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16.7.2004
Der Untergang der alten Welt
Sendeschwerpunkt 1. Weltkrieg vor 90 Jahren
Von Georg Gruber

Schrecken des Krieges (Bild: AP)
Schrecken des Krieges (Bild: AP)
Der Erste Weltkrieg wird heute als "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts angesehen. Denn er richtete nicht nur in den Jahren 1914-18 grenzenlose Verwüstungen an, sondern hatte auch schreckliche Folgen. Hitler und der Zweite Weltkrieg sind eine logische Folge des ersten großen Krieges. Vor 90 Jahren bahnte sich dieser Krieg an: die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares löste die Krise aus, die am 1. August in Krieg mündete. Im Programm von DeutschlandRadio Berlin widmen wir uns in den kommenden beiden Wochen in einem Sendeschwerpunkt diesem Krieg in seinen verschiedenen Aspekten.

Es werden Heere auftreten, so ungeheuer, wie sie die Erde nie gesehen hat. (...) Es schwindelt mir, wenn ich die Massen vor mir sehe.

Wilhelm Lamszus, Schriftsteller und Pädagoge. 1912 erschien sein Buch "Das Menschenschlachthaus".

Es ist, als ob der Tod die Sense auf das alte Eisen geworfen hat, als ob er nun Maschinist geworden wäre. Das Korn wird nicht mehr mit der Hand gemäht.

Ein Buch für die Jugend, das erste, das in Deutschland gegen den Krieg geschrieben wurde, in einer Zeit, als kriegsverherrlichende Bücher massenhaft produziert wurden und als empfehlenswerte Lektüre galten.

"Sogar die Garben werden schon mit der Maschine gebunden - so werden sie auch unsere Millionen Leichen mit Grabmaschinen in die Erde schaufeln müssen."

Im März 1915 wird das Buch verboten, als die Wirklichkeit die Vision schon eingeholt hat.

Der Erste Weltkrieg veränderte die Welt. Er markierte eine Wende in der politischen Weltordnung: Die USA wurden zur Weltmacht; Europa war nach Kriegsende nicht mehr der Mittelpunkt der Welt, Deutschland war nicht mehr die Großmacht in der Mitte Europas, und der Kaiser nicht mehr ihr höchster Repräsentant.
Das Ende der "guten alten Zeit".

1900 hat Deutschland 56 Millionen Einwohner, 1914 schon 67,7. Die Lebenserwartung beträgt 40 - 50 Jahre. Von 1900 bis 1904 sterben trotz fortentwickelter Medizin 320.000 Menschen an Cholera, Typhus und Grippe.

Was ist "Atom"?

"Ein Apparat, der in hygienisch und technisch vollkommener Weise den Staub aus jedem Gegenstand entfernt"

Staubsaugerwerbung von 1906


"Der Staubsauger Atom löst die von der Wissenschaft gestellte Aufgabe der Staubentfernung in vollkommener Weise Der in dem luftdicht verschlossenen Behälter aufgesammelte Staub kann dann von Zeit zu Zeit in den Müllkasten geschüttet oder verbrannt werden."

Die Zeit vor 1914, das Kaiserreich, erschien nach dem Krieg, als die alte Welt untergegangen war, als wohl geordnet. Aber es war auch eine Zeit des Umbruchs, des Nebeneinander von Tradition und Moderne, von Reichtum und Armut, von Rückständigkeit auf dem Land und Lärm und Hektik in der Stadt.

1903 werden in Berlin durch Omnibusse, Straßenbahnen, Stadt- und Ringbahn 581 Millionen Personen befördert. Auf den Straßen sind Kutschen, aber auch immer mehr Autos. Das Gefühl für Raum und Zeit verändert sich.

Der Einzelmensch hört auf, eine Größe für sich zu sein. Er gleicht einem Getreidekorn, das auf dem Gummiband durch das Lagerhaus gefahren wird.

Friedrich Naumann, Pfarrer, Politiker und Publizist, 1911.

Damit ändern sich die seelischen Zustände des Menschen. Das alte Ideal, für sich allein zu sein, verblasst und verkümmert. (...) Alle Verhältnisse werden vom Gedanken der Organisation, das ist der Regelung der Menge, durchdrungen."

Mit Freunden, die in Paris oder Rom Vorlesungen hören, verknüpft uns das Telefon ... Im Münchener Hauptbahnhof harrt der Blitzzug, der auf den Brenner rauscht ...

Der Schriftsteller Heinrich Eduard Jacob.

