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19.7.2004
Unter den Linden 1
Stadtkommandant Paul von Hase und der 20. Juli 1944
Von Anselm Weidner

Der Widerstand gegen Hitler und das Nationalsozialistische Regime war ein Widerstand unter Einsatz des Lebens. Tausende sind wegen ihres Aufstands des Gewissens ermordet worden. Morgen jährt sich zum 60. Mal der Tag, an dem Militärs versuchten den Hitlerspuk zu beenden. Einer der Offiziere des 20. Juli war der Stadtkommandant Berlins Paul von Hase. Sein Wirken und sein Scheitern führt uns direkt zur ersten Adresse der Metropole.

"Leben eines Kriegers, vom Knaben bis zum Tode" - Acht Skulpturen in weißem Marmor mit viel Schwertern, Lanzen, Schilden nach Skizzen von Friedrich Schinkel auf der Schlossbrücke - das ist der Auftakt zum Berliner Boulevard 'Unter den Linden'.

Und dann, linker Hand Richtung Brandenburger Tor Takt 1: ein, mit Quaderputz und mit ausgebreiteten Flügeln dräuenden Terracotta-Adlern auf dem Dachgesims, wie zur Festung umgebautes Stadtpalais -: die Stadtkommandantur 'Unter den Linden 1', heute die Berliner Repräsentanz von Bertelsmann, des Global Players im Mediengeschäft, war bis 1945 Militärverwaltung, Heeresgericht und für den Fall innerer Unruhen Kommandozentrale für die Truppen des Wehrkreises Berlin. Hier residierte der Stadtkommandant Paul von Hase, bis zum 20.Juli 1944.

Paul von Hase - sagt mir nichts/die Frau von dem Münchener Analytiker, mir sagt das nichts/leider nicht/ Herr Hase war ein Widerstandskämpfer, der damals Attentat 1944 auf Hitler, glaub ich als Stadtkommandant hier in Berlin, hat sich beteiligt.

Es war ein wunderschöner Tag. Wir saßen unten im Hof der Kommandantur. Da stand ein großer Nussbaum und mein Vater hatte da so ne kleine Sitzecke eingerichtet. Wir hatten Besuch und wir tranken Kaffee. Und mit einem Mal herrschte aber große Aufregung. Papa rannte aufgeregt hin und her; unsere Soldaten rannten aufgeregt hin und her; die Erwachsenen waren ängstlich und aufgeregt. Denn kamen Autos gefahren; es kamen immer mehr Soldaten. Die ganze Kommandantur war umstellt von Militär. Denn hat' ich auch en bisschen Angst.

Die damals sechsjährige Tochter des Hausmeisters, Lieselotte Hartmann, schildert die Situation in der Stadtkommandantur am 20. Juli etwa gegen 17 Uhr. Um die Zeit bekommt Major Otto Ernst Remer, Kommandeur des in Moabit stationierten Wachbataillons Großdeutschland, vom Stadtkommandanten den Befehl, mit dem Wachregiment das Regierungsviertel rund um die Wilhelm- und die Leipzigerstraße abzuriegeln. Nach den vom militärischen Widerstand gegen Hitler ausgearbeiteten Walküre-Befehlen sollte der mitverschworene Stadtkommandant von Hase sämtliche ihm unterstehenden Truppen in Berlin alarmieren, die wichtigsten Persönlichkeiten des NS-Regimes verhaften und die Reichsbehörden sowie sämtliche Rundfunk- und Presseeinrichtungen besetzen lassen.

Wir geben Nachrichten des Drahtlosen Dienstes. Mordanschlag gegen den Führer. Der Führer unverletzt.

Gegen 18 Uhr erreichen die ersten Rundfunknachrichten über das gescheiterte Attentat Offiziere des Wachbatallions. Sie schöpfen Verdacht, es handle sich um einen Militärputsch und die Einsatzbefehle seien rechtswidrig. Remer geht entgegen von Hases Befehl zu Goebbels. Der lässt Remer zwischen 18.35 und 19.00 Uhr telefonisch mit dem nur leicht verletzten Hitler in der Wolfsschanze verbinden. Hitler überträgt die Befehlsgewalt über die Berliner Truppen auf Major Remer und beauftragt ihn mit der Niederschlagung des Putsches. Das ist der Anfang vom Ende des Widerstands des 20. Juli '44.

Der Führer selbst hat außer leichten Verbrennung und Prellungen keine Verletzungen erlitten.

In der Kommandantur stehen sich jetzt Soldaten von Landschützenbataillionen und Angehörige des Wachbataillons gegenüber.
Von Hase fährt zu Göbbels, nachdem dieser ihm angedroht hatte, andernfalls die Kommandantur sprengen zu lassen. Am späteren Abend kommt es zu einem einstündigen Gespräch zwischen dem Stadtkommandanten, Propagandaminister Goebbels und Reichsicherheitshauptamts-Chef Kaltenbrunner. Paul von Hase gibt sich arg- und ahnungslos, wird aber in Goebbels Dienstwohnung festgehalten und ist fortan Gefangener.

