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9.7.2004
Landschaft im alten Deutschland
Von Peggy Fuhrmann

Der deutsche Wald hat sich verändert (Bild: AP)
Der deutsche Wald hat sich verändert (Bild: AP)
In diesem Jahr ist der Sommer bisher verhältnismäßig kühl und feucht gewesen. Was für viele unangenehm ist, hat für den deutschen Wald Vorteile: Er kann sich ein wenig von der Trockenheit des Vorjahres erholen. Seit Jahrzehnten gibt es immer neue Hiobsbotschaften darüber, dass Bäume und Wälder kränkeln. Im normalen Alltag nimmt man es vielleicht kaum wahr, aber es gibt Bergregionen, da ragen nur noch tote Stümpfe in den Himmel. Die Entwaldung unserer Landschaft ist allerdings kein Phänomen der letzten Jahrzehnte. Schon im Mittelalter lichteten sich auf frappierende Weise die Wälder.

"Ein Wunder bilden die Wälder. Sie bedecken das ganze Germanien und fügen zur Kälte das Dunkel der Schatten. Die Grenzen des Wunderbaren übersteigen in dieser nördlichen Zone die riesigen Eichen des Herkynischen Waldes, die, unberührt von der Zeit und seit Anbeginn der Welt stehend, fast das Los der Unsterblichkeit haben.”

... notierte Plinius der Jüngere während des römischen Feldzuges gegen die Germanen. Er beschrieb ein Land, das vor lauter Bäumen nicht zu sehen war:

Wir haben im mittleren, im westlichen und in Osteuropa innerhalb der klimatischen Zone der so genannten kühltemperierten Region Wälder auf fast allen Flächen gehabt, die nicht entweder Fels waren oder die nicht Wasser waren, nicht Sumpf waren.

Professor Richard Plochmann, Forsthistoriker an der Uni München.

Es waren Wälder, die im westlichen Teil insbesondere geprägt waren durch Laubbaumarten wie die Eiche, die Buche, im Osten war neben der Eiche die Kiefer dann stärker beteiligt, und die dort auf großen Flächen gemischte Bestände gebildet haben.

Doch Holz war eine begehrte Ressource. Und so wurden die Wälder schon vor Jahrtausenden abgeholzt, verfeuert und verkrüppelt, oder aber für Ackerflächen und Siedlungen gerodet: Die Axt brach der Zivilisation Bahn. Bis zum Mittelalter siedelten in unseren Regionen allerdings zu wenige Menschen, um größere Schäden anzurichten. Sie schlugen lediglich Mottenlöcher in den dichten Waldpelz. Und begünstigt durch das feuchte Klima eroberte der Wald brachliegende Flächen schnell zurück.

Peter Burschel, Professor für Waldbau und Forsteinrichtung an der Uni München, erklärt:

Wenn man irgendwo in Deutschland aufhört, den Boden zu bewirtschaften, zum Beispiel einen Acker brach liegen lässt, so wird man erst, was man als Unkraut bezeichnet, dort finden, plötzlich kommen die ersten die Weidenbäume durch, die Weidenbäume wachsen sehr schnell im Anfang, unterdrücken das Gras, andere Bäume kommen als Samen herein, entwickeln sich, und Sie können ganz sicher sein, wenn Sie in Deutschland eine Fläche sich selbst überlassen, und Sie schauen sie nach 50 Jahren wieder an, ist sie Wald.

Im Laufe des Mittelalters wuchs die Bevölkerung von zwei auf 15 Millionen. Und weil die Menschen damals sechs- bis achtmal mehr Holz pro Person benötigten als wir heute, begann mit der rasanten Bevölkerungszunahme die Zerstörung der Wälder. Bäume lieferten Baustoff und Material für Schuhe, Werkzeuge und Schüsseln, außerdem Brennholz zum Kochen und Heizen. Genauso wichtig waren die Früchte des Waldes: Bucheckern und Eicheln etwa galten als bestes Futter für Schweine, die wichtigsten Fleischlieferanten.

Zehntausende von Schweinen trampelten durch die Eichen- und Buchenwälder. Auf Futtersuche pflügten sie mit ihren Rüsseln die Böden um, knabberten die unteren Baumäste ab. Jedes Dorf überließ seine Schweine einem gemeinsamen Hirten. Der warf Knüppel hoch in die Wipfel, damit auch die letzten Bucheckern und Eicheln herunter fielen.

"Die Schweine haben sonderlich Lust zu Buchnusslein. Und das Fleisch wird wohlgeschmack und lieblich davon. Doch der Speck der von Bucheckern gemästeten Schweine ist nicht so fein hart wie der von Eicheln, sondern tropft gewaltig, wenn er im Rauchfang hängt."

Das wusste ein mittelalterlicher Chronist zu berichten. Das Resultat der Schweinerei: Die Humusschicht wurde zerstört, auf den verarmten Böden verkümmerten die Wälder und weil Eicheln und Bucheckern fehlten, kam auch kein Baumnachwuchs mehr hoch. Dennoch wetteiferten die Waldbesitzer darum, möglichst vielen Schweinen Futter zu bieten: Sie verdienten gut an der Gebühr für den Weideplatz, dem Dechelgeld, das jeder Bauer zahlen musste.

