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7.7.2004
Der Deutsche Evangelische Kirchentag in Leipzig 1954
Vor 50 Jahren
Von Kirsten Heckmann-Janz

Szene auf dem Kirchentag 1994 (Bild: AP)
Szene auf dem Kirchentag 1994 (Bild: AP)
Vor 50 Jahren gingen die Bundesrepublik und die DDR schon sehr verschiedene Wege. Die Zonengrenze war bereits hermetisch abgeriegelt, lediglich in Berlin gab es noch die offene Grenze zwischen Ost und West. Deutsch-deutsche Zusammenkünfte wurden unter diesen Umständen zur Seltenheit. Aber - in dieser Zeit des Kalten Krieges gab es ein Großereignis, das noch gesamtdeutsche Gemeinsamkeit dokumentierte: In Leipzig fand ein evangelischer Kirchentag statt, für Deutschland Ost und West.

Mit einem feierlichen Gottesdienst und unter dem Läuten der Glocken der Kirchen und der auf zahlreichen Plätzen der Stadt errichteten Glockenstühle wurde am heutigen Nachmittag der 6. Deutsche Evangelische Kirchentag in Leipzig eröffnet. Auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz, an dessen Stirnseite unter den Symbolen des Kirchentages und der Jungen Gemeinde, ein Altar errichtet war, hatten sich über 75.000 Menschen versammelt.

7. Juli 1954. In der Deutschen Demokratischen Republik treffen sich Christen aus Ost und West zum 6. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Noch ein Jahr zuvor waren in der DDR vor allem junge Christen und engagierte Pastoren verfolgt worden. Im Sommer 1954 aber gibt sich die SED-Regierung tolerant und weltoffen.

Es war eine große Gemeinde von Christen von Ost und West. Unter ihnen mehr als 200 Vertreter der Ökumene, Gäste aus 27 Ländern, aus Europa und Übersee. Man sah evangelische Christen aus Afrika, Australien, Mexiko, den Vereinigten Staaten, Japan, China und Jordanien. Der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Dr. Reinhold von Thadden-Trieglaff, begrüßte die Ehrengäste und sprach dann zur besonderen Aufgabe dieser gesamtdeutschen Versammlung evangelischer Christenheit.

Thadden-Trieglaff: Der Leipziger Kirchentag, der jetzt zusammentritt, ist als Gemeinde unter dem Evangelium versammelt und als nichts anderes. Damit fallen alle die weitverbreiteten Spekulationen fort, die unserem Tun einen unbiblischen, einen falschen Sinn unterstellen wollen. Wir sind keine politische, keine kirchliche und keine religiöse Kundgebung, wir haben auch nichts mit dem höchst unchristlichen Bestreben zu tun irgendwo entlehnte Meinungen wirtschaftspolitischer, sozialpolitischer, weltpolitischer und weltanschaulicher Art mit frommen Worten herauszuputzen und den zusammengeströmten Scharen als neueste Heilsbotschaft anzubieten.

Friedrich Winter: Ich weiß noch, dass sehr breit eingeladen wurde zum Kirchentag, und da sind aus unserer Gemeinde, das war eine Dorfgemeinde in Vorpommern, ungefähr 25 Menschen gefahren, ganz unterschiedlichen Alters, das waren Jugendliche, das waren auch ältere Menschen.

Friedrich Winter, damals junger Pastor im ersten Dienstjahr.

Friedrich Winter: Es war sehr beeindruckend, wie die Menschenströme bei einem dunklen Tag, es war also kein Sonnenschein zu sehen, wie die Menschen auf den Straßen langsam, aber sicher dann zu diesem großen Eröffnungsgottesdienst strömten. Dass da Tausende von Menschen zusammen waren, um in der Öffentlichkeit einen Gottesdienst zu feiern, das war schon etwas ganz besonderes, weil wir ja sonst mit unserem Gottesdienst auf kirchliche Räume beschränkt waren.

Christiane Winter: Ich bin durch die Straßen, war angekommen in Leipzig und gehe durch die Straßen, ich glaube, es war schlechtes Wetter, mit meiner Freundin, die ich da getroffen habe.

So erinnert sich die Biologiestudentin und Pfarrerstochter Christiane Winter.

