationale Psychoanalytische Gesellschaft ins Leben zu rufen.
Aber der Kampf ist noch nicht vorüber.
Mein Name ist Sigmund Freud.


Sigmund Freud, ein wenig älter und viel berühmter, von Groddeck bewundert und beneidet, bisweilen auch trotzig abgelehnt und dann wieder hofiert, hatte ein gespaltenes Verhältnis zu seinem deutschen Kollegen.
Er schätzte seine Originalität, aber er fand ihn widerspenstig und tadelte seinen Hang zur Eigenbrötelei. Einig waren sich die beiden eigentlich nur darin, dass Unbewusstes im Menschen am Werke sei, und dass dieses schwer zugängliche Unbewusste Auslöser von Krankheiten ist. In jahrelanger Erfahrung hatten sie erkannt, dass es möglich war, das Unbewusste anzusprechen und in Bewegung zu bringen, und sie hatten erlebt - manchmal wie ein Wunder - das die Krankheitssymptome verschwanden.

Groddeck war der erste, der die Psychoanalyse erfolgreich bei organisch Kranken anwandte - und nicht die Theorien Freuds hatten ihn auf diesen Weg gebracht, sondern die genaue Beobachtung seiner Patienten und seine Fähigkeit, das was er sah und hörte zum Auslöser für intuitive Gedankengänge zu machen. So war er im Laufe der Zeit immer mehr und mehr davon überzeugt, dass das Krankheitssymptom auch ein Symbol ist - ein Symbol für Angst oder einen Wunsch oder eine Blockade im Leben des Kranken. Eine Angst, die abgedrängt ins Unbewusste nur dort entdeckt, besänftigt und im besten Falle zum Verschwinden gebracht werden konnte - und mit ihr das Krankheitssymptom.

Mit der Entdeckung des Symbols hatte der 43-jährige Groddeck 1909 endlich seinen ganz eigenen Weg gefunden. Bis dahin hatte er sich störrisch und eigensinnig über die herrschende Medizin geärgert und sich immer wieder über ihre Regeln hinweggesetzt.

Nicht Ärzte hat man auf der Universität ausgebildet, sondern Gelehrte, nicht Künstler, sondern Wissenschaftler … das Halbwissen hat man großgezogen ... das Spezialistentum hat man gezüchtet. ... In wüstem Chaos drängen sich beim jungen Arzt die Kenntnisse durcheinander ... Wer unter den jungen Leuten kann den Kranken helfen? Keiner, sie haben es nicht gelernt.

In wenigen Worten ist das die Kritik, die Groddeck Zeit seines Lebens an der Medizin hatte. Glücklicherweise hat er zu Beginn seines Studiums in Berlin einen Lehrer gefunden, der ihm zusagte. Ernst Schweninger war der wissenschaftliche Außenseiter der Berliner Fakultät, aber er war auch der Leibarzt Bismarcks und der Modearzt der guten Gesellschaft in Berlin und Baden-Baden. Seine Medizin entsprach genau den Idealen des jungen Groddeck, der sich eng an de Lehrer anschloss und rasch zum Lieblingsschüler und Mitarbeiter Schweningers wurde.

Groddecks Dissertation aus dem Jahr 1889 ist geprägt von der Verteidigung dieser individualisierenden Medizin - aber beim genauen Lesen findet man schon in der Doktorarbeit des 24-jährigen einen Hinweis darauf, dass er sich nicht allein auf das verlassen wollte, was er von Schweninger gelernt hatte. Er war auf der Suche nach den fassbaren Gründen von Krankheiten - er wollte das "rätselhafte Ding" erkennen, das krank macht.

Nehmen wir an, wir hätten ein Mittel gegen die Psoriasis, wie das Chinin gegen das Wechselfieber. Was wäre damit geholfen? Den einzelnen Fall könnten wir vielleicht etwas rascher zur Heilung bringen. Den Rückfällen könnten wir aber auch mit dem besten Spezifikum nicht vorbeugen. Sie würden immer wiederkehren. Wir müssen den Kranken so heilen, dass er nie wieder Psoriasis bekommt. Das rätselhafte Ding, das wir in unserer Unwissenheit "Prädisposition" nennen, das müssen wir angreifen.

Zwanzig Jahre vergingen, bevor Groddeck den ersten kleinen Zipfel dieses "rätselhaften Dinges" zu fassen glaubte. Er hatte schon seit fast 10 Jahren sein eigenes kleines Sanatorium in Baden-Baden - da passierte im Jahr 1909 etwas, das er selbst immer wieder die große Wende seines Lebens nannte. Er bekam eine Patientin überwiesen, die von allen anderen Ärzten aufgegeben war, und er spürte von Anfang an, dass er diese Patientin intuitiv ganz anders behandelte als seine anderen Kranken. Er war sanfter und weniger suggestiv, und die positive Art, in der sie reagierte, veranlasste Groddeck dem Verhältnis von Arzt und Patient mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als er es bis dahin getan hatte.

