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14.6.2004
600 Jahre Bremer Roland
Von Günter Beyer

Bremer Roland (Bild: AP Archiv)
Bremer Roland (Bild: AP Archiv)
In Bremen ist in diesem Jahr viel gefeiert worden. Werder Bremen entzückte zigtausende Bremer durch vorzüglichen Fußball, durch den Gewinn der Meisterschaft und schließlich des Pokals. In diesen Tagen wird in Bremen wieder gefeiert - aber im Mittelpunkt steht ausnahmsweise nicht der Fußballtrainer Schaaf, sondern der Bremer Roland. Der steht seit 600 Jahren vor dem Rathaus und ist ein Wahrzeichen der Hansestadt. Allerdings haben nicht nur die Bremer ihren Roland, auch andere nord- und mitteldeutsche Städte haben seit dem 14. Jahrhundert Rolandsäulen aufgestellt.

Rolandlied: Der Roland zu Bremen
steht lange schon hier,
schon seit dem Jahre 1404.
Mit Schild und mit Schwert
hält treu er die Wacht
was gut uns und wert.


Da steht er stocksteif vor dem Rathaus, der Bremer Roland. Ein langhaariger, lockiger Riese, aus Stein geschlagen, mit Schild, geschultertem Schwert und spitzen Knielingen. Sphinxhaft lächelnd schaut er über den Marktplatz in Richtung Dom, überblickt mit seinem Gardemaß von 5,55 Metern mühelos die Tische der Cafés und die Straßenbahnen, die sich zwischen ihm und dem Rathaus hindurchzwängen. Ein schöner Platz für einen Stadtpatron! Und das bereits seit 600 Jahren!

Dass der Roland 1404 errichtet wurde, weiß man erst seit 1822. Damals nämlich wurde im so genannten "Silberdienerzimmer" des Rathauses ein Rechnungsbuch gefunden. Darin stand - in hochdeutscher Übertragung des niederdeutschen Originals:

Als nach Christi Geburt vierzehn hundert und vier Jahre verstrichen waren, ließ der Rat zu Bremen Roland aus Stein bauen. Der kostete einhundertsiebzig Bremer Mark, die Klaus Seilschläger und Jakob Olde dem Rat in Rechnung stellten.

Der steinerne Roland hat wahrscheinlich einen Vorgänger aus Holz ersetzt, der im Jahre 1366 von Knechten des Bremer Erzbischofs umgestürzt und verbrannt worden sein soll. Das vierzehnte Jahrhundert war eine Zeit erbitterter Fehden zwischen den Erzbischöfen als Stadtherren und dem bürgerlichen Rat, in dem die Kaufleute das Sagen hatten. Sie kämpften für Handelsfreiheiten und Selbstbestimmung. Für Henning Scherf, Bremens derzeitigen Bürgermeister, ist der Roland bis heute der Bürger-Roland, der Gegenspieler des Bischofs.

Henning Scherf: Der guckt ihn richtig an, so, als wenn er sagt: "Erzbischof, hier ist Deine Grenze. Hier begegnest Du der freien Hansestadt, und da ist unser Recht, unsere Regeln sind da grundlegend und nicht Deine!

So eindeutig die Errichtung des steinernen Roland 1404 belegt ist - was er eigentlich bedeutet, ist umstritten. Abenteuerliche Theorien wurden aufgestellt und wieder verworfen. Roland trage die Züge des damals regierenden Bürgermeisters Johann Hemeling, der sich damit ein Denkmal habe setzen wollen, wurde behauptet. Andere Forscher waren überzeugt, die Bildsäule sei ein Kaiserporträt und stelle Otto I. dar, dem die Stadt im zehnten Jahrhundert Marktprivilegien verdankte. Im 19. Jahrhundert blühten Theorien, wonach der Name Roland sich von "rode-land", also dem gerodeten Land einer Kolonistensiedlung, oder "roth-land", dem blutgeröteten Boden einer Gerichtsstätte ableite. Plausibler sei eine Herleitung von dem historisch belegten Roland, dem Markgraf der Bretagne, meint die Romanistin Beate Weifenbach.

Beate Weifenbach: Roland ist der tapferste Krieger Karls des Großen, er ist Neffe Karls des Großen, also Sohn der Schwester, und hat ein ganz besonderes Schwert, das Schwert Durendal. Mit diesem Schwert kann er Heiden besiegen, das hat er auch gemacht.

In seinem letzten Gefecht scheiterte Karls Paladin durch Verrat der christlichen Basken in den Pyrenäen. Nach seinem dramatischen Tod entstand im französischen Sprachraum eine Legende, das Rolandslied.

Weifenbach: In Wahrheit haben wir nur einen sehr kurzen Bericht, der als historisch anzusehen ist, nämlich den von Einhard. Dort wird beschrieben, dass die Nachhut, die von Roland angeführt wurde, im Jahre 778 von den Basken niedergemetzelt wurde in einem Tal, das einen strategischen Nachteil für die Franken darstellte. und dass die Franken erlegen waren, weil sie zu schweres Gepäck bei sich hatten. Das ist der historische Hintergrund.

Im Rolandslied stirbt der Held übrigens nicht durch einen gegnerischen Schwerthieb, sondern durch allzu intensives Blasen mit seinem Signalhorn Olifant, mit dem er - viel zu spät - Verstärkung herbeiblasen wollte:

Den Olifant nimmt Roland an den Mund,
setzt ihn gut an und bläst mit großer Kraft (...)
Aus seinem Munde springt ihm klares Blut,
und an der Schläfe bricht die Ader auf.
Da fühlt Roland, dass nah ihm ist der Tod,
durch seine Ohren quillt ihm das Gehirn.


Nach Deutschland gelangt das Rolandslied um 1170 und findet rasche Verbreitung. Es ist die hohe Zeit der Kreuzzüge, und Roland wird zum christlichen Märtyrer umgedeutet, der gegen die Muslime gefallen ist.

Ein genauer Blick auf Rolands Bauch verrät: Klaus Seilschläger und Jakob Olde, die beiden Roland-Erbauer von 1404, müssen bei ihrer Arbeit an das Rolandslied gedacht haben. Denn Roland trägt einen Gürtel mit Schnalle. Darauf ist ein Laute spielender Engel abgebildet. Auch Rosenknospen sind zu sehen
Das sind recht deutliche Hinweise, meint Jürgen Fitschen, Direktor des Gerhard Marcks Hauses, einem Museum für Bildhauerei.

Jürgen Fitschen: All diese kleinen Symbole verweisen auf die Märtyrerschaft Rolands. Es ist so, dass er im Dienste Karls des Großen, also eines Heiligen, gestorben ist. Das bedeutet, dass er fast selbst heilig-gleich ist, sich inzwischen im Paradies befindet, und darauf beziehen sich solche Engel-Darstellungen und Rosen-Darstellungen: Märtyrerschaft.

Und noch ein Indiz: Über dem Recken wölbt sich ein steinerner Baldachin, ein Stück vom Himmel. Das ist kein Regenschirm, um Rolands Haupt vor schlechtem Wetter zu schützen. So werden traditionell Heiligenfiguren dargestellt.

Die meisten Bremer wären sicherlich entsetzt, wüssten sie, dass ihr Stadtpatron deutliche Züge eines Heiligen aufweist. Sie fassen Roland ganz weltlich auf, als ritterlichen Träger einer politischen Botschaft. Und die steht klipp und klar auf Rolands Schild, in Frakturbuchstaben um einen Doppeladler herum:

Vryheit do ik ju openbar / de Karl und mennich vorst forwar / desser stede ghegheven hat / des danket gode / is min radt.

Das heißt auf hochdeutsch:

Freiheit tu ich euch kund / die Karl und mancher Fürst gewiß / dieser Stätte gegeben hat / dafür Gott zu danken / rate ich euch!

Aber welche Freiheit meint Roland?

Dietlinde Munzel-Everling: Ich denke, er meint die städtische Freiheit. Die städtische Freiheit, die ja auch in der prosperierenden Kaufmannstadt, die Bremen war, einfach verlangt wurde. Der Rat wurde selbstbewusst, man wollte frei sein von der Bevormundung durch den Erzbischof. Und man musste diese Freiheit natürlich begründen aus der Vergangenheit heraus.

Die Rechtshistorikerin Dietlinde Munzel-Everling weiß natürlich auch, dass Roland lügt! Niemals hat Bremen irgendwelche "Vryheiten" von Karl dem Großen erhalten, wie die Schildumschrift glauben machen will. Karl der Große gründete zwar 787 ein Bistum an der Unterweser, aber keine Stadt Bremen. Der Potsdamer Rolandforscher Dieter Pötschke folgert:

Dieter Pötschke: Wenn man so will, kann man sagen, dass in Bremen der Roland eigentlich immer ein Zeichen einer beanspruchten, aber nie erhaltenen Reichsunmittelbarkeit war, und die Bremer waren ja Weltmeister in solchen - modern gesprochen - Fälschungen oder Unterschiebungen oder Ergänzungen.

Gleichwohl wird für Dieter Pötschke der Bremer Roland zum Beispiel machenden Rechtssymbol.

Pötschke: Die Bremer Schildumschrift ist der Ausgangspunkt für die Bremer Rolandfamilie.

