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14.7.2004
Eine Stadt wird montiert
Der Bau von Halle-Neustadt
Von Ulrike Werner

Plattenbausiedlung Halle-Neustadt (Bild: AP-Archiv)
Plattenbausiedlung Halle-Neustadt (Bild: AP-Archiv)
Nach Eisenhüttenstadt und Hoyerswerda entstand Mitte der sechziger Jahre die Chemiearbeiterstadt Halle-West, heute Halle-Neustadt, die größte Plattenbaustadt der DDR. Über 50.000 Arbeiter produzierten im Chemiedreieck Leuna, Buna, Bitterfeld bei Halle "Plaste und Elaste". Für die musste dringend Wohnraum geschaffen worden, denn die enge Altstadt von Halle konnte den riesigen Wohnungsbedarf nicht decken. Am 15. Juli 1964 legte Horst Sindermann, der erste Sekretär der Bezirksleitung Halle der SED den Grundstein.

Horst Sindermann: Liebe Bauschaffende von Halle/West, liebe Gäste, Freunde und Genossen! Manche sagten uns, ihr habt es recht eilig mit dem Abriss der alten Häuser.

Mit einem Planvorsprung von 2,7 Tagen wurde der Baugrund vorbereitet. Pumpen senken den hohen Grundwasserspiegel der Saale, Trassen sind durch den Schlamm gelegt. Altbauten die bei der großzügigen Anbindung der Neustadt an Alt-Halle im Weg stehen, werden zügig niedergerissen.

Horst Sindermann: Wir beeilen uns so, weil es unseren Vorstellungen vom Sozialismus entspricht, wenn diese und andere Zeugen der kapitalistischen Vergangenheit so schnell wie möglich getilgt und statt ihrer solche Wohnverhältnisse geschaffen werden, in denen der Mensch sich wohlfühlen kann. Eine Stadt, in der zu leben für jeden Glücklichsein heißt.

Sabine Blech: Ich fand's eine sehr schöne und helle Stadt im Gegensatz zu Halle, wo alles ja nun zerfiel und alles Grau in Grau war. Es war überall Sonne und es war hell, das ist doch was Schönes...

Der Mann von Sabine Blech arbeitet als Ingenieur in Leuna. Die junge Familie mit zwei kleinen Kindern bekommt 1971 ihre erste eigene Wohnung in der Neustadt. Warmwasser aus der Wand, Klo in der Wohnung. Heizen ohne Ende.

Sabine Blech: Alle Familien sind zur gleichen Zeit eingezogen. wir waren alles junge Menschen, und mit vielen Kindern auch. Und das war für die Kinder wunderschön. Man hat sich ausgetauscht, oder man hat gesagt, ich will jetzt mal fort, passt du auf die Kinder auf - ja selbstverständlich - oder ich war gerade in der Kaufhalle, es gibt Apfelsinen, wenn du noch gehst, kriegste welche ab.

Um die Magistrale, die große vierspurige Straße, die die Neustadt zerschneidet, wachsen nach Plan die Wohnkomplexe, zunächst einer dann zwei, dann drei und schließlich sieben. In jedem Wohnkomplex sind Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Schulen schnell zu Fuß erreichbar. Damit die Frauen Arbeit und Kinder unter einen Hut kriegen.

Im Zentrum die riesige Kaufhalle, die "Kofi", wie die Neustädter sagen. Nagelneu ragt sie weiß und mit großen Fenstern aus dem Schlamm. Davor eine Schlange junger Mütter, vor sich alle denselben großrädrigen Kinderwagen.

Sabine Blech: Wenn Feiern waren, waren alle da. also ich kann mich noch an meine zweite Hochzeit erinnern, an den Polterabend, das wär also unmöglich gewesen, da nichts zu machen, das hat sich rumgesprochen, das ganze Haus war dann eingeladen und dann bis Mitternacht gefeiert.

Wohnkomplex 2, Block 387, Haus 7, Wohnung 8. So lauten die Adressen in der Neustadt. Was braucht der Arbeiter der Zukunft noch altertümliche Straßennamen, meinen die Planer. - Die zusammengeschraubten Blockreihen, mal 5, mal 6, mal 10, mal 11 Geschosse hoch, unterscheiden sich nur durch das, was auf dem Balkon steht.

Sabine Blech: Diese Uniformiertheit, das hat mich schon gestört. Aber der Mensch ist so, dass er ausbricht. Alle sind wir da ausgebrochen. Jeder hat dann versucht, sich selbst zu verwirklichen in der Wohnung. Ob er nun die Durchreiche rausgenommen hat, oder 'n Aquarium eingebaut hat, oder die Tapeten runter, und neue Tapeten drauf, im eigenen Stil. Fliesentapete fürs Bad, Fliesen gab's ja nicht, aber dann wenigstens den Schein von einem gekachelten Bad.

Frühmorgens um vier gehen in der Neustadt die ersten Lichter an. Die Frühschicht in Leuna und Buna. Um sechs Uhr früh dann reger Betrieb: die Tagesschicht ist unterwegs. Die Arbeiterkollegen treffen sich schon auf dem Weg zum hochmodernen S-Bahnhof. Das etwa 200 Meter lange Gleis ist unterirdisch. Damit kein wartender Arbeiter nass wird. Knapp zwanzig Minuten braucht die Schnellbahn bis Leuna. Peter Umbreit fährt jeden Morgen mit seinen Skatkumpeln, auf festgelegten Stammplätzen, versteht sich.

Peter Umbreit: Man muss sich vorstellen, da iss ein riesenlanger Bahnhof, und da fuhren drei große Doppelstockzüge mit sechzehn Anhängern nach Leuna, also das waren ca. 1.000 Leute pro Zug, und die kamen dann immer geschlossen an, im Zug hat man sich immer getroffen, und es gab ein Leben, erzählt wurde, ja, und man war immer in Gemeinschaft.

Peter Umbreit ist Schichtleiter in Leuna, er arbeitet in der Forschung. Die Arbeit gefällt ihm, und im Kollektiv fühlt er sich aufgehoben.

Peter Umbreit: Das ging dann auf Arbeit im Prinzip weiter, da ging man erst mal und begrüßte seine Leute frühmorgens und dann wurden die Arbeiten eingeteilt, man hat auch Kontakte in der Form geführt, welche Probleme haben die Leute, man konnte dann auch als Leiter sich für sie einsetzen, dass sie eine Kinderkrippe bekamen, oder wenn es besondere Schwierigkeiten gab, auch mal für 'ne Wohnung einsetzen. -Wir haben zum Beispiel in unserer Abteilung auch 'ne große kulturelle Sache gehabt, wir hatten einen Chor - wir sind dann als Volkskunstkollektiv sogar ausgezeichnet worden.

Die Wohnungen in Halle-Neustadt bleiben bis zur Wende begehrt - nicht nur bei den Chemiearbeitern. Auch die Intelligenz wohnt in den Blocks, Ärzte, Professoren, Rechtsanwälte, Kulturschaffende. Die Altbauten in Halle können wegen der viel zu niedrigen Mieten nicht saniert werden. Geheizt wird nach wie vor mit Kohle. Wer es im Altbau beim Frühstück warm haben will, muss um fünf aufstehen. Sabine Blech zieht in den achtziger Jahren trotzdem wieder zurück in die Altstadt. Die Vierraumwohnung ist mit inzwischen vier Kindern zu klein geworden.

Sabine Blech: Die Umstellung ist mir sehr schwergefallen, weil ich gedacht habe, ich werde nie wieder warm, und dann Ofen heizen, die Fenster waren undicht - also da hab ich der Neustadt schon hintergetrauert.

Arbeiterschließfächer, oder Schnarchsilo, so nennen die Einwohner ironisch ihre Stadt. Jeder Block, der sich durch eine individuelle Fassade oder Form auszeichnet, bekommt einen Namen. Der mit den blauen Kacheln an der Platte heißt das "Blaue Wunder". Der ganz lange ist der "Weiße Riese".

Die Architekten von Halle-Neustadt haben voller Idealismus ihre Planungen begonnen. Richard Paulick, der Chefarchitekt, hat bei Walter Gropius gelernt und ist nach wie vor vom Bauhaus geprägt. In Berlin hat er den Wiederaufbau der Staatsoper Unter den Linden geleitet. Harald Zaglmeier radelte als Student von Weimar nach Dessau, aus Begeisterung für das Bauhaus.

Harald Zaglmeier: Dann hörte ich, dass Paulick in Halle-Neustadt ist und ich wusste ja, dass der ja am Bauhaus einiges mitgemacht hatte, das Stahlhaus in Dessau, und da gab's für mich kein Zurück mehr.

Wie er kommen viele junge Architekten voller Enthusiasmus nach Halle-Neustadt. Man fühlt sich in der Linie der Bauhaus-Tradition, die auf funktionalen und industriellen Serienbau setzte. Kostengünstig und effizient . Die DDR hat wenig Geld.

Richard Paulick fordert Kreativität. So wird mäanderförmig gebaut, die Wohnungsgrundrisse werden variiert. Zwischen den Blocks entstehen großzügige Grünflächen. Künstler arbeiten in Halle-Neustadt, Schriftsteller ziehen her und begleiten das Werden der Stadt. Kultur gehört zum Zuhause der Arbeiter, das ist ernst gemeintes Programm.

Sabine Blech: Der Buna-Pälzer, so wie die Arbeiter genannt wurden - aber liebevoll, das ist nicht abwertend und der Leuna-Arbeiter - Die waren einfach fertig. Schon durch den Mief, durch die schlechten Arbeitsverhältnisse dort - wenn sie an so 'ner Karbid-Bude am Karbidofen stehen, Sie haben keine Interessen mehr für irgendwelche kulturellen Sachen. Das endete ja auch meistens so: ausziehen: Turnhose, Hemd, so lief man rum, die Männer in Neustadt, Frauen Kittelschürze meistens (lacht dabei) zuhause. Weil es war ja immer warm und dann Bier auf'n Tisch und dann fielen die ins Bett um zehn.

In Halle-Neustadt gab es mehr Apfelsinen und Bananen als anderswo. Entschädigung für die gesundheitsschädliche Arbeit. Die Chemiearbeiter mussten oft nur fünf statt zwanzig Jahre auf ihren Trabbi warten. - Ihnen war der Sozialismus näher als anderen.

Mit der Wende 1989 ändert sich alles. Die Chemiewerke werden umstrukturiert. Zehntausende verlieren ihren Arbeitsplatz.

Heute zieht es durch die kaputten Glasscheiben im S-Bahnhof Halle-Neustadt. Fahrkartenschalter und Kioske sind verwaist. Seit 1990 ist die Einwohnerzahl der Neustadt um ein Drittel zurückgegangen.

Hausmeister Gerhard Knape: Ja...eins zwei drei viere fünfe sechse siebene , dreizehn, vierzehn .... fünfundzwanzig.... fünfundreißig...

Im Hochhaus "Am Tulpenbrunnen" zählt Hausmeister Gerhard Knape die Briefkästen ohne Namensschild.

vierzig... Etwa vierzig Wohnungen die leer sind...

Vierzig von 133 Wohnungen sind leer. Auf den Briefkästen mit Namensschild sind neben den deutschen Namen viele slawische oder arabisch klingende. Von den früheren Bewohnern sind vor allem die Älteren geblieben. Die Jüngeren wandern ab in Richtung Westen, der Arbeit nach.

Halle-Neustadt gilt als Prototyp einer schrumpfenden Stadt in den Neuen Bundesländern. Es wird nach Plan rückgebaut, abgerissen. Gerhard Knape hat vor vierzig Jahren als LKW-Fahrer am Bau des Betonplattenwerks für Halle-Neustadt mitgewirkt.

Hausmeister Gerhard Knape: Im Nachhinein scho a bißche komisch, wenn man sich das überlegt: man hat's mal mit aufgebaut, man hat sich gefreut, man dran geglaubt, das wird was, das geht vorwärts, jawoll! - oh! und jetzt sieht man dann auf einmal, dass es wieder zurückgeht - a bißche komisch ist das schon, aber ich bin gerne in Halle-Neustadt. Wenn man oben -waren Sie schon mal aufm Punkthochhaus? - wie viel Halle-Neustadt Grün hat! - Das ist Wahnsinn! - Da soll mir einer mal 'ne Stadt zeigen, die soviel Grün hat! -Die haben alle ihre Bäume vor der Tür. Da kann sich jeder einen aussuchen. Einen Baum, den er pflegen kann.
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