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28.6.2004
Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin werden in Sarajevo ermordet
Vor 90 Jahren
Von Wolf Sören Treusch

Vor 90 Jahren sah die europäische Landkarte noch ganz anders aus als heute. Das Deutsche Kaiserreich dehnte sich aus bis ans Ende Ostpreußens, und im Südosten Europas beherrschte Österreich-Ungarn große Teile des Balkans. Als vor 90 Jahren, am 28. Juni 1914, das österreichische Thronfolgerpaar Sarajewo besuchte, fühlten sich serbische Nationalisten provoziert und ermordeten das Paar. Dieser Mord hatte katastrophale Auswirkungen, denn er führte wenige Wochen später zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Befinden von mir und Mami sehr gut. Wetter warm und schön. Wir hatten gestern großes Diner und heute vormittags den großen Empfang in Sarajevo. Nachmittags wieder großes Diner und dann Abreise. Umarme Euch innigst. Dienstag. Papi.

Der 28. Juni 1914 ist ein Sonntag. Seit vier Tagen weilen Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichische Thronfolger, und seine Gattin in Bosnien und Herzegowina - 1908 hat Österreich-Ungarn das Land annektiert. An diesem Morgen diktiert Franz Ferdinand noch ein Telegramm an seine Tochter Sophie. Anschließend steht ein Besuch in Sarajewo auf dem Programm.

Gegen 10 Uhr 07 setzt sich die Autokolonne für die geplante Stadtrundfahrt in Bewegung. Viele Menschen stehen am Straßenrand. Erster Stopp: das Hauptpostamt - die Herzogin erhält ein Antworttelegramm ihrer Kinder. Kaum hat die Delegation ihre Fahrt fortgesetzt, wirft ein junger Mann eine Bombe gegen das Auto des Thronfolgers. Der Fahrer sieht die fliegende Bombe, gibt Vollgas, und die Bombe prallt ab vom Verdeck und fällt neben den nächsten Wagen in der Kolonne.

Einer der Begleiter des Thronfolgers wird schwer verletzt ins Garnisonsspital gebracht, der Attentäter wird festgenommen. Erzherzog Franz Ferdinand samt Gefolge fährt ins Rathaus. Die Begrüßungsansprache des Bürgermeisters unterbricht er mit den Worten:

Das ist ja hübsch! Da kommt man zum Besuch in diese Stadt und wird mit Bomben empfangen! Mir scheint, wir werden heute noch einige Kugeln bekommen.

Ein Vertrauter des Thronfolgers empfiehlt die Änderung der Fahrtroute, Franz Ferdinand selbst besteht darauf, seinen schwer verletzten Begleiter im Hospital zu besuchen. Es herrscht Uneinigkeit darüber, welche Strecke die Autokolonne nehmen soll. Zwei Begleiter des Thronfolgers, Rittmeister Josef Graf Erbach-Fürstenau und Ordonanz Anton Köpáderkhy, erinnern sich:

Erbach-Fürstenau: Die Abänderung der Rückfahrt von dem Rathaus war offenbar dem dem erzherzoglichen Auto voraus fahrenden Wagen nicht richtig bekannt gegeben worden. Denn dieser Voraus-Wagen bog in die ursprünglich projektierte Route ein. Der im erzherzoglichen Auto den Hoheiten gegenüber sitzende Landeskommandierende sagt 'das ist ja falsch, wir sollen geradeaus fahren'. Daraufhin stoppte die Autokolonne, und diesen Augenblick benützte der Attentäter, um von der rechten Seite die tödlichen Schüsse auf die Hoheiten abzugeben.

Köpáderkhy: Und schon sah ich einen jungen Mann von weitem, ich war so circa 200 Schritte davon in einer Seitengasse abgedrängt und eine Menge Menschen vor mir, sah ich einen jungen Mann aufspringen von der Menge und habe ich einen Schuss gehört, ein Knallen gehört, so einen einfachen Knall und gleich wieder einen anderen, einen zweiten Knall. Und da habe ich gesehen, wie der Erzherzog aufgesprungen ist im Auto, aufgesprungen ist, und in dem Moment hat er einen Schuss bekommen und ist zusammengesunken. Die Gemahlin, die ist nicht aufgesprungen, die ist schon - sitzend hat sie einen Schuss bekommen und ist umgefallen. Erzherzog ist aufgesprungen, hat bekommen einen Schuss in die Schlagader und stürzte auch zusammen.