Diesmal wird nun so abgerechnet, wie wir das als Nationalsozialisten gewohnt sind.

Der Staatsstreich des 20. Juli 1944 ist gescheitert.
Am nächsten Morgen wird Paul von Hase von der Gestapo verhaftet. In derselben Nacht dringen Soldaten des Wachbatallions in die Kommandantur ein und verhaften Frau von Hase und zwei ihrer Kinder.
18 Tage später, am 7. und 8. August wird Paul von Hase zusammen mit acht weiteren Angeklagten vor dem Volksgerichtshof unter Leitung Roland Freislers der Prozess gemacht. An den Wänden des Großen Saals des Kammergerichts am Kleistpark hängen riesige rote Hakenkreuzfahnen, der Präsident in blutroter Robe.

Der ehemalige Generalleutnant von Hase. Haben Sie über die Vorgänge, über die wir gestern gesprochen haben, etwas Sicheres gehört? - Garnicht. - Garnicht. Wohl aber haben Sie Ende '43 einmal ein Gespräch mit Olbricht gehabt.
Er sagte zu mir: ich mache mir Sorgen, was passiert, wenn der Führer plötzlich stirbt. Er rechne mit einem Machtkampf zwischen zwei Gruppen.


Paul von Hase steht dem Richterschergen Freisler erstaunlich gefasst gegenüber. - Er wird als Letzter von acht Angeklagten vernommen. Längst vor dem Prozess steht Paul von Hases Todesurteil, wie das der anderen Verhafteten, fest. Alle werden als 'eidbrüchige, ehrlose Ehrgeizlinge' zum Tode verurteilt und noch am 8. August in Plötzensee gehängt. Hitler hatte seinen ersten Schauprozess gegen die Männer des Widerstands des 20. Juli veranstalten lassen. In den folgenden mehr als 50 Prozessen werden über 110 Todesurteile verhängt.
Wer war dieser Mann, der vom stolzen kaiserlichen Gardeoffizier des traditionsreichen 1. Garde-Grenadier Regiments Kaiser Alexander als General und Berliner Stadtkommandant unter Hitler zum Widerständler wurde?
Paul von Hase, der 1914 vaterländisch begeistert, unter fliegenden Fahnen als Garde-Oberleutnant nach Belgien marschiert und als Generalstabsoffizier am Ende des 1. Weltkrieges in Flandern das Zurückweichen der deutschen Truppen erlebt, der aber die demagogische Rede vom Dolchstoß der Novemberverbrecher und Erfüllungspolitiker, die der kaiserlichen Armee in den Rücken gefallen seien, immer abgelehnt hat; Paul von Hase, der sich vor dem Überfall auf die Tschechoslowakei 1938 an einem ersten Staatsstreich- und Attentatsplan gegen Hitler beteiligt und der ein halbes Jahr später als Infanteriekommandeur in Guben an der Oder zum Heldengedenktag 1939 spricht:

14 Jahre musste das deutsche Volk den Weg der Schmach und Schande gehen. Dann entstand ihm ein Mann,...der die Besten an sich zog um Deutschland einer besseren Zukunft zuzuführen. Der Führer hat gezeigt, dass in der nationalsozialistischen Bewegung ein Kraftquell ist. Er gab dem deutschen Volk Brot und Arbeit. Er gab ihm die Wehrfreiheit und die Sicherheit wieder.

Wer war dieser so widersprüchlich erscheinende Mann?

Er war ein konservativer Offizier; er war ein kaisertreuer Offizier; er war protestantisch geprägt, dass eine ganz klare Haltung damit zusammenhing, dass mein Vater, dort wo er konnte die schützende Hand gerade über Mitglieder der Bekennenden Kirche hielt. Wobei man sich vorstellen muss, dass man, wenn man eine gewisse Funktion hatte, zu einer Art Doppelrolle verurteilt war. Man musste auf der einen Seite irgendwie mitspielen; das ganz Andere war aber, wie man im internen Kreis dachte.

Ob und wenn wie ihm dies Doppelleben zugesetzt hat, kann der jüngste Sohn, Friedrich-Wilhelm von Hase nicht wissen, denn als Siebenjähriger verlor er seinen Vater, und er betont, dass sein 1885 in Hannover als Sohn eines königlich-preußischen Oberstabsarztes geborener Vater aus einer stark theologisch geprägten Familie stammt. Schon von daher sei er von einer tiefen Humanität geprägt gewesen. Während des Krieges ging es zum Beispiel einmal um eine Lebensmittelsendung des Roten Kreuzes für russische Kriegsgefangene.

Da hat die Prinzessin Metternich sich an meinen Vater gewandt, er möge doch da vermitteln. Mein Vater hat versucht es zu machen, aber es ging nicht. Er wurde von der Partei stark gerügt; die Sache lief schief. Mein Vater hat sich eingesetzt für die Juden, dass Ihnen die Orden und Ehrenzeichen belassen würden. Damit war natürlich der Gedanke verbunden, wem man die militärischen Orden aus dem 1. Weltkrieg belässt, den kann man ja schlecht ins KZ bringen. Und auch da hat er sich schärfste Verweise von Seiten der Nazis eingeholt.

Er hat bei einem Besuch seines Neffen Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis Hafterleichterung durchsetzten können, hat einem gefährdeten Jesuitenpater Georg, ehemals Kronprinz von Sachsen, mehrfach bei sich Unterkunft gewährt und jeder Antisemitismus war ihm fremd, bestätigte ein jüdischer Verwandter, der spätere Bundesverfassungsrichter Gerhard Leibholz.
Paul von Hase verband sein Soldatentum außer mit Vaterlandsliebe immer mit Anstand und Aufrichtigkeit und mit der Überzeugung, zuerst Gott, und dann dem Recht und den Menschen zu dienen, so Friedrich Wilhelm von Hase. - Aus dieser Haltung heraus hatte der General, wie die allermeisten konservativen Militärs, anfangs auf Hitler gesetzt. Mindestens seit 1937, als Hitler vor Generälen erstmals unverblümt von seinen Kriegsplänen gesprochen hatte, wahrscheinlich aber schon früher, 1934, als Hitler zwei Generale der Wehrmacht im Zusammenhang des Röhm-Putsches ermorden ließ, war er zum entschiedenen Hitlergegner geworden.

Ich gehöre zu den letzten preußischen Offizieren der kaiserlichen Armee, der ich bis zu meinem Tode treu bin

soll der Stadtkommandant noch kurz vor dem 20. Juli gegenüber seiner Frau geäußert haben.

Noch nie von gehört. 20. Juli 1944, sagt Ihnen das was? Hm, ja, Zeit des 2. Weltkriegs, aber hm/ Ne, det is beschämend, ik wohnte hier um die Ecke - irgendwie en Schauspieler/Hase? Der taucht ja in der Geschichte überhaupt nicht auf.

Hier wohnte Generalleutnant Paul von Hase, 24.7.1885 - 8.8.1944, Stadtkommandant von Berlin 1940-44. Am Umsturzversuch vom 20. Juli führend beteiligt, dafür am 8. August 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

… ist in der Giesebrechtstr. 17 im Berliner Stadtteil Charlottenburg auf einer Gedenktafel zu lesen. - Von 20 befragten Passanten in Berlin vor von Hases Wohnung wusste einer, wer von Paul von Hase war; die Hälfte wusste mit dem Datum 20. Juli 1944 nichts anzufangen.

Am Abend wurde mit rund 600 Gästen aus Medien, Politik und Wirtschaft, darunter Bundeskanzler Schröder, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Boris Becker und Günther Jauch die Bertelsmann-Repräsentanz in der ehemaligen Stadtkommandantur Unter den Linden 1 eröffnet.
Sonderbar unwirklich weiß leuchtet jetzt die originalgetreu rekonstruierte Fassade von 1874 mit ihrem von jonischen Säulen getragenen Portikus, Löwenköpfen über den Rundbogenfenstern und darüber das Remake eines antiken Reliefs 'Achill unter den Töchtern des Lykomedes' und die Adler mit dräuend erhobenen Schwingen auf dem Dachgesims.

An prominenter Stelle soll eine internationale Stätte der Begegnung für Menschen aus Politik und Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Medien entstehen.
Das Gebäudeinnere der rekonstruierten Stadtkommandantur wurde modern gestaltet.


Aus Bertelsmann-Pressemitteilungen zur Neueröffnung der Stadtkommandantur am 6. November 2003. Eine Installation "Plug§Play" präsentiert in der Eingangshalle auf 20 separat ansteuerbaren Flachbildschirmen filmische Impressionen aus der Medienwelt von Bertelsmann und unterm Wintergarten-Glasdach sind auf einem Riesen-LED-Bildschirm Wolkenbilder zu sehen, balanciert ein Seiltänzer, fliegt ein Zeppelin oder ein menschlicher Körper: "ein digitales Deckengemälde 'im Stil der Renaissance', wie es in einer Presseerklärung heißt. Dort heißt es auch:

'Ziel war es, Historie und Moderne in einen konstruktiven Dialog treten zu lassen.'

Und einer, der sich intensiv mit der Geschichte der Stadtkommandantur beschäftigt hat, der Berlin-Historiker Laurenz Demps, erklärt:

Für den 20. Juli ein ganz wichtiger Ort. Das ist auch für mich einer der Punkte, warum ich mich mit dem Gedanken einer historischen Rekonstruktion ausgesöhnt habe. Also hier ist der Punkt, wo eigentlich die ganze Sache des 20. Juli kippt, deshalb ist das wichtig.

Nur: nichts, keine Büste im Inneren, keine Gedenktafel außen, erinnert hier an Paul von Hase. Man plane eine Veranstaltung zum 60. Jahrestag des 20.Juli, über die man aber noch nichts sagen könne, und möglicherweise werde an der Fassade eine Gedenktafel angebracht, heißt es bei Bertelsmann. Der Berliner Historiker Laurenz Demps:

Ich glaube das Wissen um den 20. Juli wird in diesem Jahre zwar etwas besser werden, aber ich glaube das ist alles schon im Orkus der Geschichte versunken, das sind schon die Sage von Barbarossa.
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