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18.6.2004
Wo die Christianisierung Deutschlands begann
Geschichte Hessens
Von Kim Kindermann

Hessen gehört zu den Bundesländern, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden. Dabei haben die Hessen durchaus eine alte Geschichte, die zurück reicht in die Zeit, als der irische Missionar Winfried Bonifatius die Deutschen missionierte. Im hessischen Fulda errichtete Bonifatius seinen ersten Bischofssitz.

Unsere Stadt Frankfurt hat die Nachricht, dass sie zur Bundeshauptstadt gewählt wurde, keineswegs mit dem Gefühl irgendeines Triumphes gegenüber anderen Städten, die gleichfalls zur Wahl stehend, aufgenommen - sie gibt vielmehr ihrer Freude Ausdruck, dass der Parlamentarische Rat in Bonn nach rein praktischen und sachlichen Gesichtspunkten entschieden und damit dem Wunsche des größten Teiles der deutschen Bürger der Westzonen entsprochen hat.

Der Dank des Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb kam einen Tag zur früh. Denn am 10. Mai 1949 entschied man sich für Bonn als Hauptstadt, wie Konrad Adenauer höchstpersönlich bekannt gab.

Bitte, dass die Zuhörer jedes Zeichen des Missfalls und des Beifalls unterlassen. Das Ergebnis der Abstimmung ist folgendes: es waren abgegeben 63 Stimmzettel, davon war einer unbeschrieben also ungültig. Es haben erhalten Bonn 33 Frankfurt 29. Applaus und Tumult.

Die Hessen hatten sich zu früh gefreut. Und grämten sich lange über diese Ungerechtigkeit. Hinter vorgehaltener Hand hieß es noch bis in die 80er Jahre: Das verschlafene Städtchen Bonn sei nur deshalb westdeutsche Hauptstadt geworden, weil Adenauer nicht weit zum Amtssitz anreisen wollte. Anders ließe sich die Entscheidung nicht erklären. Zumal auch die Historie eindeutig - zumindest aus hessischer Sicht - für Frankfurt sprach: Tagte die Deutsche Nationalversammlung, das erste Parlament, das aus allgemeinen Wahlen aller deutschen Stämme hervorgegangen war, 1848 doch in der Frankfurter Paulskirche.

1848 ist Frankfurt natürlich sozusagen zur Hauptstadt Deutschlands geworden - durch den Deutschen Bund 1815, weil der Sitz des deutschen Bundestages in Frankfurt war, nun aber vor allem die Paulskirche in der Revolution.

Winfried Speitkamp, Professor für Geschichte an der Universität Gießen.

Frankfurt wurde zum Zentrum der parlamentarischen Revolution, zum Zentrum von Straßenkämpfen. Also, hier bündelte sich die Revolution neben Berlin und Wien und da hat Frankfurt noch mal ein, wenn auch strittiges Selbstvertrauen draus geschöpft.

Frankfurt als Wiege der Demokratie in Deutschland: das war 1949 eher ein Hindernis bei der Wahl des Regierungssitzes. Denn der sollte nur ein Provisorium bis zur Wiedervereinigung sein, Frankfurt aber wäre zu bedeutend gewesen, um als Provisorium in Frage zu kommen.

Reportage über den Frankfurter Flughafen: Flughafen Rhein Main an der Autobahn nach Darmstadt. Hier pocht Frankfurts Herz am lautesten. In Abständen von nur wenigen Minuten starten und landen die Maschinen aus Holland, Amerika und England. Hier vom Luftbrückenpfeiler der heimlichen Hautstadt Bizoniens fliegen die Versorgungsflugzeuge zur Hauptstadt Berlin. Tag und Nacht.

Autorin: Der Frankfurter Flughafen in einer Reportage von 1945. Mitten in Deutschland. Dreh- und Angelpunkt für Verkehr und Handel. Hessen.

Hessen in der Mitte Deutschlands war vor allem für Hessen interessant: für hessische Politiker kann man einen gewissen Mythos feststellen, dass Hessen ein Kernland ist. Kernland der Reformation, des Verkehrs, der Wirtschaft als Durchgangsland, als Treffpunkt für verschiedene Kulturen hat Hessen doch schon lange eine Rolle gespielt.

Hessen war daher schon immer begehrt von den Mächtigen - den weltlichen wie den geistigen Herrschern. Als Land wurde es offiziell aber erst am 19. September 1945 gegründet.

Proklamation Nr. 2: An das deutsche Volk in der amerikanischen Zone: Ich, General Dwight D. Eisenhower, Oberster Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa, erlasse hiermit folgende Proklamation: Innerhalb der amerikanischen Besatzungszone werden hiermit Verwaltungsgebiete gebildet, die von jetzt an als Staaten bezeichnet werden: Jeder Staat wird eine Staatsregierung haben. Die folgenden Staaten werden gebildet: Groß-Hessen. Württemberg-Baden. Bayern.