Um Brennholz zu gewinnen, hieben die Menschen Zweige und Äste oder auch ganze Stämme ab. Das überlebten nur Baumarten, die aus Stümpfen neu austreiben. Eichen gehören nicht dazu, sie gingen ein. Schließlich befahl ein Gesetz in der Beberer Mark:

"Wer eine Eiche verstümmelt hat, den soll man bringen bei den Stämmen und hauen ihm seinen Kopf ab und setzen denselbigen solange darauf, bis das er auf dem Baume anwächst."

Es nutzte wenig. Welche Folgen der vielfältige Raubbau hatte, beschreibt Andreas Faensen-Thiebes, Ökologe an der Technischen Universität Berlin:

Man hat den Wald vielfältig genutzt, und der hat sich dadurch natürlich sehr verändert. Der war wesentlich lockerer und hatte auch gar nicht so viele hohe Stämme, sicherlich ist sehr stark gefördert worden die Hainbuche, auch die Linde, weil das beides Gehölze sind, die es sehr gut vertragen, wenn man sie abschneidet, sie schlagen gut aus dem Wurzelstock wieder aus, und dieses Rausschneiden entweder ganzer Zweige als Viehfutter für den Winter oder auch fürs Brennholz und die Beweidung, das war ja nun eigentlich die bäuerliche Nutzung. Und was man kennt so teilweise aus der Renaissance-Malerei, wenn da Wälder gemalt sind, dann sind die halt sehr offen und haben gar nicht den Charakter von dichtem geschlossenem Wald, wie er jetzt vorliegt.

Mit dem Bevölkerungszuwachs stieg auch der Bedarf an Ackerland. Vor allem Waldstücke auf fruchtbaren Böden fielen der Axt zum Opfer. Dem Wald blieb, was für die Landwirtschaft nicht taugte: Die ärmsten Böden, schwer zu bearbeitende Steillagen. Dort aber wuchsen die Bäume schlecht, sie blieben klein und dünn. Und so war am Ende des Mittelalters der einst gewaltige germanische Urwald auf kümmerliche Reste geschrumpft. Die gesamte Waldfläche betrug nur noch etwa ein Drittel der heutigen. Besorgt äußerte damals Martin Luther:

"Es wird noch vor dem Jüngsten Tag großer Mangel sein an guten Freunden, tüchtiger Münze und wildem Holze!"

Zeitsprung ins 18. Jahrhundert. Aus Amerika hatten Seefahrer die Kartoffel mitgebracht. Nach und nach verdrängte sie das Getreide als Grundnahrungsmittel und die Eichel als Mastfutter. Die Schweine blieben jetzt im Stall und sahen vom Wald nur noch das Holz des Futtertroges. Doch Kartoffeläcker werfen im Gegensatz zu Getreidefeldern kein Stroh ab, und so musste der Waldboden nun die Stalleinlage liefern.

Da entzieht man natürlich nicht nur einfach die Streu, sondern eben die ganzen Nährstoffe auch mit, und damit verarmte der Boden ganz erheblich und führte zu dem, was wir eben dann als typisches Landschaftsbild der Lüneburger Heide hatten, und das waren die Veränderungen, die im wesentlichen aufgetreten sind.

Der Wald wurde immer stärker zur Ware. Die europäischen Seemächte hatten im 18. Jahrhundert ihre eigenen Wälder weitgehend geplündert, um den gigantischen Holzbedarf für den Schiffsbau zu decken. Vor allem Britannien und Frankreich orderten deshalb zunehmend Bäume aus den deutschen Provinzen. Und denen sicherte der Holzexport immense Einnahmen.

Anfang des 19. Jahrhunderts besaßen die europäischen Seemächte nach Angaben des französischen Historikers Alexandre Moreau de Jonnès:

”23 Flotten mit 350.000 kleineren Kriegs- und Handelsschiffen, 1.700 größeren Schlachtschiffen, 410 Linienschiffen, 386 Fregatten.”

Und das bedeutete:

”... dass 4000 französische Quadratmeilen Wald allein in dem Zeitraum eines Jahrhunderts ausgehauen wurden, ohne ein anderes Bedürfnis zu befriedigen als das des Seehandels und seiner bewaffneten Beschützung. Eine Waldfläche, die zehnmal größer ist als die der deutschen Rheinprovinzen."

Für den Bau eines einzigen mittelgroßen englischen Kriegsschiffes fielen 4000 Eichen. Tausende von Arbeitern reihten an den großen Flüssen in Wochen währender Mühsal 20, 30 Meter lange Fichten- und Tannenstämme nebeneinander und banden sie zusammen - bis zu einer Gesamtlänge von über 300 Metern. Schließlich beluden sie die gewaltigen Flöße - Transportmittel und Ware zugleich - mit schweren Eichenstämmen. 450 Männer waren nötig, um ein solches Ungetüm den Fluss hinunter zu rudern.

Wir wissen zum Beispiel, dass diese riesigen Holzexporte dazu geführt haben, dass ein Drittel des Schwarzwaldes kahl geschlagen worden war und kahl lag.

