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2.7.2004
Rechtsaußen
DFB-Präsident Peco Bauwens
Von Thomas Jaedicke

Auch der Fußball hat seine Schattenseiten (Bild: AP)
Auch der Fußball hat seine Schattenseiten (Bild: AP)
"Das deutsche Volk in seiner ganzen Breite, vom Kleinsten bis zum Größten, hat irgend etwas jetzt empfunden, was Begeisterung heißt für eine edle Sache, die edle Sache des Sports." (Beifall)

Im Münchner Hofbräukeller steigert sich DFB-Präsident Dr. Peter Josef, genannt Peco, Bauwens immer weiter in einen Siegesrausch hinein. Zusammen mit den gerade aus Bern zurückgekehrten Helden feiert Bauwens den unerwarteten Endspieltriumph im Weltmeisterschaftsfinale über Ungarn.

"Die Jugend braucht immer Begeisterung. Und wenn man sie nicht auf ein Feld bringt, was so schön, so edel in jeder Beziehung ist, wo Körper und Geist sich zu einem zu vereinigen bringt, dann allerdings ist eine Gefahr da, die wir ja in den letzten Jahren so oft gehabt haben. Und deshalb ist es eine Pflicht direkt für den Staat und für alles, was damit zusammenhängt, dieser Jugend zu helfen, wie sie heute sich so deutlich gezeigt hat. Und nicht nur der Jugend. Die ältesten Semester standen auf dem Acker mit dem Dreschflegel und winkten. Und die Menschen im Kloster und der Priester hob seinen Hut ab …"

Als Peco Bauwens, geboren am Heiligen Abend des Jahres 1886 zu Köln, im Hofbräukeller so richtig Fahrt aufgenommen hatte und seiner Gesinnung Ausdruck verlieh, war auch schon Schluss. Entsetzt brachen die verantwortlichen Hörfunk-Redakteure des Bayerischen Rundfunks die Live-Übertragung des Empfangs ab, als der DFB-Präsident im Rausch des Fußballsieges in seiner Rede im Hofbräukeller das Führerprinzip hochleben ließ - neun Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes. Konsterniert durch diesen Auftritt des ersten DFB-Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg blickten die meisten der anwesenden Spieler um Mannschaftskapitän Fritz Walter und Bundestrainer Sepp Herberger betreten zu Boden.

"Es war wirklich etwas so Hinreißendes, das wirklich zeigt, dass es eine Volksbewegung geworden ist, die etwas gelenkt und gesteuert und gefördert werden muss von unserem Staat."

" Peco Bauwens war in der Weimarer Republik ein auch international bekannter Schiedsrichter. Und er war eben auch für den DFB innerhalb der Fifa engagiert, also des Weltfußballverbandes."

Der Bonner Politologe Arthur Heinrich, Autor des Buches "Der Deutsche Fußballbund - eine politische Geschichte", beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte des Sports während der Naziherrschaft in Deutschland. Immer wieder habe ihm der DFB bei seinen Recherchen Steine in den Weg gelegt, sich lange geweigert, ihm die Archive in Frankfurt am Main überhaupt zugänglich zu machen.

"Peco Bauwens ist, das belegen Unterlagen aus dem ehemaligen Berlin Document Center, die Unterlagen sind jetzt im Bestand des Bundesarchivs in Berlin, Peco Bauwens ist 1933 der NSDAP beigetreten und soll ein Jahr später ausgeschlossen worden sein, weil er mit einer jüdischen Frau verheiratet war."

Am 16. April 1940 nahm sich Elisabeth Bauwens das Leben, weil sie die Schikanen der Nazis nicht mehr ausgehalten habe. Dies hat Dietrich Schulze-Marmeling, Herausgeber von "Davidstern und Lederball - Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball", herausgefunden. Peco Bauwens arbeitete in dieser Zeit als FIFA-Mann des DFB fieberhaft am Umbau der frankophilen Spitze des Weltfußballverbandes zu Gunsten der Achsenmächte Deutschland und Italien. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes habe der französische FIFA-Präsident Jules Rimet Bauwens in den ersten Nachkriegsjahren die kalte Schulter gezeigt. Sich selbst als politisch Verfolgten porträtierend, der niemals als Handlanger für die Nazis tätig gewesen sei, soll Bauwens, laut Schulze Marmeling dann vor der FIFA um Schönwetter gebettelt haben.