Groß-Hessen, das später nur noch Hessen genannt wird, umfasste die Gebiete von Hessen-Nassau und dem Volksstaat Hessen, ehemals Hessen-Darmstadt. Die beiden Länder hatten stets darum gestritten, welches das echte, das wahre Hessen sei.

Die Geschichte Hessens ist eine Geschichte des Teilens, des Zusammenfügens und des erneuten Teilens. Was gestern noch einig Vaterland war, ist morgen schon Feindesland.

Die Urväter der Hessen sind die germanischen Chatten. Ein kleines kämpferisches Volk, das seinen Versammlungsort im Thingfeld zwischen Fritzlar und Gudensberg hatte und dort selbst Cäsar das Fürchten lehrte. Zweimal marschierte Cäsar mit seinen Legionen über den Rhein. Beide Male machte er kehrt. Später verdrängen die Römer zwar die Chatten aus der Taunusebene, aber nach der verlorenen Varus-Schlacht ziehen sie sich hinter einen Schutzwall mit Pfahlgraben zurück, der sich quer durch das heutige Hessen zieht.

Speitkamp: Der Limes ist zunächst mal Grenze zwischen den römischen und den nicht eroberten Gebieten, ist noch sichtbar in manchen Gebieten, Saalburg z. B. Er ist dann natürlich auch Kulturgrenze interpretiert worden, dass dort Zivilisation gegen Barbarei gestanden hätte oder umgekehrt, dass die Nation in ihren Vorfahren sich verteidigt hätte gegen die vorrückenden Römer und hier das Römische Reich zum Halten gebracht hätten.

Kaum steht der Limes, beginnen die Römer mit dem Anlegen von Straßen: Der Warenhandel soll ins Rollen kommen. Viele der großen Durchgangs- und Handelsstraßen entstehen so: von Mainz nach Paderborn, Göttingen, Hannover. Vieh, Wein, Weizen und vor allem Waffen rollen durch das Land der "Hessi", wie die Bewohner erstmals um 650 genannt werden:

Tief sitzt der Glaube an die Beseeltheit der Natur in diesen Menschen. Sie glauben an heilige Quellen, Haine und Bäume. Und sie bringen Menschenopfer: Zur Sicherung von Häusern, Brückenpfeilern und Stadtmauern mauern sie lebende Menschen mit ein.

Diesen Ungläubigen will der Angelsachse Winfried aus Wessex, der später als Bischof Bonifatius heißt, das Christentum näher bringen: Geschockt vom tiefsitzenden Heidentum erbittet er vom Papst den Missionsauftrag für Hessen und Thüringen.

Um ein Zeichen gegen den heidnischen Glauben zu setzen, beschließt Bonifatius im Herbst 723, die als heilig verehrte Donareiche bei Fritzlar zu fällen. Aus ihrem Holz lässt er an Ort und Stelle eine Kirche bauen. Seine Liebe aber gehört dem Kloster Fulda, in dem er später - auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin - auch beigesetzt wird.

Speitkamp: Ironisch könnte man sagen, dass er in einer Art Hesse ist, auch wenn er natürlich originär kein Hesse ist. Aber Hesse ist, was die Hessen zu Hessen erklären. Also, er gehört zur Tradition Hessens ganz stark dazu: in der katholischen kirchlichen Tradition wird daran erinnert und es spielt große Rolle in der hessischen Identität als Kulturgröße, die für Hessens kulturelle Größe spricht.

Wirkliche Größe erlangt Hessen, das mittlerweile zum Reichsfürstentum aufgestiegen ist, allerdings erst unter dem Landgrafen Philipp, dem Großmütigen. 1518 übernimmt er die Herrschaft und vergrößert das Land innerhalb weniger Jahre zur Großmacht. Bald reichen die hessischen Grenzen von der Weser bis an den Neckar, vom Rhein bis zum Thüringer Wald. Bis an die Zähne bewaffnet wird Philipp zum Verfechter des evangelischen Glaubens:

1524 tritt Philipp zum evangelischen Glauben über, nachdem er 3 Jahre zuvor auf dem Reichstag zu Worms Martin Luther kennen und schätzen gelernt hat.

Hessen wird zum Kernland der Reformation. Von hier aus soll die neue Lehre über die katholische Reichskirche siegen. Kurfürst Philipp schließt Klöster und gründet erste Universitäten:

Ganz vom reformatorischen Erneuerungsgeist durchdrungen weiß er, dass die Macht und Stärke eines Landes sich am Bildungsniveau seiner Untertanen misst.

