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21.7.2004
Kriegsgräuel und ein Aufruf an die Kulturwelt
Sendeschwerpunkt 1. Weltkrieg vor 90 Jahren
Von Rolf Cantzen

Ende des I. Weltkriegs an der Ostfront (Bild: DHM)
Ende des I. Weltkriegs an der Ostfront (Bild: DHM)
Der Erste Weltkrieg wird heute als "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts angesehen. Denn er richtete nicht nur in den Jahren 1914-18 grenzenlose Verwüstungen an, sondern hatte auch schreckliche Folgen. Hitler und der Zweite Weltkrieg sind eine logische Folge des ersten großen Krieges. Während des Krieges kam es zu Berichten über Greueltaten an der Zivilbevölkerung. Die Intellektuellen in Deutschland verfielen einem nationalistischen Wahn.

Die Bevölkerung hat sich geradezu teuflisch, um nicht zu sagen viehisch benommen, nicht ein Haar besser als die Kosaken. Sie haben Verwundete gequält, erschlagen, Ärzte, Lazarettpersonal umgebracht ...

... notiert Wilhelm II. am 9. August 1914 nach dem völkerrechtswidrigen Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien. Doch war es wirklich so? Waren seine Soldaten Täter oder - wie es die deutsche Propaganda wollte - Opfer?

... man sagte mir aber, dass mein Regiment fortgesetzt hier und dort aus den Häusern angeschossen worden ist. Schließlich beschloss der Bataillons-Kommandeur, ein Exempel zu statuieren und befahl mir, eine größere Anzahl wehrfähiger Männer erschießen zu lassen...

Ich habe befohlen, auf Zivilisten, die dort am Boden lagen, aber anscheinend noch nicht tot waren, zu schießen um ihnen sozusagen den Gnadenschuss geben zu lassen...

... ich ließ die gefangenen Einwohner und französischen Soldaten, im Ganzen 100 Mann, niederschießen, das Dorf in Brand schießen.

... die männlichen Einwohner wurden standrechtlich erschossen. Dass von meinem Bataillon beim Straßenkampf ein Mann verwundet oder gar getötet worden wäre, habe ich nicht gesehen. Dagegen sah ich mindestens 180 Leichen erschossener Franktireurs auf der Straße liegen ...

Diese und ähnliche Aussagen machen Offiziere und Unteroffiziere vor internen Untersuchungskommissionen der deutschen Wehrmacht Anfang 1915.

Der Gegenstand der Untersuchung:

Vorkommnisse während der Besetzung Belgiens im August 1914.

Der Anlass der Untersuchung:

Berichte in der unabhängigen internationalen Presse über Verbrechen an der Zivilbevölkerung und die gegnerische Propaganda, die geschickt die "Gräueltaten" deutscher Truppen nutzte.

Der historische Hintergrund:

4. August 1914. Drei Tage nach Kriegsbeginn marschiert Deutschland mit einer Million Mann in Belgien ein und folgt damit einer Strategie, die Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen bereits 1905 entwickelt hat. Der Schliefen-Plan sieht vor, Frankreich schnell mit aller Macht von Norden her, über Mittel- und Süd-Belgien, anzugreifen und zu besetzen, um anschließend die deutschen Armeen im Osten und Süden einsetzen zu können.

Doch der Schlieffen-Plan schlägt fehl. Der Widerstand belgischer und französischer Truppen ist unerwartet stark, die Verluste der deutschen Truppen sind hoch, und die anfängliche Kriegs-Euphorie und patriotische Siegeszuversicht weicht Verunsicherung und Angst. Hinzu kommen Gerüchte über die Brutalität der unberechenbaren "Franktireurs".

Unter "Franktireurs" verstand man Freischärler in Zivil - Männer und Frauen jeden Alters, die unsichtbar aus dem Hinterhalt Soldaten angriffen oder sie gefangen nahmen und ermordeten. Sie hätten - so die in der Truppe verbreiteten Gerüchte - Soldaten in den Dörfern zunächst freundlich und friedlich empfangen, dann aus dem Hinterhalt beschossen, vergiftet und sogar verstümmelt. Die deutschen Soldaten reagierten nervös und unkontrolliert. Schüsse lösten Panik aus. Die Soldaten schossen wild um sich, auch auf eigene Kameraden. Man lastete dies den "Franktireurs" an, erschoss willkürlich die Bewohner der besetzten Dörfer und Städte oder trieb sie in ihre Häuser und steckte sie in Brand. Offiziere befahlen, zur Abschreckung Geiseln zu erschießen.