Und bald wird vielleicht der elektrische Fernseher erfunden sein, dieser Traum der Liebe, durch den man ... aus dem Berliner November die Bläue des Ligurenmeeres sehen kann oder die Geliebte in einer fernen Stadt.

Dampfschiff, Eisenbahn, Telegraph sind gleichsam heimatlos; sie sind allen Klimaten und sonstigen geographischen Bedingungen zugänglich. Darum machen sie auch heimatlos, lösen vom Boden, geben innerhalb der Erdverhältnisse unendlichen Horizont.

Der Historiker Karl Lamprecht, 1912.

Trotz des unendlichen Horizonts: Die Gesellschaft des Kaiserreichs ist von gläsernen Mauern durchzogen, die Klassen und Milieus trennen.

Wie die Familie schlief?

fragt der SPD-Reichstagsabgeordnete Albert Südekum in den 1890er Jahren im Hinblick auf die Wohnverhältnisse der Arbeiter in den düsteren Mietskasernen der Großstädte.

Mann und Frau in dem einzigen Bett. Die Kinder wurden auf ausgebreiteten Kleidungsstücken untergebracht und durften erst dann ins Bett kriechen, wenn Vater und Mutter - gewöhnlich vor 5 Uhr morgens - aufgestanden waren. Die kleinsten Kinder waren jeweils in einem Korbe, gelegentlich auch ... in einem halbaufgezogenen Schub der Kommode gebettet.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist auch auf dem Land groß:

Mit zwölf Jahren war ich von meinem Vater aus dem Haus geschickt worden. Ich sollte jetzt selber schauen, wo ich Futter für mein hungriges Maul herkriege. Ich ging zu einem der großen Bauern des Dorfes.

Erinnerungen eines württembergischen Tagelöhners, um 1910.

"Die Arbeit war hart. Es gab keine Maschinen; die ganze Kornernte wurde noch mit der Sichel geschnitten. Morgens um drei ging es hinaus aufs Feld."

Insgesamt haben sich, mit regionalen Unterschieden, die Lebensbedingungen in Deutschland seit Anfang des 19. Jahrhunderts allerdings verbessert.

Dennoch grassiert im Bürgertum die Revolutionsfurcht, das Ausmaß der gesellschaftlichen Ungleichheiten wird zunehmend als Problem wahrgenommen. 1848 war das Bürgertum noch für liberale Werte und Demokratie eingetreten, nun schottet es sich nach unten, zur Arbeiterklasse, ab - ohne Einfluss auf die Macht im Staate zu haben:

Alles was nicht konservativ ist, fühlt sich als kaum geduldet.

...stellt Pfarrer Naumann 1904 fest. Er plädiert für ein Bündnis von Bürgertum und Arbeiterschaft.

"Der Liberalismus zahlt die meisten Steuern, aber zu sagen hat er nur wenig. Die Sozialdemokratie stellt die meisten Soldaten, aber mitzureden hat sie noch weniger."

Doch die Bürger suchen nicht politische Mitbestimmung, sondern den Anschluss zum Adel, verfallen in Opportunismus und Titelsucht.

Wer einen Verein leitet, wird "Direktor" oder "Präsident", der Leiter des Geschäfts, einer Fabrik oder Aktiengesellschaft wird "Generaldirektor". Alle diese Titel werden nicht etwa bloß im Geschäftsverkehr, sondern stets gebraucht, für den Mann und die Frau, sie sind soziale Auszeichnungen. Mit großer Sorgfalt muss man sich hüten, einen solchen Titel zu vergessen.

Johann Friedrich Freiherr von Schulte, 1909.

Fassade ist alles.

Zu den besten Hausfrauen gehören oft die Gattinnen der Offiziere. Das "Standesgemäße" herrscht in diesen Kreisen viel unbarmherziger als anderswo. Außen ist alles sehr anständig, vielleicht sogar "elegant"; wenn die Familie jedoch für sich ist, dann begnügt sie sich mit dem Einfachsten, um ehrlich durchzukommen.

Otto von Leixner, Schriftsteller.

Es werde Licht.

Straßenszene in Paris um 1900 (Bild: AP Archiv)
Straßenszene in Paris um 1900 (Bild: AP Archiv)
Die Jahrhundertwende wird von vielen Zeitgenossen als Übergang in ein neues technisches Zeitalter gesehen. Das Jahrhundert der Dampfkraft wird abgelöst vom elektrischen Jahrhundert. Die ersten Strom-Versorgungswerke entstehen 1882 in London und New York. Bald sind elektrisch beleuchtete Schaufenster auch in Paris zu sehen, dort ist auf der Weltausstellung 1900 der "Elektrizitätspalast" eine der Hauptattraktionen: 5.000 Glühlampen erzeugen die Illusion eines zweiten Sternenhimmels.
Der Elektrizität wird fast alles zugetraut.