Hessen ist so mächtig wie niemals zuvor und nie mehr danach. Denn nach Philipps Tod zerfällt Hessen: Es wird zwischen seinen vier Söhne aufgeteilt. Aus den so entstandenen Fürstentümern werden in der Nachfolgezeit erbitterte Konkurrenten, die später in blutige Gefechte miteinander geraten:

In den kommenden Jahrhunderten bestimmen neben den geistlichen Fürstentümern Mainz und Fulda, den Reichsstädten Frankfurt, Wetzlar, Friedberg und Gelnhausen zahlreiche kleine Fürstentümer, Grafschaften und Reichsritterschaften das Bild des heutigen Hessen.

Ein Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete. Was man noch heute hört.

Momberger: Ei ich werd ein Gedicht lesen von Peter Geibel, der so schreibt wie es in mein Maul passt. "Der Nautnutz"...

Bernhard Momberger spricht mittelhessisch. Geboren wurde er in dem kleinen Dorf Münster. Das liegt nur ganze 6 Kilometer entfernt von seiner heutigen Heimat Laubach. In Hessen reichen die 6 Kilometer aus, um ganz anders zu "schwätze":

Momberger: Ich hab dann mit meinem Buben geschwätzt, da oben der Mo. Und meine Schwiegermutter hat gesagt, dass heißt nicht Mo, das Mond. Na ja, in der Brut verdorben.

Mittelhessisch, Südhessisch, Nordhessisch und Niederhessisch. Dass es nur bei vier unterschiedlichen Dialekten geblieben ist, ist fast schon verwunderlich.

Im 19. Jahrhundert ist das wirtschaftliche Interesse an diesem Land so groß, dass Preußen nach dem Krieg 1866 große Landesteile annektiert: Kurhessen, Frankfurt und Nassau werden kurzerhand zu Hessen-Nassau zusammengeschlossen. Mit dieser preußischen Annexion beginnen sich die Hessen erstmals auf ihre Kultur zu besinnen.

Speitkamp: Es ist schon im 19. Jahrhundert feststellbar, dass kompensiert wird. Man verliert an Bedeutung. In Hessen-Darmstadt hat der Großherzog den Denkmalschutz gewürdigt mit eigenem Gesetz, so dass man hier die Eigenständigkeit hervorgehoben hat. Dann entstehen in Hessen-Kassel und in der Provinz Hessen-Nassau Vereine, die sich der Heimatpflege verschrieben haben. Trachtenvereine vergleichbar dem Schuhplattlertum hat man den Hessenkittel gepflegt, das wird stärker, in dem Maße in dem die politische Bedeutung Hessen absinkt.

Der blau-weiß-bestickte Hessenkittel - ein Männeroberhemd - ist bis heute auf jedem Hessenfest zu sehen. Genauso wie die berühmte Grüne Soße zu jedem hessischen Essen dazugehört:

Familie Hesselbachs ihrn Hausschüssel

Die Familie Hesselbach - 1949 ein Straßenfeger des Hessischen Rundfunks, erst im Radio, dann im Fernsehen. Eine hessische Familie, die in den 50er Jahren bundesweit Kultstatus erlangt.

Nach 1945 gehört Hessen zur amerikanischen Besatzungszone. Mit Argwohn betrachtet die Besatzungsmacht, wie sich das neu gegründete Land politisch entwickelt...

Speitkamp: Es gab eine starke sozialistische Tendenz, wie man weiß, ging die ja bis in die christdemokratischen Kreise hinein, die Überzeugung, dass man ohne Wirtschaftreform, ohne sozialistische Reform, nicht die strukturellen Bedingungen für den Nationalsozialismus verhindern könne. Dass man also quasi von Grund auf das System umbauen könne.

1946 einigen sich die hessischen Parteien auf umfangreiche Sozialisierungen. Der Bergbau, die Eisen- und Stahlerzeugung, die an Oberleitungen gebundenen Verkehrswege sowie die Großbanken und Versicherungen werden zu Gemeinschaftseigentum zu erklärt.

Den Amerikanern geht das zu weit. Sie suspendieren das Inkrafttreten des Sozialisierungsartikels in der hessischen Verfassung.

Speitkamp: In Hessen ist die Sozialdemokratie stark geworden und sie hat ja auch versucht, sich durch bestimmte soziale Reformen als sozialdemokratisches Musterland "Hessen vorn" zu präsentieren, durch gezielte Planung, sich als modernes zukunftsweisendes Land zu zeigen.

"Hessen vorn": das war die Wahlkampfparole des ersten hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn. Die Parole spiegelte nach 1945 das Selbstbewusstsein der Hessen wider, ein zentrales Land in Deutschland zu sein. Auch wenn hier nicht die Hauptstadt liegt. Aber Frankfurt am Main ist als Bankenmetropole die Hauptstadt des Kapitals in Deutschland geblieben. Und der Frankfurter Flughafen ist unangefochten der größte deutsche Flughafen.

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