Nach Bremer Vorbild breiten sich im 15. Jahrhundert ikonografisch vergleichbare Roland-Statuen vor allem in Mitteldeutschland aus. Unter anderem schmücken sich die Städte Nordhausen, Halberstadt, Zerbst, Quedlinburg und Brandenburg mit einem Roland. Am Roland entzünden sich die Geister, die Statuen werden zu Streitobjekten zwischen Stadtherren und Bürgern.

Pötschke: "Nehmen wir Quedlinburg, Ende 15. Jahrhundert. Dort wird von den Knechten, von dem Heer, von den Brüdern, der Äbtissin, die in die Stadt stürmen, die Stadt wird genommen, der Roland wird gestürzt, als Zeichen dessen, dass die Stadt nun keine - modern gesprochen - Autonomie mehr besitzt. Zweites Beispiel: In Halle dringt der Erzbischof in die Stadt ein, unterwirft die Stadt, zäunt den Roland ein und verbietet den Rolandtanz. Das sind Belege dafür, dass aus der Sicht des Landesherrn der Roland als Symbol der Selbstständigkeit der Stadt gesehen wird.

Die Bremer hatten den Roland keineswegs erfunden. In Hamburg etwa gab es bereits 1342 eine Rolandsäule, die nur wenige Jahrzehnte Bestand hatte. Auch Berlin besaß ab etwa 1385 seinen Roland. Hartmut Müller, pensionierter Direktor des Bremer Staatsarchivs, vergleicht das Schicksal des alten Bremer Holzrolands mit dem nur wenige Jahre jüngeren Berliner Roland, der einst im Nicolaiviertel gestanden hatte.

Hartmut Müller: Beide Rolande werden durch ihre jeweiligen Landesherren zerstört im 14. Jahrhundert. Und nun kommt der Unterschied: Die Bremer bauen ihren neuen Roland 1404 auf dem Markt wieder auf, die Berliner, die ihren auf dem Molkenmarkt stehen hatten, können dies nicht tun. Sie verlieren im 15. Jahrhundert ihre städtischen Freiheiten an den Landesherrn, an die Hohenzollern, und während Bremen den Weg zur freien Reichsstadt geht, geht Berlin den Weg zur Residenz Brandenburgs und später Preußens.

Im Laufe seines 600 Jahre währenden stummen Auftritts auf dem Marktplatz ist der Bremer Roland immer wieder instrumentalisiert worden. Im 19. Jahrhundert entdeckten Dichter das angebliche Deutschtum des Recken. Friedrich Rückert sah ihn als Partisanen im Kampf gegen die Franzosen, die "Wälschen".

Roland, der Ries´am
Rathhaus zu Bremen,
Wollten ihn Wälsche
Werfen in Nacht. ..

Roland, der Ries´am
Rathhaus zu Bremen,
Ende ward wälschem
Wesen gemacht.


Wilhelm Hauff setzte ihn in seinen "Phantasien aus dem Bremer Ratskeller" gegen die Türken in Marsch. Die Nationalsozialisten reklamierten ihn als einen der Ihren und versenkten 1938 bei einer Restaurierung eine Kassette mit NS-Propaganda in seinem Bauch. Sie wurde erst 1989 entdeckt und Roland "entnazifiziert".

Den Roland ficht das alles nicht an. Stocksteif steht er auf seinem Posten. Bei Weihnachtsmärkten und Stadtfesten umnebeln ihn Grogschwaden. Als Werder Bremen auf dem Marktplatz seine Fußballmeisterschaft feierte, schaute Roland wie ein Leuchtturm aus einem Meer wogender grünweißer Flaggen, umtost von jubelnden Fans. Die Popularität des Methusalem sei ungebrochen, versichert Bürgermeister Henning Scherf:

Scherf: Ich war als kleiner Junge schon stolz auf diesen Roland, und hab das mein ganzes Leben lang draußen und drinnen lustvoll erzählt, wie diese Stadt um diese Symbolfigur herum sich wieder neu sortiert hat, immer wieder neu aufgestellt hat, aber wir waren uns immer einig: Der gehört in die Mitte, der ist einer von uns.

Roland mit den spitzen Knee
segg mal, deiht di dat nich weh?
Denkst du zurück an jene Zeit
wo du gesehn viel Freud und Leid?
600 Jahre stehst du nun schon
hier auf steinernem Thron.



Literatur:
Rudolf Besthorn (Hg.), "Das Rolandslied" (La Chanson de Roland). Leipzig 1.Aufl. 1972 (Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung

Friedrich Rückert, "Lied vom Roland zu Bremen" 1816, in: "Denkmale Bremischer Geschichte und Kunst", I. Abtlg 1862
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