Die Elektrizität wird jedem Einzelnen das Quantum Kraft liefern, das er für seine Zwecke braucht...

...schrieb die Frankfurter Zeitung schon 1891.

"...und dadurch befreit sie ihn aus der drückenden Knechtschaft des Großbetriebes und der Schablone."

Die Sonne gilt als Energiequelle der Zukunft. Auch Sozialdemokraten wie August Bebel schwärmen:

Alle großen Städte werden umringt sein von gewaltigen Apparaten, regelrechten Sonnenstrahlenfallen, in denen die Sonnenwärme aufgefangen und die gewonnene Energie in mächtigen Reservoirs aufgestaut wird. ... Es ist die Kraft der Sonne, die .... alle Arbeit in der Welt verrichtet.

Brüder zur Sonne zur Freiheit
Brüder zum Lichte empor
hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchtet die Zukunft empor.


Man ist überzeugt: Der technische Fortschritt wird die Welt zum Positiven verändern. Mehr Zeit für den einzelnen. Mehr Bildung für alle. Bessere Druckmaschinen werden Bücher künftig auch für Ärmere erschwinglich machen und soziale Ungleichheiten nivellieren.

Aber das preußische Kultusministerium macht sich Sorgen. Um die Jahrhundertwende gibt es die ersten Kinos, und das Ministerium warnt 1912:

Vor allem aber wirken viele dieser Lichtbildbühnen auf das sittliche Empfinden dadurch schädigend ein, dass sie unpassende und grauenvolle Szenen vorführen, die die Sinne erregen, die Phantasie ungünstig beeinflussen und deren Anblick daher auf das empfängliche Gemüt der Jugend ebenso vergiftend einwirkt wie Schmutz und Schundliteratur.

Der Wahnsinn und die Glorie unserer Zeit steigen herauf, beide hart nebeneinander; die Größe und die Bestialität; der Fortschritt und der Servilismus; der machtvolle Gedanke der Freiheit, der Zauber technischen Könnens, die listige Lüftung stiller Elementargeheimnisse, die Verfeinerung und Erhöhung der Menschlichkeit, die Verbreitung der ethischen Idee - auf der anderen Seite die stärkste Machtanbetung aller Zeiten, .... die Herrschaft des Säbels, und noch über dem Säbel die Vergottung des Geldes. ... und aus der Tiefe steigt das Gebrüll der Unbeteiligten, der Ausgeschlossenen. .... Alles blüht und alles rast.

Der Journalist Alfred Kerr 1899.

Nach der Jahrhundertwende ist Deutschland zur größten Industriemacht Europas avanciert, es strebt nach Autarkie, nach einer Herauslösung aus dem Abhängigkeitsgeflecht multilateraler Wirtschaftsbindungen. Der Kaiser, der sich als Repräsentant einer neuen Generation versteht, Fortschrittsglauben und Technikbegeisterung fördert - er strebt nach Weltgeltung.

Die Zeit vor 1914 ist eine Zeit beispielloser Rüstungswettläufe: die rasante technische Entwicklung führt zu einer fortlaufenden Industrialisierung der Kriegsführung. Mißtrauisch beäugten sich die europäischen Staaten: Neue Waffensysteme, vom Maschinengewehr bis zur Produktion schneller Großkampfschiffe, erfordern massive Umrüstungsprogramme. Eine Eigendynamik entsteht, die fast zwangsläufig auf Krieg hinauszulaufen scheint.

Die militärisch gedrillte Masse wollte ihre erlernten Künste in kriegerischen Glanzspielen zeigen und gezeigt sehen.

Das stellte Walter Rathenau später fest, im Rückblick, nachdem sich die Großmächte 1914 in den Krieg gestürzt hatten, der die Welt unwiderruflich veränderte.

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.


1911 veröffentlicht Jakob von Hoddis sein "Weltende", eine Vorahnung des Kommenden.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.


Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation von DeutschlandRadio Berlin mit dem Deutschen Historischen Museum und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Berlin. Bis zum 16. August können Sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung sehen unter dem Titel "Der Weltkrieg 1914-18. Ereignis und Erinnerung".


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-> Der Weltkrieg 1914-18. Ereignis und Erinnerung. Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin