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10.6.2004
Fußballbücher für Anspruchsvolle
Von Thomas Jaedicke

Torhüter (Bild: AP)
Torhüter (Bild: AP)
In diesen Tagen steigt das Fußballfieber. Am Wochenende beginnt in Portugal die Endrunde der Fußball-Europameisterschaft. Millionen werden wieder vor den Fernsehern sitzen - Arbeiter genauso wie Professoren oder Politiker. Früher galt es in intellektuellen Kreisen als anrüchig, sich für Fußball zu interessieren. Doch diese Zeit ist vorbei. Dies sieht man auch auf dem Büchermarkt. Da gibt es nicht nur die klassischen Fan-Fibeln, sondern mehr und mehr auch feuilletonistisch geschriebene Fußballbücher und ernsthafte geschichtswissenschaftliche Studien zum Thema Fußball. Thomas Jaedicke hat sich 3 dieser "neuen Fußballbücher" angesehen .

Rückblick auf das Weltmeisterschaftsfinale 2002. Soeben ist Brasilien durch einen Ball, den der deutsche Torhüter Oliver Kahn nicht festhalten konnte, in Führung gegangen. Auch zwei Jahre später echauffiert sich Klaus Theweleit in der Berliner Volksbühne beim erneuten Studium des Treffers per Videoanalyse noch immer. Denn eigentlich sei Mittelfeldspieler Hamann oder, besser noch, der glatzköpfige Schiri Collina aus Italien, weil er Hamann im Wege stand, Schuld am deutschen Fußball-Unglück gewesen.

Pop-Professor Theweleit trägt Schwarz. Der Mann mit der schütter gewordenen Philosophenmähne stellt sein neues Buch "Tor zur Welt - Fußball als Realitätsmodell" vor. Das runde Spielgerät hat den Autor der 1977 erschienenen "Männerphantasien" von Kindesbeinen an in Atem gehalten. Schon im nordfriesischen Husum köpfte der kleine Klaus eine kleine Gummipille - trotz eindringlicher elterlicher Warnungen, dadurch der Gehirnzellen verlustig zu gehen -, mangels Spielpartnern oft allein und exzessiv gegen Hauswände. Immer auf der Jagd nach Rekorden und neuem Material für die Statistik. Theweleit, Jahrgang 42, erzählt, wie er daheim am Radio hing, Mannschaftsnamen wie Kickers Offenbach oder FK Pirmasens, Ergebnisse und Tabellen in sich aufnahm und auswendig lernte. Bei schlechtem Wetter würfelte er zuhause die Meisterschaftsserien von vier Oberligen der Nachkriegsrepublik aus, notierte Ergebnisse akribisch im Rechenheft, stellte Tabellen auf. Doch sobald die Sonne wieder schien, hatten Klaus Theweleit und die anderen Jungs in den frühen 50er Jahren sofort wieder den Ball am Fuß.

"Den ganzen Tag. Immer, wenn´s ging, auf der Straße. Die Eltern aber was ganz anderes machten; die ältere Generation, nämlich Wiederaufbau, schuften, Essen beibringen, Schrebergarten bestellen, für Klamotten sorgen und möglichst alle Deckel halten auf allen Nazi-Geschichten. Die waren damit derartig befasst; die hatten gar keine Zeit, an Fußball zu denken. Fußball war so eine Zusatzbutter aufs Brot."

Für Klaus Theweleit, der jetzt in der Volksbühne sein Buch signiert, gehört Vizeweltmeister-Deutschland immer noch zur fußballerischen Weltspitze. Auch wenn das zuletzt, wie beim 0:2 gegen Ungarn im letzten EM-Test, nicht immer so ausgesehen habe. Doch wie beim Würfeln hingen Titel und Ergebnisse auch im Fußball oft von kleinen Zufällen ab. Trotz aller Macht des Glücks hat der 62jährige zuletzt diagnostiziert, dass in Frankreich, Spanien oder England einfach mit moderneren Systemen Fußball gespielt wird. Während man in Deutschland, auch in der Nationalelf, immer noch mit dem längst überholten langen Pass arbeite, werde der Ball z.B. beim englischen Meister Arsenal London über ein verwirrend schnell vorgetragenes Kurzpass-Spiel in den gegnerischen Strafraum gerastert. In Deutschland sei man dagegen in der Entwicklung mehr oder weniger im Jahr 1954 steckengeblieben, als das DFB-Team bei seiner WM-Nachkriegspremiere die favorisierten Ungarn schlug und auf Anhieb erstmals Weltmeister wurde.