Der Forsthistoriker Richard Plochmann:

In allen großen Flüssen schwammen damals riesige Flöße zur Nord- und zur Ostsee, um die Küstenstädte, um Holland und England mit Holz zu versorgen, die damals bereits ihre eigenen Holzvorräte schon aufgebraucht hatten. Und das hat natürlich zu einer sehr tiefen Übernutzung des Waldes in Deutschland geführt, so dass am Ende dieser Periode, also etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Wald in einem sehr schlechten Zustand war und es dann im 19. Jahrhundert notwendig war, diesen Wald erst wieder zu sanieren.

Wälder bedeckten nur noch etwa 20 Prozent der Landesfläche. Nun sollte großflächig aufgeforstet werden. Doch wie und mit welchen Bäumen?

"Nur der kann zum Anbau der Eiche mit Konsequenz raten, der zugleich erklärt, dass er lieber Eicheln als Brot und Semmeln isst. Der Holzbau darf kein so fruchtbares Land, als der Anbau der Eiche erfordert, in Anspruch nehmen. Der untragbarste und unfruchtbarste Boden gehört ihm. Die Holzart, welche hier den größten Nutzen gewährt, ist die edelste. Das ist unstreitig die Kiefer - sie ist die Krone aller unserer Holzarten. Bei ihr wird mit den wenigsten Mitteln und mit den kleinsten Opfern der Zweck, die Befriedigung aller unserer Holzbedürfnisse, am ersten und sichersten erreicht."

Friedrich Pfeil, der erste Direktor der preußischen Forsthochschule, opferte 1816 die deutsche Eiche der sogenannten Reinertragslehre, Der Siegeszug der Nadelholz-Monokulturen begann als Versuch, den größtmöglichen Gewinn aus dem Waldboden zu erwirtschaften: mit dem Holz als Kapital.

Dr. Helmut Klein vom Bund für Umwelt- und Naturschutz:

Wenn Brennholz uninteressant ist, und Brennholz ist immer uninteressanter geworden, dann spielt Bauholz die Hauptrolle, Bauholz heißt: ich brauch gerade Latten, gerade Bretter und gerade Balken, und das geht leichter mit einer Fichte, Tanne oder Kiefer oder noch Lärche, und geht weniger gut mit dem Laubholz, und damit ist es einmal dazu gekommen, dass die Nadelhölzer bevorzugt wurden. Zweitens sind die Nadelhölzer schnellwüchsiger in der Regel als die Laubhölzer, und das hat geheißen eben für 100 oder 150 Jahre, wenn Sie wollen, dass mit einem Nadelholzbestand mehr verdient ist als mit einem Laubholz- oder einem Mischbestand.

Das Resultat:

"Ein Wald, aus Bretterreihen bestehend, die oben mit Grün verputzt sind."

So charakterisierte Robert Musil den Fichten-Forst. Nicht nur, dass der Wald gleichförmiger, langweiliger, düsterer, artenärmer wurde, Nadelwald-Monokulturen erwiesen sich auch als höchst anfällig. Die flachwurzelnden Fichten fielen in Stürmen reihenweise um. Und den Schadinsekten, die sich vorzugsweise von Kiefer und Fichte ernähren, boten die gleichartigen Bestände paradiesische Lebensbedingungen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts registrierten die Förster nahezu jährlich schwere Epidemien. Weite Waldgebiete mussten dann im Eilverfahren kahlgeschlagen - so zu sagen ”notgeschlachtet” werden.

Das hat dazu geführt, dass man dann um die Jahrhundertwende angefangen hat, die schlausten natürlich zuerst, zu begreifen, dass dieses ein Holzweg ist. Und seit etwa 40 Jahren oder so ist es wohl so, dass in der Ausbildung eigentlich jeder Förster lernt, dieses ist Unfug, das ist extrem kurzsichtig, wir brauchen wieder Mischwälder. Von der Pflanzung her, von der Anlage her.

Mit dem naturnahen Waldbau und einer schonenden Nutzung der Wald-Ressourcen schien alles getan, was zur Regeneration der Wälder notwendig war. Doch der Schein trog. Die neue Bedrohung begann so schleichend, dass sie lange Zeit nur von wenigen Menschen bemerkt wurde. Zu ihnen gehörte der preußische Minister für Wohlfahrt. Er warnte bereits 1923:

"Gibt es jemanden, der nicht selbst erfahren hätte, welch eine gesundheitsstärkende Kraft von unserem deutschen Wald ausgeht? Verhängnisvoll wäre seine Vernichtung durch die Rauchgase an Ruhr und Lippe. ... Diese Denkschrift soll in letzter Stunde zeigen, wie weit das Sterben der Wälder im Ruhrgebiet bereits fortgeschritten ist und wie dringend notwendig sofortige Abhilfe im öffentlichen Interesse liegt."

Ein halbes Jahrhundert später wurde die industrielle Schädigung des Waldes auf einen neuen Begriff gebracht: saurer Regen. Und ist seither Gegenstand regelmäßiger Waldschadensberichte.
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