"Es gibt überhaupt keinen Beleg dafür, aus dem sich nur irgend etwas Widerständisches, irgend etwas Oppositionelles von Bauwens ablesen lässt. Und dieser Mann ändert dann nach 45 völlig seine Biographie. Er stellt sich da hin und sagt: Ich bin ein rassisch und politisch Verfolgter, und als Beweis instrumentalisiert er seine Frau. Er kann selber gar nichts vorbringen an Beweisen, sondern was er vorbringt, ist der Tod seiner Frau. Also das ist etwas, was ich persönlich als ganz furchtbar geschmacklos empfinde."

Auch 41 Jahre nach dessen Tod mag in der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main niemand bereit öffentlich über Peco Bauwens sprechen. Kein Wort will man über den Mann verlieren, der zwischen 1950 und 1962 Präsident des mit inzwischen 6,3 Millionen Mitgliedern größten Sportverbandes der Welt war. Es sei schwierig, einen geeigneten Gesprächspartner zu finden, der etwas über den Ehrenpräsidenten sagen könne, der seit 1926 DFB-Ämter inne hatte und auf sämtlichen Verbands-Ehrentafeln auf vordersten Plätzen zu finden ist. Bleiben die Fußballfunktionäre sprachlos, weil der Kölner Bauunternehmer Bauwens mit seiner Baufirma von Nazis durch Aufträge profitierte? Bauwens Firma wird, so der Journalist Christoph Bertling, als einer von 2500 Betrieben in einer offiziellen Liste der Alliierten als "Sklavenhalter im NS-Regime" geführt. Fürchtet der DFB Fragen, warum ein Mann, der bei Köln ein Zwangsarbeiterlager mit 100 Insassen unterhielt, zwölf Jahre lang an der Verbandsspitze stehen durfe?

"Der Mann hat sich, und das ist vielleicht das Interessante, durch alle politischen Systeme hindurch gehalten. Also von der Weimarer Republik, über die Nazi-Zeit bis in die Bundesrepublik Deutschland hinein. Das ist richtig; das ist aber auch ganz typisch für den DFB. Der DFB hat sich auch nach ´45 dieser Tatsache gerühmt. Dass man gesagt hat, es hat sich eigentlich bei uns überhaupt nichts geändert. Es sind immer noch die selben Personen. Man hat mit dieser Kontinuität, die im gewissen Sinne ja peinlich war, geradezu geprahlt."

"Es ist das Ziel dieses Vortrags, der sich als solidarische Kritik versteht, den Deutschen Fußball Bund daran zu erinnern, dass er eine Geschichte hat, die nicht nur aus Bilanzen besteht ..."

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens, Jahrgang 1923, kritisierte den DFB schon 1975 wegen seines mangelnden Geschichtsbewusstseins. In seiner Laudatio im Frankfurter Schauspielhaus forderte Jens zum 75jährigen Bestehen des Verbandes von den verblüfften Funktionären im Festsaal endlich eine konsequente und kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

".... nicht nur aus Länderspielen, Meisterschaften, Vereinen, Ligen, sondern die eine politische Geschichte ist. Eine Geschichte, die der DFB, einer der großen Meinungsbildner im ganzen Land, der größte vielleicht, endlich aufarbeiten sollte. Aufarbeiten, indem er mit dem Widerruf der These beginnt, die da lautet: Sport ist ein Element, das fern von der Politik im Wolkenkuckucksheim angesiedelt ist."

Doch nichts Wesentliches ist seither geschehen. Der mächtige, von zahlreichen Stabsabteilungen getragene Verband, ruhte auch bis zu seinem 100jährigen Jubiläum vor vier Jahren noch in einer erstarrten Haltung zwischen selbstzufriedenem Desinteresse und hochmütiger Geschichtsvergessenheit. Das von Karl-Adolf Scherer für den Prachtband zum Hundertjährigen bearbeitete Kapitel über die Rolle des DFB in der Nazizeit wurde wegen gravierender Fehler und einiger Auslassungen von Wissenschaftlern wie dem Politologen Arthur Heinrich scharf kritisiert.

"Auch Scherer verzichtet darauf, irgendwelche ideologischen Kontinuitäten herausarbeiten zu wollen, sondern es gibt einen Bruch in der Geschichte dieses Landes. Dieser Bruch wird datiert auf den 30. Januar 1933, danach kommen zwölf schreckliche Jahre und danach ist der Spuk wieder vorbei, ja. Das ist also eine Sichtweise, die, glaube ich, jedem historisch halbwegs gebildeten Menschen in diesem Lande die Haare zu Berge stehen lässt."

"Die deutschen Spieler bahnen sich einen Weg durch die Zuschauer, die den Zugang zum Innenraum eng flankieren. Die deutschen Spieler sind - begrüßt wie die Engländer -, im Mittelfeld angelangt. Das Publikum erhebt sich. Man hört die Nationalhymne."

Heinrich kritisiert vor allem, dass bei der Konzeption des Buches durchaus vorhandene Quellen vom DFB weiterhin konsequent ignoriert wurden. Erst die Aufforderung von Bundespräsident Johannes Rau, der anlässlich des Festaktes am Gründungsort Leipzig im Jahr 2000 nochmals die Aufarbeitung der DFB-Geschichte anmahnte, zeigte Wirkung. Erstmals räumte auch der damalige DFB-Vize Präsident Engelbert Nelle Fehler ein.

"Das war ein kritischer Punkt, der vor allen Dingen aufgegriffen worden ist von einer ganzen Reihe von Menschen, die uns angesprochen haben, weil dieser Teil der Geschichte in dem Buch, was wir zum Geburtstag, zum 100. Geburtstag des DFB herausgegeben haben, eben nicht enthalten war. Dies war in der Tat - auch wissenschaftlich sehe ich das so -, ein Versäumnis. Was aber ... Dahinter steckte nicht irgend eine böse Absicht, es war einfach ein Versäumnis."

"Bergmeyer läuft Flanke. Flankt exakt auf den Elfmeterpunkt. Volleyschuss ... Toor! ... Toor! … Achtung! Hier ist der Länderkampf Deutschland - England im deutschen Stadion zu Berlin ... Hier sind alle deutschen Sender.”

Inzwischen hat der Deutsche Fußballbund den Mainzer Historiker Nils Havemann mit der Sichtung des bisher nicht erschlossenen Quellenmaterials beauftragt. Havemann will seine Arbeit Ende 2004 abschließen. Er rechne damit, dass der DFB seine Forschungsergebnisse spätestens im Herbst 2005 in Buchform veröffentlichen werde.

Ähnlich wie auf Verbandsebene, wo man bisher kaum Interesse an der eigenen Vergangenheit hatte, sieht es eine Etage tiefer bei den Vereinen aus. Dort erschweren nach Ansicht des britischen Sportjournalisten Mike Ticher neben allgemeinem Desinteresse vor allem auch schlechte oder lückenhafte Archivarbeit die Erinnerungsarbeit.

"But football clubs, I think, not just in Germany, but everywhere are notoriously bad about keeping proper records about their history. They´re very keen on tradition. But concentrating on tradition tends to gloss over things that happened that were more uncomfortable. And I think it´s important for the club itself to get a good grasp on it´s own identity.”

"Nicht nur in Deutschland tun sich Fußballclubs schwer, ihre Vergangenheit ordentlich aufzuarbeiten. Dafür sind sie sehr scharf auf Tradition. Aber sich zu sehr auf Tradition zu konzentrieren, führt dazu, die unangenehmen Dinge zu beschönigen."

Mike Ticher, der für das Fußballfanzine "When Saturday comes around" und den "Guardian" schreibt, hat eine wissenschaftliche Arbeit über jüdische Fußballer in Berlin zwischen 1890 und 1933 geschrieben. Dem Berliner Klub Tennis Borussia, wo Reichstrainer Otto Nerz und der spätere Bundestrainer Sepp Herberger - beide übrigens mit Parteibuch der NSDAP ausgestattet -, wirkten, ist dabei ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Tennis Borussia war in dieser Zeit der nichtjüdische Klub Deutschlands mit den meisten jüdischen Mitgliedern.

Ticher fand heraus, dass TeBe einer der ersten Vereine war, der seinen jüdischen Mitgliedern die Tür wies. In vorauseilendem Gehorsam habe man dort gehandelt, sogar noch bevor die Anweisungen der Nazis, die Vereine judenfrei zu halten, verbindlich wurden. Für seine Recherchen hielt sich Ticher eine Zeit lang in Berlin auf und gelangte in den Archiven der Bibliotheken und Verlage relativ problemlos an alle Informationen, die er brauchte.

Bei Tennis Borussia jedoch sei er auf taube Ohren gestoßen. Der 40-jährige Brite hatte den Eindruck, dass der Verein, der vor zwei Jahren seinen 100. Geburtstag feierte, nicht sonderlich interessiert an der eigenen Geschichte sei. Für Ticher ist die Reaktion von Tennis Borussia durchaus vergleichbar mit der DFB-Position zur Nazizeit.

"They described themselves as non-political organisations, which were kind of affected by these events over which they had no control. And of course in one way that´s perfectly true because even if they wanted to they couldn´t have resisted what was going to happen. They couldn´t have resisted what happened to the whole jewish population in Germany. But this attitude of calling themselves non-political actually - I think - masks a weakness - shall we say -, of their behaviour which was that they accepted the new rule of the Nazis, they accommodated themselves to it very easily.”

"Sie haben sich selbst als unpolitische Organisationen beschrieben, die irgendwie von den Ereignissen, über die sie keine Kontrolle hatten, befallen wurden. Einerseits stimmt das natürlich, weil selbst wenn sie gewollt hätten, hätten sie den Nazis nicht widerstehen können. Sie hätten nicht verhindern können, was mit der jüdischen Bevölkerung in Deutschland passierte. Aber diese Haltung, sich selbst unpolitisch zu nennen, dient meiner Meinung nach nur dazu, ihre mangelnde Zivilcourage zu verbergen. Denn sie haben sich den neuen Regeln der Nazis sehr schnell und sehr leicht angepasst."

Der Autor Dietrich Schulze Marmeling ist sehr gespannt, was der DFB aus der Studie des Mainzer Historikers Nils Havemann zur Vergangenheit des Deutschen Fußball Bundes veröffentlichen wird. Peco Bauwens war als erster Nachkriegspräsident keineswegs ein Irrläufer oder Fremdkörper im DFB. Die Weigerung des Verbandes, sich mit der eigenen Geschichte vor 1945 auseinanderzusetzen, hat nach Ansicht von Schulze-Marmeling viele Spätfolgen.

"Es hat so einige Geschichten in der Geschichte des DFB gegeben, wo man sagt, wäre das in einer politischen Partei passiert, hätte der Mann gehen müssen. Also ich denke mal nur an die WM 78 und Herrn Neuberger, also einer der Nachfolger von Herrn Bauwens, der damals die Militärdiktatur in Argentinien pries und jeden Kritiker der Menschenrechtsverletzungen dort massiv angriff, der auch nichts dabei fand, dass der ehemalige Nazi-Oberst Rudel der Nationalmannschaft seine Aufwartung machte. Dieser Mann war damals eine Gallionsfigur der militanten Neo-Naziszene, aber das hatte keine Konsequenzen. Das wäre in einer politischen Partei unmöglich gewesen."
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