Christiane Winter: Und wir hörten durch den Lautsprecher ganz wundervoll die Motette von Johann Sebastian Bach "Jesus, meine Freude". Und es war ja noch nicht lange her, 1953, das Frühjahr, als ich davor stand, als Christin von der Uni zu fliegen, weil wir ja so eine gehasste Gruppe waren, die Christen waren ja Staatsfeinde, und nun Mitten in so einer belebten Stadt "Jesus, meine Freude", was für uns ja ein ganz wichtiges Lied ist, da zu hören, das hat uns umgehauen. Wir waren so glücklich beide, total aus dem Häuschen.

Ingrid Laudin: Ich erinnere mich eigentlich nur an Müdigkeit, Überforderung und so was.

Ingrid Laudin, Theologiestudentin an der Humboldt Universität.

Ingrid Laudin: Und dann habe ich in Erinnerung, dass es pausenlos geregnet hat und nicht nur so ein bisschen getröpfelt, sondern immer "gib ihm". Und ich habe auch in Erinnerung, dass manche Leute, obwohl sie fröhliche Lieder sangen, ziemlich aggressiv waren.

Also, in der Straßenbahn wurde dann da gesungen, irgendwas, und ich sang nicht mit, ich war müde, und ich hatte keine Lust. Sonst singe ich gerne, aber ich hatte keine Lust - hat mich eine Frau ange..., richtig angekeift: Sie haben hier zu singen, na, das fand ich nicht so lustig.

Und ich denke, es lag auch daran, dass es bei mir so, alles so angestrengt war, an dem Kirchentagslied. Also, so ein Kirchentagslied prägt ja, und wenn die auf die Idee kommen, "Oh Christenheit, sei hoch erfreut", dieses wirklich ... , wenn Sie sich das Lied noch mal angucken, also, es ist mittelalterliche Sprache und schwierig und die Melodie ist überhaupt nicht singbar, das ist ein Jammer gewesen, dieses Lied.


Leipzig steht ganz im Zeichen des Kirchentages, sieben Mal täglich läuten die Glocken, viele hundert Kirchentagsfahnen schmücken Straßen und Plätze, verdecken teilweise die Portraits von Marx, Lenin und Stalin. Die 179 Veranstaltungen des Kirchentages sind restlos ausverkauft, allein 60.000 Dauerteilnehmer haben sich angemeldet. Die Kirchen und die riesigen Hallen auf dem Messegelände sind überfüllt.

Friedrich Winter: Ich bin dann zu den Bibelarbeiten, die ja in den Messehallen stattfanden, für die, die da nicht reinpassten, waren dann so Zelte aufgestellt.

Und dann habe ich auch da einen Vortrag von Johannes Hamel gehört, der gerade ein Jahr vorher verhaftet gewesen war im Zusammenhang der Vorgänge um das Jahr '53, wo man ja vor allen Dingen gegen die Studentengemeinde sehr eingestellt war, hatte er ein halbes Jahr im Gefängnis gesessen, und darum galt er damals unter uns Jüngeren als einer, zu dem man ein bisschen aufblickte, und an dem man sich aufrichtete.

Es ging um die Hoffnung und um die Wiederkunft Christi, also eigentlich ein hohes theologisches Thema, das er aber, soviel habe ich nur noch in Erinnerung, das er doch so abgehandelt hat, dass das jedermann, glaube ich doch, gut mitverfolgen konnte.


Am vorletzten Tag, am 10. Juli, berichten Teilnehmer der insgesamt sechs Arbeitsgruppen im Rundfunk über die Diskussionen der vergangen Tage. Kirche und Gemeinde, Familie und Ehe, Volk und Politik, Wirtschaft und Technik, das Dorf und die Großstadt waren die Themen. Das Gespräch leitet der Generalsekretär des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Heinrich Giesen.

Giesen: Ich freue mich, dass wir heute im Kreis der Vertreter der Arbeitsgruppenleitungen zusammensitzen können. Gerne hätte ich einen Bericht aus der Arbeitsgruppe sechs. Darf ich fragen, Sie hatten doch zwei Themen, Bruder Imme?

Imme: Wir hatten am ersten Tag das Thema, wo es am meisten wohl geknistert hat hier auf dem Kirchentag, nämlich das Friedensreich Jesu Christi. Von Frieden spricht heute jeder, und jeder meint etwas anderes darüber. Wir haben lange gebraucht in den Aussprachen, in denen es hoch her ging, bis wir einander ein wenig verstanden haben.

Ganz klar wurde uns, wer den Frieden will, darf weder hassen noch zum Hass auffordern, sondern muss bereit sein, mit jedem Menschen, auch dem Amerikaner und dem Russen, zu reden. Denn Krieg ist ja immer Menschenwerk und Menschenschuld. Frieden, das ist ein Geschenk. Frieden gibt Gott und zwar, indem er Menschen versöhnlich macht.


Giesen: Habe Sie das irgendwie gespürt, wurde Ihnen das abgenommen von den Leuten?

Imme: Die Leute wollten heute und auch gestern Nachmittag bei der Diskussion dauernd klatschen, die waren so dabei, so mit Freuden, weil wir endlich mal gemerkt haben, dass wir hier jeder frei seine Sache sagen konnten, seine Not erzählen konnten. Wir vom Westen lernten die Not der Ostleute kennen, die vom Osten lernten unsere Nöte kennen, jetzt können wir wenigsten für einander beten.

Bei den offiziellen Kirchentags-Empfängen begegnen sich Politiker aus Ost und West. Aus der Bundesrepublik ist eine Delegation des Parlaments unter der Leitung des Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers angereist. Vertreter der DDR sind unter anderem der stellvertretende Ministerpräsident Otto Nuschke und der Präsident der Volkskammer, Johannes Dieckmann. Als gesamtdeutsche Veranstaltung passt der Kirchentag durchaus in das politische Konzept der SED. Noch propagiert die DDR-Regierung die "Deutsche Einheit".

Auch bei der Abschlusskundgebung mit weit mehr als 200.000 Menschen sind Politiker aus beiden deutschen Staaten anwesend. Ingrid Laudin erinnert sich an die Atmosphäre dieser Veranstaltung:

Ingrid Laudin: Und zwar dieser schöne Satz von Dibelius: Christen sind fröhliche Leute, erstens sowieso, wir wollen uns den alten Ruhm nicht nehmen lassen, dass wir des Heilands fröhliche Leute sind, so ging es weiter, das habe ich behalten. Sonst weiß ich von der Abschlusskundgebung also nur, dass sie da so schön aufgereiht saßen, Staat und Kirche nebeneinander.

Friedrich Winter war schon vor Ende der Kundgebung abgereist:

Friedrich Winter: Hab' nur am Radio den Kirchentag verfolgt mit der berühmten Predigt von Bischof Dibelius: "Seid fröhlich in Hoffnung" - war ja das Hauptmotto des Kirchentages. Christen sind fröhliche Leute, erstens sowieso, zweitens weil Kirchentag ist und drittens weil es in Leipzig, im Osten, stattfinden kann. Ein bisschen sehr schlicht für mein Empfinden, aber es wirkte ungeheuer auf die Menschen und sie klatschten ganz großen Beifall, das habe ich im Radio gehört.

Es war jedenfalls wohl eine außergewöhnliche Situation, und im Rückblick weiß man ja, dass um diese Zeit gerade die SED zu einem erneuten Start "Einführung der Jugendweihe" schritt. Die wurde ja dann Ende '54, ein halbes Jahr nach dem Kirchentag, das erste Mal offiziell propagiert, und es ist erstaunlich, dass in dieser Lücke zwischen der Verfolgungszeit um '53 und dem erneuten Versuch des Staates, nun langsam aber sicher gegen die Volkskirche vorzugehen, nur offiziell in etwas behutsamerer Form, dieser Kirchentag so dazwischen stattfand.

Christiane Winter: Wir Ostdeutschen fühlten uns gestärkt, oder hatten Rückenstärkung dadurch, dass wir wussten, wir sind hier nicht alleine, wir haben die Christen im anderen Teil Deutschlands neben uns, wir sind einfach nicht allein, wir sind noch ein paar mehr.

Das war ja auch schon unter DDR-Christen so wichtig, man musste sich ja als einzelner an dem Punkt, wo man war als Christ, musste man ja bestehen, aber bei so einem Kirchentag, da war man nicht alleine, da hatte man andere zur Seite, und das war eine große Kraftquelle für die Teilnehmer. Die sind da an ihre einzelnen Punkte mit neuem Mut und mit neuem Glauben, kann man sagen, der war gestärkt, zurückgezogen.


Der Leipziger Kirchentag im Sommer 1954 sollte für Jahrzehnte der letzte gesamtdeutsche sein. 1997, sieben Jahre nach der Wende, fand zum ersten Mal ein Deutscher Evangelischer Kirchentag in einem neuen Bundesland statt - wieder in Leipzig.
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