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5.7.2004
Ein Darwin des 20. Jahrhunderts
Zum 100. Geburtstag des Evolutionsbiologen Ernst Mayr
Von Matthias Eckoldt

Orang-Utan-Paar (Bild: AP)
Orang-Utan-Paar (Bild: AP)
Warum gibt es auf unserem blauen Planeten so viele Millionen Tierarten - ganz abgesehen von den Pflanzen? Das ist eine Frage, die die Biologen seit Darwin um-trieb. Darwin selbst konnte sie nicht beantworten. Der, der das Problem löste, feiert heute seinen 100. Geburtstag: der Zoologe und Evolutionsbiologe Ernst Mayr.


Mayr: Die Evolution ist rein opportunistisch. Es wird immer in jedem Augenblick, in jeder Evolution die Entwicklung dort stattfinden, wo es sich am günstigsten herausstellt, nämlich, um zurückzugehen auf Darwins Formel, wo im Kampf ums Dasein gewisse Eigenschaften gefördert werden, von der Züchtung begünstigt werden. Da entwickelt es sich. Nun ist es ununterbrochen in der Evolution so gewesen, dass plötzlich sich etwas eröffnete, da entstand eine kolossale Entwicklung, sagen wir die Dinosaurier, … die waren niemals eine Fehlentwicklung. Zu der Zeit, wo die lebten, waren die genau die Antwort auf die Möglichkeiten der Umwelt.

Ernst Mayr. Der wichtigste Evolutionsbiologe des zwanzigsten Jahrhunderts. Von der Wissenschaftlergemeinde allgemein anerkannt als der legitime Nachfolger Darwins. Harvard-Professor. Dekoriert mit zahllosen Auszeichnungen und Preisen.

Dabei sollte der am 5. Juli 1904 geborene Mayr überhaupt kein Biologe werden. Dem Wunsch der Eltern entsprechend trat er ein Medizinstudium an. Doch seine heimliche Leidenschaft war und blieb die Zoologie. Besonders die Vögel hatten es ihm angetan.

Glaubrecht: Und dabei ist ihm eine Entenart aufgefallen, die Kolbenente, die seit 1847 in Deutschland nicht mehr gesichtet worden war, weil sie woanders brütet. Und keiner wollte ihm diese Beobachtung glauben. Und er ist auf der Durchreise zu seinem Studienort Greifswald ausgestiegen in Berlin und hat sich in Verbindung gesetzt mit dem Erwin Stresemann, der hier am Museum Kurator war. Stresemann hat ihm kurz zugehört und ihn dann in die Sammlung geführt und ihm gesagt: Herr Mayr, jetzt erklären Sie mir mal den Unterschied zwischen diesen verschiedenen Enten. Mayr konnte diese Kolbenente offensichtlich einwandfrei … von anderen ähnlichen Enten unterscheiden, so dass Herr Stresemann ihm offensichtlich Glauben schenkte. … Und Stresemann hat schnell erkannt, dass Mayr einen wunderbaren Systematiker abgeben würde.
Matthias Glaubrecht, heute Kurator für systematische Zoologie am Museum für Naturkunde in Berlin, erzählt vom Beginn einer langen Kollegenfreundschaft. Denn Stresemann überredete Mayr, das Medizinstudium sausen zu lassen und sich stattdessen mit der Biologie zu befassen. Als Anreiz stellte er dem jungen Studenten eine Anstellung in Aussicht.

Ernst Mayr ließ sich nicht lange bitten. Wechselte nach Berlin und absolvierte sein Biologiestudium in Rekordzeit. Nach gerade einmal sechzehn Monaten Studium bekam er seinen Abschluß und promovierte mit summa cum laude. Mayr war gerade 22 Jahre alt. Stresemann holte ihn ans Museum und schickte ihn 1928 auf große Exkursion nach Neuguinea und auf die Solomon-Inseln.