Ohne Freuds Begriff von der Übertragung zu kennen, merkte er, dass Frau G. in ihm ihre Mutter sah, und dass es ihr gelungen war, ohne dass es ihm sogleich bewusst geworden war, ihn in die Rolle der Mutter zu drängen. Er sah auch, dass diese Übertragung von großer Wichtigkeit für die Heilung war, denn er spürte, je williger er in die Mutterrolle schlüpfte, umso erfolgreicher war seine Therapie. In einem seiner berühmten wöchentlichen Vorträge im Sanatorium beschreibt er später, was er durch diese Behandlung gelernt hatte.

Betrachtet man das Verhältnis zwischen dem Behandelten und dem Behandelnden näher, so stößt man zuerst auf den Gedanken, der Kranke will etwas von dem Behandelnden, er will Hilfe haben. Überlegt man das, so kommt man weiter zu der Frage: wann hat ein Mensch das Bedürfnis Hilfe zu bekommen? Es ist dann, wenn er sich nicht allein helfen kann, wenn er hilflos ist. Das ist er am meisten als Kind, als Säugling. Es ist wahrscheinlich, dass ein Kranker, mag ihm fehlen, was will, in dem Menschen, der ihn behandelt, Eigenschaften sucht, die die Personen hatten, die ihn zuerst gewartet und gepflegt haben. Damit ist die Person ohne weiteres gegeben, die im Arzt repräsentiert sein muss, das ist die Mutter.

Im Verlauf dieser schwierigen Therapie begann er auch die Bedeutung des Krankheitssymptoms als Symbol zu erkennen - eine Entdeckung, die ihn, wie er selbst immer wieder sagte, in einen Rausch versetzte. Endlich hatte er einen Schlüssel gefunden, der ihm Zugang verschaffte zu den verborgenen Ursprüngen der Leiden seiner Patienten. Er wusste damals noch nicht, dass Sigmund Freud ganz ähnliche Entdeckungen bei Geistesgestörten gemacht hatte, deren wirre Assoziationen und Ängste durch das Erkennen ihres Symbolgehalts einen Sinn bekamen und der Behandlung zugänglich wurden.

Georg Groddeck blieb zwar bis an sein Lebensende ein widersprüchlicher Geist, aber durch seine praktische Arbeit, seine unzähligen Vorträge und seine Bücher hat er doch das Fundament einer Theorie gelegt, die bis heute gültig ist. Grundpfeiler dieser Theorie der Psychosomatik sind das Symbol, das Symptom und das Es, das Es, das er lange vor Freud definierte, und das Freud wie selbstverständlich und ohne Groddecks Urheberschaft zu erwähnen, in seine eigenen Theorien einbaute. Groddecks "Buch vom Es" und Freuds "Das Ich und das Es" erschienen 1923 im gleichen Verlag.

Was habe ich Armer mit Wissenschaft zu tun? Das Bisschen, was man als praktischer Arzt nötig hat, kann ich Ihnen doch nicht vorführen, sonst sehen Sie, wie löcherig das Hemd ist, das unsereiner unter dem Staatsgewande der Approbation als Arzt trägt.
Wenn sie belehrt sein wollen, würde ich Ihnen raten, eines von den Lehrbüchern zur Hand zu nehmen, wie sie an Universitäten üblich sind.
Für meine Briefe gebe ich Ihnen hiermit den Schlüssel: Was vernünftig oder nur ein wenig seltsam klingt, stammt von Prof. Freud aus Wien und seinen Mitarbeitern - was ganz verrückt ist, beanspruche ich als mein geistiges Eigentum.


Groddeck gilt heute zwar als der Begründer der Psychosomatik, der als erster das theoretische Gerüst für die ganzheitliche Behandlung von Krankheiten aufgestellt hat - aber das wäre ihm schon viel zu anspruchsvoll. Er hat immer gesagt, dass er nichts tue, als was ein guter Hausarzt schon immer getan habe - nämlich Seele und Körper des Kranken zu beachten und zu befragen, und

Wer daraus den Schluss zieht, dass ich einen Menschen, der sich das Bein gebrochen hat, psychisch behandle, der hat ganz recht, nur freilich richte ich den Bruch erst ein und verbinde ihn. Aber dann - nun ja, dann massiere ich ihn, mache Übungen mit ihm lasse das Bein eine halbe Stunde lang täglich in 45 Grad warmen Wassers baden, sorge dafür, dass er weder frisst noch säuft, und gelegentlich frage ich ihn: Warum hast du dir das Bein gebrochen, du dir?

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