Ihr Belgier habt unseren Soldaten die Nasen, Ohren, Augen und Finger abgeschnitten. Dafür werdet ihr erschossen.

... soll ein deutscher deutschen Offiziers laut einem späteren belgischen Untersuchungsbericht gerufen haben.

Auch der Kaiser glaubt den Gerüchten. Soldatenzeitungen schüren Ängste. Briefe von Soldaten belegen die Furcht und offizielle "Bekanntmachungen" schüren sie weiter:

Einwohner!
Wir führen nur Krieg gegen die feindliche Armee und nicht gegen die Einwohner. Trotzdem sind die deutschen Truppen häufig durch Personen angegriffen worden, die nicht zur Armee gehören. Man hat die scheußlichsten Grausamkeiten nicht nur an unseren Truppen, sondern auch an unseren Verwundeten und Ärzten verübt, die sich unter dem Schutz des Roten Kreuzes befinden.
Als Strafmaßnahmen werden Hinrichtungen von Geiseln sowie die Zerstörung von Dörfern angedroht - und durchgeführt.


Recherchen von Historikern in den Archiven verschiedener Länder ergaben später, dass es größere Aktivitäten von "Franktireurs" nicht gegeben habe. Aber mehr als 6500 Zivilisten kamen beim deutschen Einmarsch in Belgien ums Leben - unter ihnen Jugendliche, Priester, Frauen. Zehntausende flohen vor den deutschen Truppen nach Holland und Frankreich. Tausende wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Dörfer wurden niedergebrannt, systematisch geplündert, große Teile der alten Universitätsstadt Löwen zerstört. Die Bibliothek der Stadt ging in Flammen auf, ebenso die Kathedrale.

Die gegnerische Propaganda macht sich die deutschen Kriegsgräuel zunutze:
Abbildungen von einem Jungen, der mit einem Holzgewehr in der Hand hingerichtet wird, von abgetrennten Brüsten, von aufgeschlitzten Frauenleibern, aus denen die Gedärme hervorquellen, von einem kleinen Mädchen, das seine abgeschlagene Hand beerdigt. Immer wieder abgetrennte Hände, Füße, Finger...

Massenpsychologisch wirksam inszenierte Schreckensbilder, die man in Belgien kannte: Ähnliche Grausamkeiten wurden den belgischen Kolonialtruppen in Afrika vorgeworfen und konnten nun kollektiv entlasten, indem sie den deutschen Besatzern vorgeworfen wurden.

Die deutsche Propaganda greift auf ähnliche Motive zurück:
Ein "Franktireur" im Arztkittel mit Rotem Kreuz, der den abgeschlagenen Kopf eines deutschen Soldaten in der Hand hält; russische Soldaten, die in Ostpreußen vergewaltigen, plündern, morden.

In Deutschland melden sich am 4. Oktober 1914 Intellektuelle mit einem "Aufruf an die Kulturwelt" zu Wort.

An die Kulturwelt!
Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten.
Es ist nicht wahr, dass Deutschland diesen Krieg verschuldet hat.
Es ist nicht wahr, dass wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben.
Es ist nicht wahr, dass eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden wäre, ohne dass die bitterste Notwehr es gebot. Denn wieder und immer wieder, allen Mahnungen zum Trotz, hat die Bevölkerung sie aus dem Hinterhalt beschossen, Verwundete verstümmelt, Ärzte bei der Ausübung ihres Samariterwerkes ermordet.