Mein lieber Mayr, wenn alles nach Wunsch gegangen ist, werden Sie morgen Ihren Fuß auf papuanischen Boden setzen, und Sie mögen schon heute von Ferne die dunkle Silhouette der magisch lockenden Arfakberge übers Meeer hinweg mit Blicken verschlingen. Guten Appetit. Also, mein liebes Schlaumayrchen, halten Sie die Ohren steif, vergessen Sie nicht, Chinin zu nehmen, das Pulver trocken zu halten und die Vögel zu lieben, wie es Ihnen im 5. oder 6. Gebot befohlen wird. Wir bauen Häuser auf Ihre Reise. Herzlichst Ihr Erwin Stresemann.
Landsberg: Es gab einen ganz regen Briefwechsel, da gerade Prof. Erwin Stresemann selbst in der Region gesammelt hatte und ihm da auch viele Tipps und Ratschläge gab. Manchmal ein bisschen spöttisch. Die machten sich dann natürlich auch lustig, wie er dort mit Pfeil und Bogen und Leinruten jagte, wenn die Munition alle war. Oder wie er sich abquälte. Wenn man sich vor Augen hält, dass er an manchen Tagen 20 Vögel schoss, und die dann abhäuten musste, vermessen musste, wiegen musste und alles genau aufzeichnen und schreiben, dann hat er da schon richtig harte Arbeit geleistet. Bis zur Selbstausbeutung. In so einer Region unter tropischen Bedingungen, also hohe Luftfeuchtigkeit, im Urwald, mit Blutegeln übersät von oben bis unten.

Hannelore Landsberg ist Wissenschaftshistorikerin am Berliner Naturkundemuseum. Sie hat die Preußische Personalakte von Ernst Mayr geöffnet und den Briefwechsel gesichtet. Daraus geht hervor, dass Mayr insgesamt 3000 Vögel im Namen der Wissenschaft erbeutete.

Wir sitzen nun hier fast bedeckt mit Mayr-Vögeln. Es ist eine wundervolle Sammlung.

Diese Sammlung wird Mayrs wissenschaftliche Laufbahn entscheidend bestimmen. Was für Darwin die Galápagos-Inseln waren, war für Mayr die Exkursion nach Neuguinea. Hier bekam er einen Einblick in die Artenvielfalt auf den verschiedenen Inseln, der ihn Jahre später zu einer entscheidenden Fortschreibung der Evolutionsbiologie befähigen sollte.

1930 kehrte Mayr nach Berlin zurück.
Mayr: Als ich zurück kam nach Deutschland war ich entsetzt: Die Straßenkämpfe, die ganze Stimmung. Alles war furchtbar. Das war im Mai 1930. Da bekam ich kurz drauf das Angebot nach Amerika zu kommen. … Und da sagte ich: ja, das nehme ich an, obwohl ich eine Assistentenstelle hier an der Universität Berlin hatte. Aber hier waren keine Zukunftsaussichten. Das sah alles sehr schlimm aus. Da waren hingegen glänzende wissenschaftliche Möglichkeiten.

Ernst Mayr nahm den Ruf ans American Museum in New York an, das sich auch an der Exkursion nach Neuguinea beteiligt hatte. Für das grösste naturwissenschaftliche Museum der Welt kartografierte Mayr nun die Vogelwelt der Südsee.

Sein reiches empirisches Material wertete Mayr für die Evolutionsbiologie aus. Ihn beschäftigte dabei besonders die von Darwin weitgehend unbeantwortet gelassene Frage der Artenvielfalt. Darwin hatte in seinem großen Werk "Die Entstehung der Arten" vorwiegend die natürliche Selektion als Auslesekriterium stark gemacht. Wie aber die Mannigfaltigkeit der Arten entstand, blieb im Dunkeln.

Glaubrecht: Das Entscheidende ist, dass Darwin eigentlich nur, wenn man die Evolution aufteilt in zwei große Felder, erklärt hat, wie es bei Organismen immer wieder Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen gibt. … Das erklärt überhaupt nicht die Artenvielfalt, die wir auf der Erde haben. Also schätzungsweise zwischen 13 und 30 Millionen Tierarten. Wie diese Arten entstehen und warum es diese Vielfalt gibt, das wollte Darwin zwar erklären, hat er aber nicht. Und das ist genau das Verdienst von Ernst Mayr, dass er im zwanzigsten Jahrhundert, als der Darwin dieser Zeit, darauf hingewiesen hat, dass die Vielfalt eigentlich erst über die Mechanismen, wie Arten entstehen, zu erklären ist. Und dazu war wichtig, sich klarzumachen, was Arten sind. Und das Erstaunliche ist, dass wir auf Mayr warten mussten, um ein Mysterium zu lösen, das Darwin schon bewegt hat, das er aber nicht in Griff kriegte.

Mayr suchte nach einer harten Formulierung des Artbegriffs. Ähnlichkeiten im Verhalten oder Aussehen genügten seiner Meinung nach nicht, um eine wissenschaftlich exakte Definition zu bekommen. Mayr gelangte aus seinen Beobachtungen in Neuguinea heraus schließlich zur Einsicht, dass eine Art als Fortpflanzungsgemeinschaft bestimmt werden muss. Alle Individuen, die miteinander überlebensfähige Nachkommen zeugen können, gehören zu einer Art.

Mit dieser Definition gewann Mayr Klarheit über die zentralen Mechanismen der Artenbildung. In Neuguinea hatte Mayr entdeckt, dass die Farbenpracht der Paradiesvögel auf den kleinen Satelliteninseln besonders ausgeformt ist. Diese Beobachtung kombinierte er mit seinem neuen Artbegriff und enträtselte so den zentralen Mechanismus der Artenentstehung. Arten entstehen, so kann man seine fundamentale Einsicht zusammenfassen, wenn Fortpflanzungsgemeinschaften territorial isoliert werden.

Wenn beispielsweise ein Sturm Teile eines Vogelschwarms auf eine unbesiedelte Insel abtreibt, wird man nach einer hinlänglichen Zeitspanne von etwa einhunderttausend Jahren auf dieser Insel ganz andere Arten antreffen als auf dem Festland.
Mayr: Und da entwickelte ich eine Theorie, dass die am meisten abweichenden Arten in kleinen Gründerpopulationen entstehen. In ganz kleinen Populationen von drei oder vier Gründern, die eine Stelle kolonisiert haben, wo die Art noch nicht existierte. Und in dieser Gründerpopulation können sehr drastische genetische Änderungen vorkommen und die können dann viel schneller eine neue Entwicklungsrichtung einschlagen, als die großen, weitverbreiteten, sehr bevölkerungsreichen Arten. Das war vielleicht die wichtigste Idee, die ich in meinem Leben gehabt habe.

Die Erkenntnisse von Ernst Mayr ermöglichten eine Kombination von Evolutionsbiologie und Genetik, die unter dem Stichwort synthetische Theorie der Evolution in die Wissenschaftshistorie des Fachs eingegangen ist. Mayr gilt mit seinen Arbeiten als der Architekt dieser neuen Wendung der Evolutionstheorie.

Nach dem Krieg blieb Mayr in den Vereinigten Staaten. Seine Kollegen am Naturkundemuseum allerdings vergaß er nicht.

Landsberg: Was für uns interessant war, war, dass er nach dem Krieg hier immer Care-Pakete hergeschickt hat. Das ist so interessant, wonach die Wissenschaftler hier am Museum gedarbt haben. Also dass da nicht etwa nach Brot und Butter geschrieben wurde, sondern nach Tabak und Zigaretten. Und da hatte er auch großes Verständnis dafür. Er hat zwar immer mahnende Worte mitgeschickt, aber hat das geschickt und hat dann die Versorgung auf die gesamten Ornithologen Deutschlands ausgedehnt.

1953 wurde Ernst Mayr an das Museum for Comparativ Zoology an der Harvard University berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1975 tätig war. In den Folgejahren schrieb er mehrere auch populäre Bücher, in denen er die Grundlagen der Evolutionstheorie darstellte und philosophische Schlußfolgerungen seiner Arbeiten zog. Er wendete seine Ideen zur Evolutionsgeschichte auf die Entstehung der Gattung Mensch an und zeigte eindringlich die Einzigartigkeit des homo sapiens auf, dessen gewaltiger Evolutionsvorteil, Mayrs Meinung nach, gerade seine Fähigkeit zum Altruismus ist.

Der Mensch ist das Königswesen der Evolution, weil er nicht instinkthaft nur das Wohlergehen der eigenen Nachkommen im Auge hat, sondern sich einem sozialen Regelwerk unterwerfen kann, das Allgemeininteressen über die egoistischen Einzelinteressen stellt.

Und irgendwie habe ich das Gefühl - nun können Sie das als etwas sehr Kindisches ansehen, irgendwie habe ich das Gefühl, dass jeder Mensch eine Verantwortung dafür hat, dass dieses großartige Geschöpf nicht untergeht, sondern dass das sich womöglich sogar noch höher entwickelt, dass es noch besser wird. Und irgendwie ist das die Grundlage meiner eigenen Lebensphilosophie.

Mit seinen 100 Jahren lebt Ernst Mayr heute in der Seniorenresidenz der Harvard-Universität. Wie man hört, sitzt er gerade an einer Autobiografie, die nicht nur von Fachleuten mit Spannung erwartet wird.


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