"Ja, wir waren Weltmeister geworden. Wir Jugendlichen, wir 14-jährigen Straßenkicker, weil das unsere ureigenste Tätigkeit war. Und dann wurden die deutschen Fußballspieler Weltmeister. Gut. Das war das einzige Mal, wo ich wirklich aus Beteiligung gesagt hab: Wir! Wir sind Weltmeister geworden, aber wir kickenden Jungs."

Klaus Theweleit schildert mit viel Sprachwitz, wie er aus seiner kindlichen Fußball-Besessenheit ein geradezu wissenschaftlich fundiertes Ordnungssystem entwickelt, mit dem er sich zunächst im verwüsteten Nachkriegsdeutschland und schließlich auch im späteren Leben zurecht finden kann. Im zweiten Teil analysiert er treffend den fußballerischen Entwicklungsstillstand in Deutschland und stellt dem beklagten hausgemachten Notstand modern entwickelte, internationale Spielsysteme gegenüber.

Klaus Theweleit: Tor zur Welt - Fußball als Realitätsmodell. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch.


"So wie Zimmermann am Schluss jubelt, heult Szepesi am Schluss. Also man hört es. Er spricht und spricht und spricht. Und man spürt es an seiner tränenerstickten Stimme, und er sagt es: Meine Damen und Herren, mir fließen die Tränen runter."

Peter Kasza, Jahrgang 1973, analysiert in seinem Buch "Das Wunder von Bern" das Finale der 54er Weltmeisterschaft vor allem auch aus der Sicht der unterlegenen Ungarn. Der in München geborene Sohn eines Exil-Ungarn interviewte unter anderen György Szepesi. Neben seinem deutschen Reporterkollegen Herbert Zimmermann kommentierte der heute 87jähige Szepesi das Endspiel für den ungarischen Rundfunk.

"Nach dem Siegtor von Rahn schießt Puskás noch ein Tor. Szepesi braucht sehr viel länger, bis er merkt, dass der Linienrichter die Fahne gehoben hat, sehr viel länger als Zimmermann braucht. Danach braucht er ´ne gewisse Zeit, aber er sagt dann, wir gratulieren den Deutschen. Sie haben hervorragend gespielt. Und er sagt diesen Satz, den er - glaube ich -, geistig umnächtigt gesagt hat: Es ist nur ein Fußballspiel. Wir haben nur ein Fußballspiel verloren. Das war natürlich viel mehr als ein Fußballspiel."

Unmittelbar nach der Niederlage der hochfavorisierten Ungarn gibt es in der ungarischen Hauptstadt Budapest erste Ausschreitungen. Die Menschen im stalinistisch regierten Satellitenstaat der Sowjetunion wollen ihre Wut und Enttäuschung nicht mehr unterdrücken. So wie der unerwartete Weltmeistertitel das Selbstbewusstsein der deutschen Kriegsverlierer aufwertete, schildert Peter Kasza die ungarische Niederlage als traumatisches Vorspiel für den ungarischen Volksaufstand von 1956.

"Die ungarische Geschichte ist eine Geschichte der Niederlagen. In der ungarischen Nationalhymne heißt es, für die Vergangenheit und die Zukunft hat dieses Volk schon gesühnt. Das ist dieser Weltschmerz, den die Ungarn haben. Und die haben wirklich immer auf die Fresse gekriegt. Also von den Türken, den Habsburgern; im Ersten Weltkrieg haben sie sich für die falsche Seite entschieden. Im Zweiten Weltkrieg sah es eigentlich ganz gut aus, aber dann haben sie sich auch für die falsche Seite entschieden. Nach dem Krieg kamen dann die Kommunisten
und jetzt wollten sie wenigstens einmal im Fußball gewinnen und selbst das hat dann nicht geklappt."


Peter Kasza benutzt das 54er Endspiel als roten Faden, um die deutsche und ungarische Nachkriegsgeschichte, die gesellschaftliche Entwicklung in unterschiedlichen politischen Systemen gegenüberzustellen. Spannend für deutsche Leser, die das "Wunder von Bern" vor Augen haben, ist vor allem die Schilderung des Ereignisses und seiner Folgen aus der ungarischen Sicht.

Peter Kasza: Fußball spielt Geschichte - Das Wunder von Bern. Erschienen im be.bra-Verlag.


Dass überhaupt Fußball-Weltmeisterschaften ausgespielt werden, ist dem 1904 in Paris gegründeten Weltfußballverband FIFA zu verdanken. Bis zum ersten Welt-Turnier, 1930 in Uruguay, vergingen dennoch immerhin 26 Jahre. Die Historikerin Christiane Eisenberg, Mitautorin der reich bebilderten Dokumentation "FIFA 1904-2004 - 100 Jahre Weltfußball", nennt Gründe, warum die europäischen Fußballverbände kniffen und selbst der erste Veranstalter Uruguay lange um das Turnier zittern musste, bevor genügend Mannschaften zusagten und die beschwerliche Schiffspassage nach Südamerika auf sich nahmen.

"Die Fußballverbände in den einzelnen Staaten sind ja zum Teil erst zur selben Zeit entstanden wie die FIFA selber. Die waren eher noch amateurhafter organisiert. Und es fehlte schlicht an Geld, es fehlte an Logistik, es fehlte an Kommunikationsmöglichkeiten. Wenn in 1930 nicht die Uruguayer sich als Veranstalter angeboten hätten und auch die Reisekosten für die teilnehmenden Mannschaften aus Europa mit bezahlt hätten, dann wäre auch 1930 noch kein internationales Turnier auf Weltebene zustande gekommen."

Das zweite WM-Turnier fand 1934 in Italien statt. Die Gastgeber gewannen unter den Augen des faschistischen Diktators Mussolini den Titel. Doch die Auswirkungen des Krieges unterbrachen die Entwicklung des europäischen Fußballs und leiteten nach Christiane Eisenbergs Ansicht einen Umbruch ein.

"Und nach dem Zweiten Weltkrieg hat es eine Kräfteverschiebung im internationalen Fußball gegeben, die dadurch zustande kam, dass die südamerikanischen Staaten in ihrem Zivilleben in der Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht beeinträchtigt gewesen waren; und auch ihre Fußballtechniken, ihre Spielweise weiter verbessern konnten. Und sie waren den Europäern nach 1945 erst Mal haushoch überlegen."


Das Buch über die FIFA-Geschichte ist von renommierten Historikern im Auftrag des Weltfußballverbandes verfasst worden - eine umfassende, in Teilen auch kritische Dokumentation zum Jahrhundertjubiläum. Interessant ist auch die Fülle bisher unveröffentlichter Fotos.

FIFA 1904-2004 - 100 Jahre Weltfußball. Erschienen im Verlag "Die Werkstatt"

Bücher wie die drei vorgestellten sind ein Beleg dafür, wie sehr der Fußballsport inzwischen als gesellschaftliches Phänomen ernst genommen wird. Verbands- und Vereinsjubiläen wie 100 Jahre FIFA, 100 Jahre DFB oder 100 Jahre Schalke sind nicht nur Anlässe, um die Fans mit schönen Jubelbüchern zu bedienen. Vereine und Verbände beauftragen Historiker mit geschichtswissenschaftlichen Forschungen. Und wenn ein Verband wie der DFB Schwierigkeiten damit hat, dass seine Geschichte im Dritten Reich erforscht wird, dann wird dies als sport- und gesellschaftspolitisches Problem wahrgenommen. Fußball ist eben mehr als nur der Versuch, das Runde ins Eckige zu kriegen.
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