Karl Kraus bezeichnete den Aufruf später als "geistigen Kriegsbeginn". Die 93 Intellektuellen hätten keine Lüge gescheut, um darzutun, dass Deutschland verleumdet werde.
Schriftsteller, Philosophen, Ökonomen, Naturwissenschaftler und Künstler unterschrieben. Sie präsentieren sich als Vertreter des deutschen Kulturvolkes:

Es ist nicht wahr, dass unsere Kriegsführung die Gesetze des Völkerrechts missachtet. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde und im Westen zerreißen die Dumdumgeschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.
Es ist nicht wahr, ...


Die 93 deutschen Intellektuellen folgen dem Rassismus der völkischen Bewegungen, stilisieren den Krieg als Kulturkampf, präsentieren den Militarismus als Schutz der deutschen Kultur und beenden den Aufruf damit, dass dem deutschen Kulturvolk und ihnen als Repräsentanten …

... das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.

Karl Kraus bemerkte:

Man delektiert sich allerorten am Glück der Lüge, vollends der Lüge, der ihr das Hochgefühl einer kulturellen Verantwortung verschafft.

Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Publikationen belegen, dass der "Aufruf an die Kulturwelt" die Zweifel vieler Intellektueller zerstreute und dass er auch die deutsche Zivilbevölkerung erreichte, die vom Kriegsverlauf enttäuscht war.

Die deutschen Truppen werden in Belgien zurückgeschlagen, der verlustreiche Stellungskrieg beginnt. 1915 beginnt die Bevölkerung unruhig zu werden. Der Krieg hat zunehmend Auswirkungen auf das Leben in Deutschland. Die Reallöhne sinken, die Preise für Lebensmittel steigen, die Steuern ebenso. Die wehrfähigen Männer scheiden aus der landwirtschaftlichen Produktion aus, mit Lebensmitteln werden vorrangig die Soldaten versorgt, die Seeblockade zeigt Wirkung. Massiv wird für Kriegsanleihen geworben.

Rudolf Havenstein: Auch unsere Kriegsanleihen sind ein Teil des Kampfes, der über unseres Volkes Zukunft entscheidet und dessen Schlachten ebenso mit der Arbeit und der Wirtschaftskraft wie mit den Waffen geschlagen werden. Auch sie gehören zu den Entscheidungstaten und den Entscheidungsstunden der Geschichte, die in diesen Jahren des Völkerringens sich aneinanderreihen.

Bereits 1915 kommt es zu ersten Unruhen und Protesten wegen der schlechten Versorgungslage. Ein Jahr später steht in einem Flugblatt:

Was kommen musste, ist gekommen: Der Hunger!

In Leipzig, in Berlin, in Charlottenburg, in Braunschweig, in Magdeburg, in Koblenz und Osnabrück, an vielen anderen Orten gibt es Krawalle der hungernden Menge vor den Läden mit Lebensmitteln.

An der sogenannten Heimatfront bröckelte es. In den Städten kommt es zu spontanen Protesten und organisierten Massendemonstrationen. In Deutschland starben in den Kriegsjahren etwa 800.000 Menschen an Mangel- und Unterernährung.

In Ost- und Südosteuropa hungern die Menschen ebenfalls. Auch hier kommt es zu Gräueltaten an der Zivilbevölkerung: Tausende ukrainische Zivilisten, 4000 serbische werden erschossen, erschlagen, verbrannt, gehängt ...

Im Osmanischen Reich werden 1914/15 von den Türken mit deutscher Billigung zwischen 600.000 bis 1,5 Millionen Armenier deportiert, erschossen, erschlagen ...

Es ist nicht wahr, dass unsere Kriegsführung die Gesetze des Völkerrechts missachtet.
Es ist nicht wahr, ...


Am 22. April 1915 greifen die deutschen Truppen - unter Bruch des Völkerrechts - zum ersten Mal eine britische Stellung mit Giftgas an, um den Widerstand in Belgien zu brechen. Die Briten sind völlig unvorbereitet. 10.000 Soldaten sterben qualvoll in den Giftgasschwaden.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation von DeutschlandRadio Berlin mit dem Deutschen Historischen Museum und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Berlin. Bis zum 16. August können Sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung sehen unter dem Titel: "Der Weltkrieg 1914-18. Ereignis und Erinnerung".

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-> Der Weltkrieg 1914-18. Ereignis und Erinnerung. Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin