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12.7.2004
Krieger mit der Lyra
Zum 100. Geburtstag von Pablo Neruda
Von Holmar Attila Mück

Der chilenische Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda (Bild: AP Archiv)
Der chilenische Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda (Bild: AP Archiv)
Der chilenische Schriftsteller und Diplomat Antonio Skarmeta formulierte einmal seinen Glauben an die Poesie mit den Worten: "Menschen die Poesie lesen, Menschen die Literatur im Allgemeinen lesen, sind bessere Menschen, und bessere Menschen bekommen bessere Ideen, sie kämpfen, um gute Ideen und Ideale durchzusetzen..." Sein Landsmann, der Dichter Pablo Neruda wäre am 12. Juli 100 Jahre alt geworden. Er war einer, dessen Gedichte die Menschen weit über seine Heimat hinaus erreichte und den Einfluss der Poesie in Gang setzten.

San Antonio, den 11. September 1973, 10 Uhr 35.
Über den Fernschreiber geht eine Meldung an den Polizeichef der kleinen chilenischen Hafenstadt: "Absicherung des Militärkonvois - drei Mannschaftswagen! - Von Valparaiso nach Isla Negra. Ziel: Abriegelung des Wohnhaus und der näheren Umgebung des Senators und Botschafters im Ruhestand Senor Ricardo Elieser Neftali Reyes y Basoalto und seiner Frau Matilde Urrutia. Unterbindung sämtlicher Verbindungen nach außen."

Der Polizeichef sitzt seit vier Uhr am Radio und hört die Berichte aus Santiago. Jetzt ist er unmittelbar einbezogen, ist ein aktiver Teil der chilenischen Geschichte geworden. Er reicht das Fernschreiben seinem Adjutanten.

Sie wollen Pablo Neruda verhaften! Die Straßen sind frei zu halten! Das Volk ist zurück zu halten! Sie schicken Panzer gegen die Poesie. Was für ein Befehl!?

In den frühen Nachmittagsstunden weiß Neruda bereits vom Tode seines Freundes Salvador Allende. Er hatte seine letzte Rede über "Radio Magellanes" gehört. Er weiß: die Moneda wird bombardiert. Im Zentralstadion von Santiago, in dem er vor einem dreiviertel Jahr noch, nach seiner Rückkehr von seinem Botschafterposten in Paris, von seinen Landsleuten euphorisch begrüßt und 1971 von General Augusto Pinochet zum Literatur-Nobelpreis beglückwünscht worden war, sind Menschen aller Schichten, Parteien und Berufe zusammen getrieben worden. Auf Befehl eben dieses Generals.

Der bereits von seiner Krebserkrankung schwer gezeichnete Dichter hört das monotone "Auf und Ab" der Soldaten vor seiner Tür.

Angst? Nein, Angst hat er nicht. Er kennt diese Situation; Emigranten, die in den dreißiger Jahren Deutschland verließen, haben sie ihm geschildert. Er selbst kennt sie aus Spanien. Er denkt an Federico Garcia Lorca und dessen Schicksal.

Sollen sie kommen. Der Tod hat ihn längst umklammert. Aber nicht darüber ist er traurig. Er sieht vor dem bevorstehenden endgültigen Abschied seine Idee von einer gerechteren Gesellschaft untergehen. Dass er mit dieser unerfüllten Hoffnung sterben muss, bedrückt ihn sehr.
Matilde Urrutia schreibt über ihre letzten gemeinsamen Stunden in Isla Negra:

Pablo reagiert seltsam, anders als der kämpferische, starke Mann, den ich kenne. In seiner Haltung, in seinen Augen ist Leere, unbewusste Hoffnungslosigkeit. Völlig mutlos sagt er: "Das ist das Ende!" Pablos große Hoffnung, für die er sein ganzes Leben arbeitete, die Armut auszumerzen und für ein wenig Gleichheit in seinem Land, ist jäh zunichte gemacht. Pablo war in diesem Augenblick gestorben, innerlich zerbrochen.

Der Offizier El Quisco, der die Postenkette anführt, ist verlegen, der Auftrag missfällt ihm. Die Hausdurchsuchung geschieht noch zurückhaltend. El Quisco ist kulant.

Gestützt auf den Arm seiner Frau Matilde darf Neruda, Notizen und Fotos in der Hand, hinunter zum Ozean gehen. Er will noch - in höchster Eile! - die letzten Sätze seiner Biographie diktieren.
Wenngleich er die Zeichen der Unruhe im Lande wahrnahm, ausgelöst durch ungeschickte politische Entscheidungen, zunehmenden Druck und fehlende Hilfe vom Ausland, erscheint ihm alles wie ein böser Traum. Hatte er nicht vor wenigen Wochen noch in der Universität aus seinen Gedichten gelesen …

En plena guerra te llevó la vida
A ser el amor del soldado.

Con tu pobre vestido de seda,
tus unas de piedra falsa
te toco caminar por el fuego.

"Mitten im Krieg ließ dich das Leben
Zur Liebe des Soldaten werden.

Mit deinem armen Seidenkleid,
deinen Nägeln aus unechtem Stein,
solltest du plötzlich durchs Feuer gehen …"


Schweigend sitzen sie am Meer. Im Rücken die Läufe der
Maschinenpistolen. Es ist der Abschied von Isla Negra. Im nächsten Sommer wird es hier kein großes Fest, keinen Staatsakt zu seinem siebzigsten Geburtstag geben.
"Ich bekenne, ich habe gelebt" - das soll der Titel seiner Autobiographie sein. Matilde notiert seine hastig gesprochen Sätze, blättert zurück, korrigiert frühere Aussagen.
Zusammenhangslos reihen sich die Bilder seines Leben aneinander: Menschen, Namen, Zahlen, Straßen, Meere, Schiffe, Bücher, alles was sein Leben so prall, so abenteuerlich und reich machte:

Schemenhaft ist das Bild der früh verstorbenen Mutter, die ihn am
12. Juli 1904 in Parral, in der Mitte Chiles, zur Welt brachte; der Vater auf seinem Lokomotivstand in Temuco; Gabriela Mistral, die große Dichterin Chiles, die ihn in seinem Dichten ermutigte; die wilden Universitätsjahre in Santiago, die erste große, traurig endende Liebe; 1924 sein Band "Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung", der ihn über Nacht berühmt machte; die Jahre als chilenischer Konsul in Batavia, Kalkutta, Rangun und Buenos Aires, diese bittere Zeit des Dürstens nach Liebe und geistiger Bewegung; die heiße Sonne Spaniens, das brennende Madrid, der Mord an dem Freund Lorca…

Könnte ich jammern vor Furcht in einem verödeten Haus,
könnte ich mir die Augen ausreißen und sie hinunterschlingen,
ich täte es um deine Stimme, ein Orangenbaum in Trauer,
und um dein Gedicht, das schreiend ans Licht tritt …


Malva Marina, die geliebte, kleine Tochter steht im Totenhemd vor ihm; er sieht auf den "Großen Gesang", die gewaltige Poetisierung der Geschichte Lateinamerikas, wie er Strophe um Strophe wächst; die Frauen, die ihm Geliebte und Lehrerin waren - Albertina, Josie Bliss, Maria Antonieta, Delia - zeigen die Umrisse ihrer Antlitze und schließlich sieht er sich in den Tagen, da seine endgültige Wandlung vom "Sänger der Liebenden" zum "Poet der Strasse" geschah, sieht
eine Entwicklung, die ihn in die kommunistische Partei und zwangsläufig in die Politik trieb, der er sich nicht mehr zu entziehen vermochte.

Und der Irrtum STALIN!? Er sieht sich selbstkritisch in der Reihe der Freunde Aragon, Èluard, Brecht, Hikmet, Hermlin, Becher und anderer "sozialistischer Dichter", die dem "schrecklichen roten Zaren" mit ihrem Wort zu Diensten waren.

Viele haben mich für einen überzeugten Stalinisten gehalten. Faschisten und reaktionäre haben mich als einen lyrischen Exegeten Stalins hingestellt. Nichts dergleichen regt mich sonderlich auf.
In einer teuflisch wirren Zeit sind alle Schlussfolgerungen möglich.

Für uns Kommunisten war die Einsicht, dass der Feind in manchen Aspekten des Problems Stalin Recht hatte, eine private Tragödie. Dieser erschütternden Enthüllung folgte ein schmerzhafter Bewusstseinszustand.

Auch ich war dogmatisch in Beziehung zu manchen Autoren unserer Epoche. Gegenwärtig bin ich Gegner jeglicher Art des Dogmatismus, jeglicher Art Formeln und Regeln in Literatur und Kunst.
Ich las so viele Verse über den 1.Mai, dass ich nur noch über den 2. dieses Monats schreibe.


Für den Schriftsteller und Diplomaten Antonio Skarmeta, der ihm mit seinem berühmten Roman ""Mit brennender Geduld" ein Denkmal gesetzt hat, ist Neruda weit mehr als ein Parteibarde und begnadeter Dichter Südamerikas, für seinen deutschen Übersetzer Fritz Rudolf Fries eröffnet er sogar eine neue poetische Dimension:

Fries: Neruda ist der Dichtung fast altmodisch, weil er eigentlich die ganze Welt hinein nimmt.. Neruda war ein Sammler, er sammelt eigentlich die sichtbaren Zeugnisse der Welt und hat einen Anspruch, den man, glaube ich, heute nach ihm nicht mehr hat, die Welt total zu erfassen.
Diese Umwandlung der Welt in Poesie bedingt ja bei ihm eine Um-wandlung der Welt zum Besseren, indem er ja Utopien und Märchen hineinbringt in seine Dichtung; die Liebe vor allem; die Liebe ist ja ein Anspruch zu einer besseren Welt, zu einer Harmonie und das Politische läuft dann unten, dass ist nicht ein Parteiprogramm, das er hat.


Skarmeta: Er war Stalinist in einer Zeit, in der die andere Hälfte der Menschheit Faschisten war; heute kann man sagen: Stalinist.
Aber in diesem Moment, als dieser Kampf war, der "warme Krieg" in Europa, da musste man Entscheidungen treffen, natürlich, danach wurde ganz klar, was ist mit Stalin passiert und was für eine schreckliche, brutale Mann er war …
Neruda ist ein mächtiger Dichter, eine poetische Phantasie ohne Grenzen. Die Möglichkeit, Metaphern zu kombinieren und neue Sachen zur Welt zu bringen, das ist phantastisch, das ist eine poetische Energie, die, glaube ich, eine Ewigkeit wird dauern. Der Mythos Neruda ist ein lebendiger Mythos.


Dieser Mythos ist zweifellos ein Problem für die Pinochet-Junta. Selbst als Toter wird er noch gefürchtet. Man lässt die Zeit arbeiten. Noch aber diktiert Neruda sein Vermächtnis; noch sind seine Augen auf den vertrauten Freund, auf das Meer, gerichtet, noch liegt seine Hand in der Matildes, seiner treuen Gefährtin, die er mit seinem Gedichtzyklus "Die Verse des Kapitäns" mit in die Unsterblichkeit nehmen wird:

Wenn ich dein Gesicht nicht betrachten kann,
so betrachte ich deine Füße.
Deine Füße aus gewölbten Knochen,
deine kleinen, festen Füße.
Ich weiß, dass sie dich tragen,
und dass dein liebliches Gewicht
auf ihnen sich erhebt.
Deine Taille und deine Brüste,
der zweifache Purpur
deiner Kuppen
den Taubenschlag deiner Augen,
die eben noch flogen,
dein breiter Fruchtmund,
deine rote Mähne,
mein kleiner Turm du.
Aber ich liebe deine Füße
Nur deshalb, deshalb allein,
weil sie über die Erde gewandert sind,
über das Wasser, den Wind,
bis sie zu mir gefunden.


Auch diese Zeilen liegen, kostbar gebunden, in seinem Haus in Valparaiso. Nicht einmal zwei Wochen nach diesen letzten Stunden mit Matilde am Meer werden Soldaten es verwüsten, die Bücher verbrennen und die kostbaren Sammlungen zerschlagen ....

Isla Negra. 18. September 1973. Der sechste Tag der Belagerung der "Casa Poeta." Neruda sitzt an einem großen Fenster, mit Blick auf den Ozean.
Er schweigt. Was nun geschieht, fühlt er, hat mit ihm nichts mehr zu tun. Was ist schon Besonderes daran: Ein Dichter kehrt zurück zu dem, was er besang: zur Erde, zu den Ahnen! Nur einen Wunsch äußert er:

Kameraden, begrabt mich in Isla Negra!

Ein Asylangebot der mexikanischen Regierung lehnt Neruda dankend ab. Er stirbt am 23. September kurz vor Mitternacht in Santiago. Sein Wunsch, in Isla Negra zu ruhen, wird ihm erst später erfüllt. Man fürchtete, dieser Ort würde zu einer Wallfahrtsstätte der Opposition werden. Aus seinen Häusern in Santiago, Valparaiso und Isla Negra war Neruda vertrieben worden, nicht aber aus dem Gedächtnis seiner Landsleute.

Heute, drei Jahrzehnte nach seinem Tod, stehen immer noch Mütter vor der Moneda und fragen nach ihren Kindern mit einer Zeile aus seinem Gedicht "Das Lied der Verzweiflung":

Es la hora partir, la dura y fria hora!

Es ist Zeit für den Abschied, die harte, kalte Stunde.

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