Gavrilo Princip heißt der zweite, dieses Mal erfolgreiche Attentäter. Er ist Mitglied der Studentengruppe 'Mlada Bosna', Jungbosnien, die für die Befreiung Bosniens von Österreich-Ungarn kämpft, auch mit gewaltsamen Mitteln. Gegen 10 Uhr 50 gibt er die tödlichen Schüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin ab. Später gibt er seine letzten Gedanken davor zu Protokoll:

Sollte ich schießen oder nicht? Ein sonderbares Gefühl veranlasste mich, dann doch auf den Thronfolger zu zielen, und zwar vom Trottoir aus, wo ich stand. Das war keine Kunst, weil das Auto in der Kurve seine Fahrt verlangsamte. Ich war aufgeregt und weiß nicht, wen ich traf und ob ich überhaupt jemanden traf.

Schnell wird der Attentäter überwältigt. Die Szene wird von der Serbin Danica Fischer beobachtet.

Fischer und Übersetzer: Sie hat gesehen den Chef der Polizisten, der nannte sich Mrsic. Der mit dem Säbel hat geschlagen den Princip, auch andere Polizisten sofort sind mit Säbeln und sind geschlagen den Princip.

Gegen 10 Uhr 55 erreicht die Autokolonne den Konak, den damaligen Wohnsitz des Landeschefs für Bosnien und die Herzegowina. In dem ausführlichen Telegramm, mit dem der Kaiser in Wien über das Attentat auf seinen Thronfolger informiert wird, heißt es:

Bei der Ankunft im Konak war Seine Hoheit in tiefster Bewusstlosigkeit, die Atmung war ganz oberflächlich, die Pupillen reagierten ganz schwach, das Herz schlug leise, der Puls war kaum tastbar; aus der Halswunde ergoss sich ein dünner Strahl Blut. Nach circa 5 bis 6 Minuten trat der Tod ein. Der sofort herbeigerufene Stadtpfarrer von Sarajevo spendete die letzte Ölung.

Der 28. Juni ist der alte Nationalfeiertag Serbiens, der Vidovdan. Am 28. Juni 1389 erlitt das serbische Heer gegen die Türken auf dem Amselfeld eine vernichtende Niederlage, aber den Oberbefehlshaber der gegnerischen Armee konnte ein Attentäter in seinem Zelt erdolchen. Dass die Vertreter der verhassten k.u.k
Monarchie Österreich-Ungarns ausgerechnet an diesem serbischen Nationalfeiertag durch Sarajevo flanieren wollten, fassten viele Serben als Provokation auf. Rainer Rother, Historiker beim Deutschen Historischen Museum in Berlin:

Einerseits hat diese Monarchie natürlich die Spannungen zwischen den Ethnien in gewisser Hinsicht kanalisiert und damit auch das Zusammenleben der Völker erträglich gemacht, aber der Aufstieg Serbiens, ohnehin die Balkankriege, der Sieg Serbiens einerseits gegen Bulgarien und dann vorher auch gegen das Osmanische Reich haben natürlich ein nationales Selbstbewusstsein geschaffen, das ganz neu war. Und es entsprach dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert plötzlich, dass dieses Nationalgefühl auch da auftauchte. Und da war Österreich-Ungarn als eine Monarchie, die nicht auf dem Nationalstaatsgedanken beruhte, ein Auslaufmodell.

In Belgrad gab es Offizierskorps, konzentriert im Geheimbund der 'Schwarzen Hand', die dem Erzherzog den Tod geschworen hatten. In ihren Augen stand der österreichische Thronfolger gegen den Panslawismus und die Idee von einem Großserbien. In einem serbischen Emigrantenblatt in Chicago waren schon am 3. Dezember 1913, also ein halbes Jahr vor dem Attentat auf Franz Ferdinand und seine Gattin, folgende Zeilen zu lesen:

Der österreichische Thronfolger hat für das Frühjahr seinen Besuch in Sarajevo angesagt. Jeder Serbe möge sich das merken. Serben, ergreift alles, was ihr könnt, Messer, Gewehre, Bomben und Dynamit! Nehmt heilige Rache! Tod der Habsburger-Dynastie, ewiges Andenken jenen Helden, die gegen sie die Hände erheben!

Die Serben konnten vor allem die Annexion Bosniens im Jahr 1908 nicht vergessen. Die Österreicher schickten in großen Mengen Soldaten und Bürokraten nach Bosnien, sie legten verbrecherischen Banden das Handwerk, errichteten 200 Grundschulen und bauten Tausende Kilometer von Eisenbahngleisen und Straßen. Und das alles auf einem Territorium, das die Serben für sich beanspruchten.

Unter dem Druck der ungarischen Großgrundbesitzer betrieb die k.u.k
Monarchie zudem eine Zollpolitik, die für Serbien verhängnisvoll war. Im Jahr 1914 eskalierte dieser Konflikt: Österreich-Ungarn verbot die Einfuhr serbischer Schweine in sein Land. Die Folge war eine verheerende Wirtschaftskrise in Serbien.

Die Stimmung in Belgrad war bedrohlich, und so entschloss sich der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand, Sarajevo genau am Vidovdan zu besuchen, dem Nationalfeiertag der Serben.

Rainer Rother: Vielleicht war er unvorsichtig, vielleicht hat er auch die Gefahr unterschätzt, aber dass die Monarchie präsent sein musste, war nicht nur ihm klar. Es ist sicherlich ein unglücklicher Zeitpunkt gewesen, wie wir dann jetzt alle wissen, es gab aber wohl keine näheren Informationen über solche Attentatspläne für nun gerade diesen Tag, es gab das Gefühl, dass es im serbischen Untergrund solche Bestrebungen gibt, das ja, aber es ist wie mit den Politikern heute: man weiß, dass sie gefährdet sind, man weiß auch, dass manche besonders gefährdet sind, das ändert aber eigentlich nichts an der Agenda, die sie abzuarbeiten haben, und so einen Thronfolger muss man sich natürlich auch vorstellen als einen Repräsentanten, der seinen Tagesablauf vorgeschrieben bekommt und bestimmte Dinge einfach tun muss, und wenn er das erstmal verinnerlicht hat, dann wird ihm das auch zur zweiten Natur.

Nach den tödlichen Schüssen am 28. Juni 1914 ermittelt die Polizei, dass allein fünf Attentäter entlang der Paradestrecke auf ihren Einsatz gewartet haben. Als Reaktion auf das Attentat verhaftet die Polizei serbische Geschäftsleute, Intellektuelle, Bauern und Priester, die in Bosnien leben. Allein in Sarajevo werden in den ersten 48 Stunden nach dem Attentat mehr als 200 Serben inhaftiert. Gavrilo Princip und die anderen Attentäter werden verurteilt, Princip stirbt im April 1918 im Gefängnis an Knochentuberkulose.

Emil Barcsik, ein serbischer Journalist, sagt in den 60er Jahren:

Das waren junge Leute, die mit Attentat unsere nationalen Probleme lösen wollten. Sie wollten damit ein Ende der Okkupation machen. Mit Attentate kann man solche Sachen sicherlich nicht lösen, aber es waren Leute, die daran so geglaubt haben, und es waren Leute, die genügend tapfer waren, so was zu machen, nicht wahr.

Ob Volkshelden oder Terroristen - sicher ist: die Attentäter haben zwar Hilfe vom serbischen Geheimbund der 'Schwarzen Hand' erhalten, nicht aber von der serbischen Regierung.

Das Attentat von Sarajevo ist die Lunte, die das Pulverfass Europa im Sommer 1914 zur Explosion bringt und den Ersten Weltkrieg auslöst. Das Pulverfass aber hatten andere gefüllt.

Zum Beispiel die Doppelmonarchie Österreich-Ungarns, die den Nationalitätenkonflikt mit Serbien militärisch lösen wollte.

Oder: die europäischen Großmächte, die um ihre Vorherrschaft kämpften. Gerade die Mittelmächte Österreich-Ungarn und das deutsche Kaiserreich taten wenig, um eine militärische Auseinandersetzung Konflikt zu verhindern. Lieber jetzt einen Krieg als später, wenn die Gegner aus Russland und Großbritannien weiter aufgerüstet hätten: so lautete die Devise.

In dieser Situation hatten die Schüsse in Sarajewo Folgen, die keiner der damals handelnden Politiker überblickt hat.


Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation von DeutschlandRadio Berlin mit dem Deutschen Historischen Museum und der Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Bis zum 16. August können Sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung sehen unter dem Titel: "Der Weltkrieg 1914 - 18. Ereignis und Erinnerung".
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